Archiv der Kategorie: Familie

Im Moment sein – vom gedanklichen Klischee zur authentischen Erfahrung

Achtsamkeit ist heute ein extrem klischeebehaftetes Konzept. Ausdrücke wie „Lebe den Moment!“, „Sei im Moment“, „Carpe diem“ und so weiter werden auf Instagram, Facebook und co zu einer Zutat im schal schmeckenden Wohlfühl-Fastfood, das uns die Algorithmen aufgrund unserer Klickvorlieben kredenzen, und dem wir in einer unserer Wischorgien, die unsere Langeweile vertreiben sollen, für drei Sekunden unsere Aufmerksamkeit schenken.

Und dennoch: Der Begriff hat natürlich eine zentrale Bedeutung, nicht umsonst fehlt er in keiner Definition von Achtsamkeit.

Für uns Erwachsene, die wir unsere Faszination für diese besondere Art der Wahrnehmung , die wir Achtsamkeit nennen, an Jüngere weitergeben möchten, stellt dieses Dilemma eine Herausforderung dar.

Ich reagiere darauf, indem ich mich dem Phänomen auf zwei Ebenen nähere. Einerseits nutze ich die Möglichkeit zur gedanklichen Assoziation, über die wir alle verfügen. Ich bitte meine Schülerinnen und Schüler, sich an eine Situation zu erinnern, in der sie ein kleines Kind dabei beobachten, wie es völlig versunken ist in seine Erfahrung der Welt, die es entdeckt.

Heute bin ich auf ein Foto gestoßen, das ich vor etwa 17 Jahren selbst gemacht habe und das einen solchen Moment zeigt. Sie sehen es zu Beginn dieses Textes. Die darauf abgebildete Person hat mir die Erlaubnis gegeben, es für diesen Beitrag zu veröffentlichen.

Betrachten Sie das Bild in Ruhe. Sehen Sie dem Kind zu, wie es ganz bei sich ist und zugleich in vollkommener Verbindung mit dem Objekt seiner Betrachtung, dem im Sonnenlicht glänzenden Blatt, das es sieht, hört und fühlt. Achten Sie auch auf die Körperhaltung, aufrecht, würdevoll, entspannt und konzentriert zugleich.

Und spüren Sie in sich selbst hinein, was Sie beim Betrachten des Bildes spüren. Nehmen auch Sie diese friedliche Grundstimmung wahr, die das Kind spürt und die auf uns als betrachtende Personen übergeht?

Meine Schülerinnen und Schüler können mit diesem Beispiel viel anfangen, die meisten nicken dann, weil sie sich sofort an Momente erinnern, in denen sie kleinere Geschwister oder andere Kinder betrachten. Und sie haben viel Bedarf, diese Erfahrungen anschließend im Austausch in Worte zu fassen.

Ich fasse nach einer solchen Austauschrunde dann zusammen, dass der Begriff IM MOMENT SEIN also auf zwei Ebenen existiert. Wir haben mit der ersten begonnen, der der GEDANKEN. Ein Gedanke in Form einer visuellen Erinnerung hat uns einen Moment wieder erleben lassen, der auf uns Eindruck gemacht hat. Die zweite Ebene aber ist die entscheidende: Die friedliche Ruhe, die wir noch beim Betrachten eines 17 Jahre alten Fotos miterleben können, ist kein Gedanke, sondern eine körperliche ERFAHRUNG, die daher rührt, dass das Kind herausgetreten ist aus seinen Gedanken und sich vollkommen mit seiner Sinneswahrnehmung verbunden hat. Es ist dazu ganz natürlich in der Lage, weil es, im Kindergartenalter, noch nicht in unser Schulsystem eingetreten ist, in dem wir es, mit allen Konsequenzen, für ein Leben konditionieren, das weitgehend im Paralleluniversum der Gedanken stattfindet.

