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Wir Lehrende im Zeitstress

Einer der klischeebehaftesten Sätze über Achtsamkeit ist der, dass man durch sie lernt, „im gegenwärtigen Moment zu leben“.

Ein Satz der Augenrollen erzeugen kann. Was soll das denn konkret bedeuten?

Nach mehr als 20 Jahren Tätigkeit als Lehrer und 12 Jahren regulärer Achtsamkeitspraxis, kann ich sagen: „Eine Menge!“

Die Bilder entstanden im Krankenhaus Sant Pau in Barcelona, während eines Erasmus-Austausches im Mai 2024 …

Genau betrachtet entsteht ein beträchtlicher Teil des Stresses, den wir Lehrkräfte erleben, dadurch, dass wir die meiste Zeit in der Zukunft oder der Vergangenheit leben.

Wir leben in der ZUKUNFT, wenn wir Schuljahre, Unterrichtsreihen und Stunden planen. Dabei sorgt unser innerer Perfektionist für höchste Gewissenhaftigkeit und bemüht sich minutiös alle möglicherweise auftretenden Eventualitäten mit einzubeziehen. Er greift dabei zurück auf das Instrumentarium, das wir im Referendariat erworben haben, wo wir darauf trainiert wurden, Alternativen vorzusehen, für verschiedene Lernertypen, verschiedene Anforderungsniveaus und alternative Stundenausgänge, je nach dem, wie schnell wir bei der Umsetzung wirklich fortschreiten würden.

Damals war ich fasziniert von dieser niemals explizit formulierten, aber immer vorhandenen Maxime, dass die Qualität von Unterricht von einer Anzahl verschiedener Variablen definiert wird und dass ich diese nur optimal aufeinander abstimmen müsse, um sehr guten Unterricht zu erzeugen.

Sant Pau ist eine Gartenstadt, heute geschützt als Kulturerbe der Menschheit …

Wie realitätsfern ! Und dennoch wirkt diese Grundüberzeugung in vielen von uns unbewusst jeden Tag. Sie zeigt sich, wenn wir bei unseren kleinen, alltäglichen „Niederlagen“ immer zuallererst die Schuld bei uns suchen. Und dies ungeachtet der Tatsache, dass nichts weniger ideal ist, als die Bedingungen, unter denen Schule heute stattfindet.

In der VERGANGENHEIT leben wir vor allem bei einer der anstrengendsten, zeitraubendsten und zugleich sinnentleertesten Aufgaben unserer Profession, der des Korrigierens und Bewertens. Die Vorgaben mahnen uns an, exhaustiv vorzugehen, d.h. wirklich alles zu korrigieren und ermunternde Kommentare mit konkreten Vorschlägen zu Verbesserungsmöglichkeiten zu machen. Und all dies bei Klassengrößen von 32 und einem Deputat von 26 Unterrichtsstunden pro Woche …

Sinnentleert ist die Tätigkeit meiner Ansicht nach in zweierlei Hinsicht: Zum einen, weil man inzwischen aus der Bildungsforschung zur Genüge weiß, dass die Defizitorientierung, welche die Basis aller Benotung ist, bei vielen, nicht nur “schwachen” Schülerinnen und Schülern angsterzeugend und demotivierend wirkt. Zum anderen beschäftigen sich die meisten Lernenden nur sehr wenig mit den zeitaufwändig erstellten Korrekturen ihrer Erzeugnisse und interessieren sich vor allem für die Note, ihre Standortbestimmung im defizitorientierten System. Kurz: Aufwand und Wirkung stehen beim Korrigieren in keinem Verhältnis.

Erbaut wurde das Krankenhaus von einem der großen Genies des katalanischen Jugendstils, Luis Domènech i Montaner …

Und wo bleibt der GEGENWÄRTIGE AUGENBLICK im Alltag einer Lehrkraft? Für mich zeigt er sich im direkten, persönlichen Kontakt mit den Lernenden, einzeln und in der Gruppe. Er findet sich in dem, was in den 45 Minuten Unterricht oder auch in einem Gespräch mit einer Schülerin, einem Vater, einer Kollegin konkret passiert. Seine Qualität liegt in der Beziehung, die ich in diesem Moment zu meinem Gegenüber aufbaue, in meiner Fähigkeit, zuzuhören, Empathie für die Situation des anderen zu haben, ihn bzw. sie zu sehen.

