Archiv der Kategorie: Alltagserlebnisse

Irgendwas ist anders

Auf dem Heimweg heute morgen fällt mein Auge auf eine Szene, die ich schon hundert Mal gesehen habe, blickt weiter, stutzt und kommt zurück…

Da balanciert doch jemand …

… in seiner eigenen Welt und erfreut sich des Frühlings.

Danke, unbekannter Korkenaktivist für dieses Lächeln, das du mir schenkst am Morgen.

Pindo

Segnungen

David Steindl-Rast war schön öfters Thema in diesem Blog. Kürzlich erschien ein neues Video, das sechs Segenswünsche des Benediktinermönchs mit faszinierenden Bildern versieht. Der inzwischen 94-Jährige hat den Text selbst eingesprochen.

Meine persönliche Meditation an diesem Karfreitag war es, den Text ins Deutsche zu übertragen. Dazu habe ich Fotos aus meiner Sammlung herausgesucht.

Die Arbeit gibt mir Kraft in diesen schwierigen Tagen. Mögen auch Sie beim Lesen ein wenig von dieser Kraft empfinden.

Segnungen

Segne was da ist,
für sein Dasein
Was auch immer es ist,
segne es, weil es existiert.
Du brauchst keinen anderen Grund.

Quelle aller Segnungen,
Du segnest uns mit Atem.
Ein und aus, ein und aus
uns ewig erneuernd
immer aufs Neue, uns eins machend
mit allen, die dieselbe Luft atmen
Möge dieser Segen überfluten in eine geteilte Dankbarkeit,
so daß ich mit einem Atemzug das Leben zu preisen und feiern vermöge.

Quelle aller Segnungen,
Du segnest uns mit Demut.
Diese bodenständige Haltung,
die nichts gemein hat mit Erniedrigung,
sondern die uns aufrecht stehen und wertschätzen lässt,
den Humus, der uns nährt und die Sterne, nach denen wir streben.
Möge ich lernen sie auszuüben und in anderen zu ehren,
diese funkelnde Demut, diese Würde,
die wir Menschen nicht verlieren dürfen

Quelle aller Segnungen
Du segnest uns mit Ungenauem
mit allem, das vage ist
nahe dran, aber nicht ganz da
allem, das Raum lässt für das Genauere
das Präzisere, und Raum für Vorstellungskraft
Möge ich wissen, wann es darum geht,
exakt zu sein und wann sich frei zu bewegen
Gesegnet im Raum, der so großzügig gegeben wird
durch alles nicht perfekt Definierte.
Der größte Entfaltungsmöglichkeiten gibt
meinen Träumen und meiner Kreativität.

Quelle aller Segnungen,
Du segnest uns mit Gedächtnis,
diesem heiligen in uns Aufnehmen
von Vergangenem das es uns erlaubt,
Gesichter wieder zu erkennen, Gedichte auswendig zu lernen,
den Weg zurück zu finden, wenn wir uns verlaufen haben,
das altes und neues zum Vorschein bringt
aus seinem nahezu unerschöpflichen Speicher.
Möge ich wissen, was zu vergessen und was zu bewahren
Hoch schätzen die Erinnerung
an die kleinste, mir widerfahrene Freundlichkeit,
und sie weitergeben, wie ein Stein,
der, ins Wasser geworfen, Wellen schlägt,
noch für lange Zeit

Quelle aller Segnungen,
Du segnest uns mit Wandel,
in den Jahreszeiten,
vom Schnee zum Grünen, zur Blüte, Frucht und Ernte,
in den Zeitaltern des Lebens,
von der Kindheit zur Jugend, vollen Reife und Weisheit
Alles Lebende wandelt sich unaufhörlich
Möge ich den Wandel willkommen heißen
als eine heilige Gelegenheit
zu wachsen und zu schmecken
in der Flüchtigkeit jedes unwiederholbaren Moments,
das was IST, jenseits allen Wandels.

Quelle aller Segnungen,
Du segnest uns mit Abschieden ,
Denn sie sind ein notwendiger Teil unserer Reise,
notwendig für das Ankommen,
Möge ich immer bereit sein, Abschied zu nehmen,
bewusst, dass jede Ankunft das Vorspiel ist für einen Abschied
Jedes Geboren werden ein Schritt in Richtung Sterben
und möge ich so schmecken die Segnungen
völlig gegenwärtig zu sein dort wo ich bin
Mögen Segnungen dabei helfen, deinen Geschmack zu schärfen
für die Gabe des Lebens in seinen zahllosen Facetten
Mögest Du immer mehr gesegnet sein,
und immer mehr fähig zu segnen.

David Steindl Rast

Pindo

Blaue Stunde im Park

Kürzlich schrieb ich darüber, wie wichtig es ist, dem Positiven in seinem Leben bewusst Raum zu geben: Unser Hirn benötigt mindestens eine halbe Minute, um positive Erlebnisse und die damit verbundenen Emotionen so zu verarbeiten, dass sie dauerhaft Spuren hinterlassen.

Ein wunderbarer Anlass für das Nähren des Positiven ist für mich der abendliche Spaziergang im Volkspark Schöneberg.

Ich liebe es, bei diesen Spaziergängen ganz bewusst das AUßEN zu fokussieren, mich mit meiner visuellen, auditiven und haptischen Wahrnehmung der mich umgebenden Welt zu verbinden – und dabei den Kontakt zum emotionalen Erleben herzustellen.

Die Baumkrone der Zierkirschbäume vor dem Haus, zarte Knospen an den Spitzen, der Reichtum an Formen in Zweigen und Ästen…

Der Abendhimmel in Blaulilarotschattierungen. Dazu das Krächzen der Krähen und der Abendgesang einer Amsel in meinem Ohr.