Für Jugendliche, die ich unterrichte, ist nach zehn Jahren einer solchen Konditionierung die Unterscheidung zwischen Gedanken und Erfahrungen meist völlig neu und überraschend. Einmal nachvollzogen geht es darum, die neue Ebene des Erfahrungswissens Schritt für Schritt aufzubauen und zu stabilisieren, indem wir sie im Rahmen des Achtsamkeitstrainings mit Inhalten – eben ganz bewussten Erfahrungen – füttern.

Ich tue dies auf unterschiedliche Weise. Ein Weg hat sich inzwischen zum Ritual konsolidiert: Jede Anleitung beginne ich etwa so:

Nimm zunächst ganz langsam drei tiefe Atemzüge …

Mach Dir beim Ausatmen bewusst, wie das Zwerchfell sich entspannt, einer der großen Muskel in unserem Körper …

Erinnere Dich an die Verbindung von Körper und Geist und nutze sie, um nun auch deinen Geist zu entspannen und Gedanken, die Du nicht brauchst, loszulassen …

Und nun, komme in Deinem ganz persönlichen Moment an, das heißt: Mach Dir Gedanken bewusst, die weiter da sind, nimm aber auch Anderes wahr, Dinge die Du hörst, siehst, Erfahrungen mit Deinem Körper, etwa der Kontakt zum Fußboden, mögliche Schmerzen, Erfahrungen wie Hunger, Müdigkeit, …

All dies ist Dein ganz persönlicher gegenwärtiger Moment … Wenn er sich gut anfühlt, dann genieße ihn … wenn er sich nicht gut anfühlt, dann versuche, ihm mit Gelassenheit zu begegnen …

Anschließend beginnen wir dann, wie in einem Laboratorium, die Sinneskanäle einzeln anzusteuern, ihre Wahrnehmung gleichsam in den Vordergrund zu heben und gelassen mit allen anderen Erfahrungen zu bleiben, die im Hintergrund weiter stattfinden.

Nach der Meditation treten wir in eine Austauschrunde ein, in der alle sehr motiviert von ihrem aktuellen persönlichen Moment berichten. Dabei trainieren wir das aktive, achtsame Hören und machen uns bewusst, wie einzigartig jede und jeder von uns allen, die hier miteinander versammelt sind, in seiner Erfahrung ist.

Für mich sind solche Momente pures Pädagogenglück. Warum? Weil ich davon überzeugt bin, dass es für mich als Lehrer in der heutigen reizüberfluteten, manipulierten und manipulierenden, von haßerfülltem Durcheinandergeschrei geprägten Welt, nichts Sinnvolleres gibt, als meinen Schülerinnen und Schülern solche Erfahrungen zu vermitteln. Erfahrungen, die ihnen zeigen, dass sie einzigartig sind, so wie alle anderen, dass sie Zugang zu Erfahrungen haben, jenseits der oft so belastenden Gedanken und dass sie es in der Hand haben, ungeachtet all der besorgniserregenden Entwicklungen in der Welt, für sich selbst zu sorgen.

Pindo

Spirit Cove

Heute vor zwei Jahren starb mein Bruder in Sydney. Das Leben sorgte dafür, dass ich mit meiner Familie bei ihm sein durfte. Danke!

In meiner Trauer hilft mir die einfache, tiefe Weisheit von Thich Nhat Hanh:

Wir haben Angst vor dem Tod, 
wir haben Angst vor der Trennung,
wir haben Angst vor dem Nichts.
Wenn wir aber tief schauen,
erkennen wir den unaufhörlichen Wandel der Dinge
und verlieren allmählich unsere Angst.
Thich Nhat Hanh

Rest in peace, dear bro. You definitely know to choose places.

Pindo

Transformierte Tartanbahn

Samstagmorgen, 8:20. Das Thermometer zeigt 2 Grad.

Was macht Papa auf dem Sportplatz, während Tochter sich auf das gleich beginnende Fußballspiel vorbereitet?

Die Tartanbahn auf einem Spaziergang als Schauplatz frühwinterlicher Naturkunst entdecken.