Die Pandemie hat uns auf schmerzvolle, aber sehr bedeutsame Weise gelehrt: Das Alleinstellungsmerkmal unserer Schulen ist, dass wir Gemeinschaften von Menschen sind, die Alltag miteinander teilen, sich ihre Wertschätzung zeigen und gemeinsam einen sicheren Ort schaffen, an dem wir uns weiterentwickeln können. Niemand ist psychisch erkrankt, weil ihm oder ihr in der Zeit der Schulschließungen das geistige Futter gefehlt hat. Das Internet bietet solches im Überfluss. Nein, den krank gewordenen Menschen hat etwas ganz anderes gefehlt: das Miteinander mit Gleichaltrigen in der Klasse, aber auch mit uns Erwachsenen, die sie begleiten und ihnen das Gefühl vermitteln, dass sie in der schwierigen Phase des Erwachsenwerdens nicht allein sind.

Bei mir setzte diese Erkenntnis schon lange vor der Pandemie ein, nämlich nachdem ich mir vor nun schon über 10 Jahren eine regelmäßige Achtsamkeitspraxis aufbaute, und sie mündete in ein Experiment, das ich bis heute jeden Tag aufs Neue praktizierte:

Was passiert, wenn ich meine Vorbereitungszeit auf eine Unterrichtsstunde drastisch reduziere? Wenn ich auf das perfekt gestaltete Arbeitsblatt verzichte? Wenn ich stattdessen nur mit einer groben Idee dessen, was ich erreichen möchte, in den Unterricht gehe?

Der Architekt hat sich bei der Gestaltung von einem zentralen Gedanken leiten lassen …

Nun, es passiert, dass die Fallhöhe dessen, was im Unterricht schief gehen kann, deutlich sinkt. Wenn ich nicht stundenlang das perfekte Arbeitsblatt vorbereitet habe, kann ich auch nicht enttäuscht sein, wenn meine Schüler*innen es nicht würdigen oder in ungeplant kurzer Zeit den Arbeitsauftrag erledigen, weil ich eine der oben erwähnten Variablen zuvor falsch gewählt habe. Und die Konsequenz daraus: Ich entspanne mich, öffne mich für die Bedürfnisse der Lerngruppe, und diese Entspannung geht auf die Lernenden über. In der Folge entstehen oft sehr bemerkenswerte Stunden, tatsächlich aus dem Moment heraus, in denen wir gemeinsam zu Erkenntnissen gelangen, die komplett unvorhersehbar, aber zugleich sehr relevant und ausgesprochen motivierend sind.

Sobald ich diesen Perspektivwechsel hin zur Wahrnehmung der Bedeutung des gegenwärtigen Moments vollziehe, transformiert sich Schule für mich, füllt sie neu mit Sinn und Lebensqualität – und dies obwohl, beziehungsweise gerade weil ich weniger tue.

Sehr zur Nachahmung empfohlen.

Pindo

Laut Domènech i Montaner ist Schönheit von zentraler Bedeutung, weil sie heilend wirkt. Auch hier also ein Perspektivwechsel, der transformierend wirkt.

Vom „Du genügst nicht“ zum „Ich bin ok“

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Als Lehrer führe ich oft Dutzende von Gesprächen am Tag,  Gespräche mit Schülern, mit Kollegen, mit Eltern, oft nur Gesprächsfetzen zwischen Tür und Angel, hineingequetscht in eine 5-Minuten-Pause, Minidialoge im Feinstaubnebel des Kopierers, Gespräche auf der Treppe, im Schritt, manchmal nur ein Austausch von wenigen Worten oder gar nur von Blicken, während der nächste große Dompteursakt vor einer Gruppe von 32 Pubertierenden schon an uns beiden zerrt.

Wenn ich nachmittags auf dem Fahrrad durch den Park nach Hause fahre und mir die Augen zufallen, weil das Adrenalin aus meinem Körper weicht, kommt mir im Gähnen  regelmäßig der Gedanke: „So viele Leben waren das heute wieder, in die du kurz eingetaucht bist…“

Seit ich Achtsamkeit erfahren habe, höre ich den Menschen mehr zu, lausche ihren Worten, auch in diesen kurzen Momenten und lasse sie widerhallen in mir. Und mehr und mehr nehme ich einen emotionalen Grundton wahr, der alles zu durchströmen scheint und der sich auf die folgende selbstzerstörerische Feststellung bringen lässt:

„Du genügst nicht!“

Schule ist der Ort, an dem Menschen mit dieser selben Grundüberzeugung in drei unterschiedlichen Rollen zusammen kommen:

Wir Lehrer genügen nicht!