Kalt ist der Abendhauch auf meinen Wangen, wohlige Schauer in mir, während ich dem Dreijährigen dabei zusehe, wie er reglos die Lichtspiele am Teich in sich aufnimmt…

Die große Wiese, meist bespielt von lärmenden Menschen. Heute erlausche ich Stille.

Berlin ist voll von magischen Orten wie diesen, auch in diesen Tagen.

Es liegt nur an mir, bedarf meiner bewussten Entscheidung sie zu erschaffen, indem ich sie genau so wahrnehme und genieße.

Wenn ich so das Positive in mir nähre, löse ich mich aus der Schockstarre, ausgelöst durch Corona-Berichterstattung. Ich lasse Stress los, fühle Freude und streichle mein Immunsystem.

Habe ich dazu das Recht? Aber ja. Vielleicht sogar die Pflicht.

Pindo

Tempelhofer Paradies

Das Tempelhofer Feld, der alte Flughafen der Berliner Luftbrücke, ist dank eines erfolgreichen Volksbegehrens heute die größte unbebaute Fläche im Berliner Stadtgebiet. In diesen Tagen ist der Ort mehr denn je ein Paradies. Die Sehnsucht nach frischer Luft und Weite lässt sich nirgendwo so gut in Einklang bringen mit der leider ach so notwendigen sozialen Distanz.

Pindo

Ein Moment aus Duft, Farbe und Form

Im Garten des Krankenhauses Santa Creu i Sant Pau in Barcelona:

Kräutergärten baden die Nase in heilendem Duft. Das Auge schwelgt im Reichtum von Farben und Formen.

Ein neuer Fokus – und plötzlich wird der Duftspender selbst zum architektonischen Juwel.

Pindo

Wellen im Meer und an Land

In Peter Wortmans zweisprachigem Prosawerk Stimme und Atem – Out of Breath – out of Mind finde ich die kurze Kindheitserinnerung Der einäugige Kater, oder die Wellentheorie. Darin beschreibt der Autor, wie er im Alter von etwa 10 Jahren am Strand seine Angst vor dem Meer überwindet.

Bis dahin hatte ich eine riesige Angst vor dem Ozean und ging nur widerstrebend zum Strand. Ich mauerte mich in einer Sandburg mit hohen Mauern ein. Doch kamen immer wieder die Wellen und mit einem Hieb zertrümmerten sie meine Festung.

Ich sprang auf und warf mich aus Wut und Verzweiflung ins Wasser, sofort wurde ich von einer Welle umgeworfen. Erst weinte ich. Schnell lernte ich aber, dass die Wellen zwar unbesiegbar waren, dass man sie aber reiten konnte. Ruhig muss man warten, bis auf der Wasserfläche plötzlich ein wilder wackeliger Hügel mit einer Schaumkrone bedeckt wächst. Erst dann, wenn sie die richtige Höhe erreicht hat, wirft man sich, Kopf vorwärts, in die brechende Welle, streichelt sie auf dem Gipfel, wo es braust und schäumt, über den Wirbel unter dem Bauch und zwischen den Beinen, und gleitet auf dem flüssigen Sattel dem Strand entgegen.

Wellen gibt es auch an Land und auch in den Gedanken, das lernte ich erst viel später, nur sind sie da unsichtbar und deshalb um so schwieriger zu erkennen und zu reiten.

Stimme und Atem, S. 26f

Spannend diese Analogie zwischen den Meereswellen und den Wellen der Gedanken. An manchen Tagen überfluten sie mich, brausen und schäumen in und um mich herum. An anderen gelingt es mir, in die Rolle des Betrachters zu schlüpfen und der Wucht bewusst Raum zu geben, und je mehr Raum sie erhalten, desto weniger bedrohlich wirken sie.

Und wer weiß? Womöglich ist es eine Frage der Übung – und irgendwann ist der Raum groß genug und aus der Bedrohung erhebt sich eine Empfindung von Erhabenheit und Ehrfurcht. So wie im Januar vor drei Jahren beim Anblick des Indischen Ozeans, wie er an die Südküste von Australien peitschte.

Pindo

Tropfen auf den heißen Stein

Ein Buch erreicht mich als Geburtstagsgeschenk. Darin sorgt gleich die erste Seite für starke Resonanz:

„Frühmorgens, als ich am Strand entlang ging, sah ich einen Jungen, der Seesterne aufhob, um sie ins Meer zurückzuwerfen. Warum machst du dir solche Mühe, fragte ich ihn. Sie vertrocknen doch sonst in der Sonne, gab er zurück. Aber da liegen doch noch Tausende – was nützt deine ganze Anstrengung! Der Junge schaute auf das Gebilde, das er in der Hand hielt und warf es ins Meer: Dem hier hat es genützt, sagt er.“

Moaña, Galicien, Winter 2014

Tropfen auf einen heißen Stein –
doch „steter Tropfen höhlt den Stein“.
Ich kann nicht die ganze Welt heil machen, und Weltverbesser gibt es genug.
Die meisten aber geben schnell wieder auf.
Der Junge tat’s nicht.

Laß mich in meiner kleinen Welt,
wie sie mir heute geschenkt ist,
besser machen, richtiger tun,
was mir zu tun aufgetragen ist.

Friedrich Dietz: Zwischen Zwölf und Mittag. Geschichten – Gedanken – Gebete, p. 7

Eine Geschichte, ein Gedanke, der hilft, auf Kurs zu bleiben, nicht aufzugeben in dieser lauten, keifigen, unübersichtlichen, leidenden Welt. Danke, liebe Monika.

Pindo