Pindo

Ich brauche keine Achtsamkeit, ich gehe ins Fitness-Studio … !?

Wenn ich mit Kolleginnen und Kollegen, Bekannten, Freunden über meine Faszination für Achtsamkeit spreche, erhalte ich ab und zu Reaktionen wie diese:
„Ich freue mich, dass du das gefunden hast und es dir gut tut. Aber ich finde, eigentlich ist das ja nichts Neues. Ich denke, dass ich ähnlich positive Erfahrungen mache, wenn ich … ins Fitness-Studio gehe, … mich bei einem guten Buch entspanne, … Musik höre, … Ich brauche so was nicht.“

Lange Zeit habe ich dem zugestimmt und darauf hingewiesen, dass ja tatsächlich viele Beschäftigungen Erfahrungen von Achtsamkeit ermöglichen können. Ein Pianist, der in der Interpretation seines Stückes aufgeht, gleichsam „zur Musik wird, die er spielt“, ist achtsam. Ebenso ein Sportler, der sich ganz auf den gegenwärtigen Moment konzentriert, um genau jetzt die höchste Leistung abrufen zu können. Oder denken wir an den Leser, der sich in den Sog einer Romanhandlung begibt, so dass sein Geist für einen Moment aufhört, umher zu schweifen … Auch hier finden sich Elemente von Achtsamkeit.

Dennoch habe ich meine Meinung inzwischen geändert: Auch ich ging früher ins Fitness-Studio und fühlte mich dabei und danach immer sehr wohl. Natürlich tun wir uns etwas Gutes, wenn wir uns dorthin begeben. Und dennoch: Das Fitness-Studio bleibt ein Ort der Erholung VOM Alltag, VOM Stress, VON der Überanstrengung, nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Ganz anders dagegen die Achtsamkeit: In den Jahren meiner Praxis habe ich festgestellt, dass regelmäßiges Meditieren mir Momente des Innehaltens geschenkt hat, die viel mehr sind als bloße Auszeiten. Stattdessen verändern sie mein Leben selbst, im Kleinen wie im Großen.

Zur Erläuterung ein – eigentlich recht unspektakuläres – Beispiel:  Seit zwei Jahren backe ich jede Woche mindestens einmal aus den besten Zutaten selbst Brot. Diese dauerhafte Veränderung hat die folgenden Glücksmomente zu festen Bestandteilen meines Lebens werden lassen:

Mehl frisch mahlen und daran riechen,
mir voller Dankbarkeit vorstellen,
wie Sonne, Wasser, Erde
und die Arbeit eines Bauern
die Körner vor mir
hervorgebracht haben,
den Teig vorbereiten und spüren,
wie sich seine Konsistenz verändert,
auf meinen Unwillen im Körper achten, wenn
die Masse zu Beginn an den Fingern klebt,
Entspannung und Befriedigung aufsteigen lassen,
wenn er nach und nach dann doch
seine geschmeidige Konsistenz erhält,
Freude über meine Tochter,
die mit backen möchte und staunt, dass
der Teig sein Volumen in der Ruhezeit verdoppelt,
wahrnehmen, wie der
Duft des backenden Brotes langsam
aus dem Ofen in die Wohnung entweicht und
die Stimmung verändert,
das Geräusch der knusprigen Kruste
des noch warmen Brotes,
wenn ich sie durchschneide,
Geschmacksexplosionen auf dem Gaumen beim ersten Biss,
Freude beim Zubereiten der Schulbrote meiner Kinder,
wenn ich weiß, was genau ich ihnen da schenke
die Idee, das alles aufzuschreiben
als wär’s ein Gedicht und darüber
und über mich
zu lächeln.

Nein, Meditation ist doch mehr als ins Fitness-Studio zu gehen…

Pindo

Vom Sinn der Schatten

Eine der Maximen, die wir im MBSR-Kurs erfahren haben, lautet: „Bewahre den Geist des Anfängers.“

Welch ein Privileg haben wir Eltern doch, die wir unseren Kindern täglich dabei zusehen und zuhören können, wie sie  durch die Welt spazieren, erfüllt von genau diesem Geist.