Wir haben eine Lehrverpflichtung, die in den vergangenen 20 Jahren um 25% zugenommen hat und reagieren darauf mit zwei Strategien: Die einen unterrichten die 26 Stunden (am Berliner Gymnasium, an anderen Schulformen noch mehr) und verausgaben sich dabei oft derart, dass sie die nächste unterrichtsfreie Zeit („Ferien“) mehr müde als wach und mehr krank als gesund erreichen. Die anderen reduzieren ihr Lehrdeputat, weil sie glauben, so besser gesund bleiben zu können oder weil sie den Ansprüchen an die eigene Arbeit genügen wollen, erzeugen damit in sich aber den emotionalen Konflikt, dass sie den Erwartungen ihres Arbeitgebers und letztlich der Gesellschaft nicht genügen zu können.

Wir stehen vor Korrekturbergen, die durch Vergleichsarbeiten (Lernausgangslage 7, Vera 8, MSA) immer weiter wachsen.

Wir erhalten in regelmäßigen Abständen neue Rahmenlehrpläne, die uns auf Trab halten, in schulinterne Curricula gegossen werden müssen, um zu gewährleisten, dass wir unsere Schüler vor Ort individuell optimal auf ihre künftige Rolle in der Gesellschaft vorbereiten können.

Wir werden regelmäßig inspiziert, weil man uns nicht traut, dass wir unsere Arbeit professionell nach den Maßstäben erfüllen, die „eigentlich“ gelten.

Wir verfügen an der Schule über keine eingerichteten Arbeitsplätze, so dass wir zuhause  zwischen der nie fertig werdenden Arbeit für die Schule und den Ansprüchen unserer Rollen als Väter, Mütter und Lebenspartner permanent vom Drahtseil fallen.

Auch unsere Schüler genügen nicht:

Sie checken auf dem Weg zum Frühstück ihren Whatsapp-Klassenchat, wo sich über Nacht 150 neue Mitteilungen angesammelt haben, darunter immer auch die eine oder andere Bösartigkeit („Zum Glück nicht über mich!“).

Sie werden am Frühstückstisch von Papi noch mal eben gefragt, ob sie auch wirklich genug für die Mathearbeit heute gelernt haben („Was heißt eigentlich genug?“).

Sie freuen sich über anerkennende und neidische Blicke ihrer Freunde und Gegner auf die neuen coolen Sneakers („Puh, endlich mal die richtige Wahl getroffen!“)

Sie stellen beim Blick in die Tasche fest, dass sie das Mathebuch vergessen haben und sehen auf ihrem mentalen Bildschirm dann schon die Ungläubigkeit in den Augen des Lehrers, wenn sie wieder erklären müssen, dass es bei Mama zu Hause liegt, wo sie den ersten Teil der Woche wohnen und nicht bei Papa, wo sie heute übernachtet haben.

Sie erhalten vom Sportlehrer Listen für die möglichen Elemente einer Bodenturnen-Kür und landen beim Erproben der „Brücke aus dem Stand“ zu Hause mit dem Kopf auf dem harten Küchenboden, weil sie glauben, dass man auch da eine Eins haben muss.

Sie hören jeden Tag, wie wichtig, Mathe, nein Deutsch, nein Spanisch, nein Physik, nein … ist und dass sie jetzt fürs Leben lernen und dass sie sich ihre Chancen verbauen, wenn sie sich jetzt nicht ENDLICH konzentrieren. („Ich KANN mich aber nicht konzentrieren!“)

Sie leben damit, dass in der Woche drei Klassenarbeiten geschrieben werden dürfen, für Tests und andere Evaluationen aber keine klaren Regeln existieren und sich somit die Wochen vor den Ferien andauernd in Examensdauerläufe verwandeln.

Sie bekommen den Vokabeltest in Spanisch zurück und überlegen sich, wie sie den Eltern beibiegen können, dass sie mal wieder „verkackt“ haben. („Sorry, so reden die heute tatsächlich alle, auch am Gymnasium. „Müssten wir als Lehrer nicht dafür sorgen, dass die nicht so reden … ? (siehe oben!) Nein, ha!, das ist Job der Eltern, höhö! (siehe unten)“.

Sie lernen in der Oberstufe, dass jede Note entscheidend sein kann, weil jeder Zehntelpunkt hinter dem Komma darüber bestimmt, ob ihr Leben dann auch nach der Schule weiter einen Sinn hat oder endlich einen erhält … (Hinweis: An der Freien Universität Berlin lag der NC für Psychologie im vergangenen Jahr bei 1,0, der für Politikwissenschaft bei 1,1. Hallo? Geht’s noch?!!!)

Und ihre Eltern, die genügen schon gar nicht:

Sie leben in der ständigen Überzeugung versagt zu haben, weil das eigene Kind in der Schule nicht funktioniert, weil es nicht hinein passt in dieses System, in dem Menschen unter Anwendung einiger willkürlich ausgesuchter Kriterien danach bewertet werden, wieviel Prozent von X sie heute erreicht haben (und wieviel ihnen fehlt um perfekt zu sein…)

Sie haben sich vielleicht gerade selbstständig gemacht, leben daher vorübergehend von Hartz 4 und nun im inneren Konflikt, ob sie ihrem Kind die wunderbare Erfahrung der Klassenfahrt nach Spanien ermöglichen  und dafür die Demütigung auf sich nehmen sollen, eine Komplettförderung zu beantragen;

Sie werden von einem schlechten Gewissen geplagt, weil sie sich nicht genügend darum kümmern, ob ihr Sohn das Richtige isst, die Hausaufgaben ordentlich macht, nicht so viel am Handy ist, sich ausreichend bewegt, diese schreckliche Sprache benutzt („Vorhin hat er schon wieder ‚VERKACKT‘ gesagt …“)

Während ich schreibe, spüre ich in mich hinein und fühle all die Beklemmung, Scham, Angst, Ärger, Überforderung, das ganze Spektrum an Emotionen, das uns tagtäglich in der Schule überflutet, mit dem wir uns gegenseitig negativ aufladen und schwächen.

Dann hebt sich mein Blick und ich sehe die Kirschbäume vor dem Fenster, mit den ersten Knospen, endlich, nach so langem Frost, in der klaren Berliner Frühlingssonne. Und ein zartes, wohliges Gefühl der Dankbarkeit kitzelt den Emotionsknoten klein.

Es ist zu Beginn Dankbarkeit für diesen schönen Tag, meinen zweiten Ferientag. Aber dann weitet sie sich aus beim Gedanken an die Achtsamkeit, die mir einen Weg weist, wie ich dieser Negativität etwas entgegen setzen kann, im Kleinen, indem ich meinen Mitmenschen an der Schule lausche, ganz Ohr werde, indem ich meine Schüler Schritt für Schritt entdecken lasse, wie wir unsere Wirklichkeit über unsere Wahrnehmung selbst konstruieren, im Zusammenspiel von Gedanken, externen Erfahrungen und Emotionen..

Und wenn sie dann beginnen, das Durcheinander klarer zu sehen und es mit Gelassenheit zu betrachten und sie Raum für die Erkenntnis schaffen, dass sie nicht alles glauben müssen, was sie sich selbst tagtäglich erzählen, dann kommt der Moment für ein Gespräch über die innere Stimme, über dieses vergiftende „Ich genüge nicht!“. Und wir starten Experimente, wie  es sich anfühlt, wenn wir es bewusst ersetzen durch Affirmationen, die uns gut tun, Sätze wie „Ich bin ok!“, „Ich bin da!“ oder „Du bist genug“. Und sie spüren nach, wie sich „Ich liebe mich!“ anfühlt und sie merken, dass das nicht geht. („Echt zu heavy!“) Aber das „Ich bin ok“ ganz gut kommt.

Und mir wird wieder bewusst, wieviel Qualität die Achtsamkeit in meinen Beruf bringt und wie wenig mich die x.te neue Studie schert, die in Frage stellt, dass Achtsamkeitsprogramme bei Jugendlichen wirken, eine Studie, die nichts als ein weiterer Reflex der „Du-Genügst-Nicht“-Gesellschaft ist, die fordert, dass Wirkungen quantifizierbar nachgewiesen werden müssen und die nicht kapiert oder zu verhindern versucht, dass die Einzelne in ihre Kraft kommt, und dann, indem sie SICH verändert, beginnt,ihre UMWELT zu transformieren.

Pindo

P.S.: Dieser Beitrag hat eine Fortsetzung: „Dusch mich, aber mach mich nicht nass!“.