Die erste Frage, die meine sechsjährige Tochter mir jüngst direkt nach dem Aufwachen stellte, lautete: „Papa, wozu sind eigentlich Schatten da?“

Warum hätte ich ihr leicht beantworten können, aber Wozu?

Pindo

Achtsamkeit im Familienleben: Der Familienrat

Unsere Töchter sind 5 und 7 Jahre alt. Zwei wunderbare, kluge, kreative und sehr sensible Wirbelwinde, mit eigenen Gedanken, einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit und dem Anspruch, sich nicht nur von den Erwachsenen herum kommandieren zu lassen. Natürlich sorgt das immer mal wieder auch für gehörigen Konfliktstoff. Bei der Suche nach einem Ventil für unsere Auseinandersetzungen ist mir die Idee des Familienrates gekommen:

Im Familienrat sitzen wir zu viert gemeinsam auf dem große Teppich im Wohnzimmer. In der Mitte von uns steht eine Klangschale. Der Familienrat beginnt, indem eines der Kinder die Schale erklingen lässt und wir alle dem verhallenden Ton nach hören. Dieses gemeinsame Klangerlebnis bringt uns in eine ruhige und konzentrierte Haltung. Während des Rates dürfen alle Mitglieder sagen, was ihnen derzeit an unserem Zusammenleben gefällt, was sie stört oder einfach nur, was sie gerade beschäftigt. Die Regeln des Rates sind einfach: Jeder darf alles sagen. Niemand fällt dem anderen ins Wort. Keiner erhebt die Stimme. Am Ende des Rates steht wieder die Klangschale.

Wir Eltern nutzen den Rat, um Ankündigungen über wichtige Ereignisse zu machen, die unseren Alltag prägen. Außerdem äußern wir Kritik an Verhaltensweisen, die uns gerade nicht gefallen oder gehen nochmals auf einen Streit ein, der kürzlich für Spannung in der Familie gesorgt hat. Wir bringen aber auch immer Lob für etwas mit ein, das gerade besonders gut klappt. Den Kindern gefällt der Rat sehr. Sie fühlen sich ernst genommen und nutzen den Moment des ruhigen Zusammenseins, um auch selbst in ruhiger Form Dinge vorzubringen, die sie so nicht mögen.

Der Familienrat – eine achtsame Bereicherung unseres Familienlebens.

Pindo

Am Wendepunkt

Irgendwann blockierte die Tretmühle und meine allgemeine Unruhe schlug zunehmend in Aggression um. Als Beispiel hier ein beliebtes Machtspiel, das viele Eltern so oder ähnlich sicher kennen.  Beim Zähneputzen macht meine vierjährige Tochter ihren Mund nicht auf. Gutes Zureden hilft nicht, energisches Auffordern ignoriert sie ebenfalls souverän. Ich spüre, wie mein Blut in Wallung gerät. Als sie auch auf eine Drohung immer noch nicht reagiert, werde ich laut, hebe sie mit beiden Armen unsanft hoch und setze sie grob einen Meter weiter neben mir ab. Im nächsten Moment blicke ich in weit aufgerissene, angsterfüllte Augen, die sich mit Tränen füllen. Ich bin immer noch außer mir, gleichzeitig beschämt über das eigene Versagen und verlasse stumm und besiegt den Raum. Zehn Minuten später nehme ich sie in den Arm und entschuldige mich. Nun bin ich wütend auf mich, weil ich weiß, dass Momente wie diese Vertrauen zerstören können.

Auch im Umgang mit anderen Menschen reagierte ich in der Folgezeit immer wieder aggressiv. Ich, der Kontroll-Freak, verlor für Momente die Kontrolle über mich und mein Verhalten. Ich war am Wendepunkt – und irgendwann war klar, dass es so nicht weiter ging.

Pindo