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Im Achtsamkeitskurs: Es geht voran!

Ich schreibe diesen Text während meines Oberstufenkurses Resilienz und Persönlichkeitsentwicklung. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten gerade in Kleingruppen an eigenen Beiträgen zur Unterrichtsreihe Pursuit of Happiness, in der wir untersuchen, was alte Weisheitstraditionen und moderne Wissenschaft zum Thema GLÜCK zu sagen haben.

Jede Stunde beginnen wir mit einer etwa zehnminütigen gemeinsamen Meditation und einem kurzen Austausch danach. Mir fällt auf, wie bereitwillig die Jugendlichen nach den Monaten regelmäßiger gemeinsamer Praxis wie auf Kommando in die Stille gehen. Ich nenne die Übung „Ankommen in MEINEM gegenwärtigen Moment“. In ihr geht es darum, sich in aller Ruhe der verschiedenen Wahrnehmungskanäle des Sehens, Hörens und Fühlens nach außen und innen bewusst zu werden, Gelassenheit mit ihnen zu entwickeln und so den gegenwärtigen Moment in seiner ganzen, bei jedem Einzelnen individuell unterschiedlichen Zusammensetzung von Sinneseindrücken zu erfahren. Beim Anleiten hebe ich immer wieder hervor, dass es genau jetzt in diesem Augenblick um nichts geht, außer darum, aufzuhören mit dem Tun und schlicht wahrzunehmen.

Morgensonne um 7 Uhr, vor Beginn der Frühschicht.
Der Frühling ist nah.

Im anschließenden Gespräch berichtet ein Schüler, dass es ihm sehr gut gelungen sei, in die Meditation hineinzufinden und dass er die Erfahrung des einfach Warnehmens als sehr entlastend empfand. Andere schlossen sich dem an, worauf eine Schülerin dann den Gedanken aufbrachte, dass das doch erstaunlich sei, weil alle heute noch eine zweistündige Klausur schreiben müssten. Zwar spürte sie jetzt wieder eine Unruhe, aber in dem Moment der Übung war sie völlig entspannt. Und sie erinnerte daran, wie wir vor Monaten an einem anderen Klausurtag eine ähnliche Übung machten und dass ihr es damals überhaupt nicht gelungen sei, aus ihren Gedanken an die Klausur herauszufinden.

In der Runde setzte allgemeines, teils erstauntes Nicken ein. Vielen ging es ähnlich. Und ich wies darauf hin, dass solche kleinen, scheinbar unspektakulären Erkenntnisse zeigen, welche Fortschritte wir miteinander machen. Das Drama um die Dinge, die wir nicht beeinflussen können, wird Schritt für Schritt kleiner, und uns gelingt es mehr bei uns selbst zu bleiben. Well done, students!

Pindo

Panik als Hybris

Gestern hat Donald Trump im Weißen Haus den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selensky vor der Weltöffentlichkeit gedemütigt.

Meine erste Reaktion beim Ansehen: Fremdschämen, Ekel, Wut, Hilflosigkeit. Am Tag danach ergeht sich der Verstand in Endlosschleifen, fragt sich, ob dieser Tag sich einmal im Nachhinein als ähnlich einschneidend erweisen wird, wie der 11. September 2001. Ist da gestern das westliche Bündnis implodiert? Und was wären dann die Folgen?

Sehr schnell macht sich Panik breit, wie ziemlich oft in den letzten Monaten, angesichts all der bedrückenden Nachrichten aus Gegenden, oft tausende von Kilometern entfernt, die in Echtzeit auf meinem Handy landen und sie zu meinem persönlichen Problem machen.

Dann erinnere ich mich an eine Passage aus den 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert des israelischen Historikers Yuval Noah Harari, das ich gerade wieder einmal lese.

Vor nun schon sieben Jahren schreibt Harari darin mit bestechender Klarheit über die Komplexität der modernen Welt. Zur politischen Ebene führt er aus, dass die Menschen historische Erzählungen nutzen, um sich zu orientieren. Er unterscheidet die faschistische, die kommunistische und die liberale Erzählung, die im Laufe des letzten Jahrhunderts eine nach der anderen verloren gehen. Die Folge ist Orientierungslosigkeit in der westlichen Welt:

1938 konnten die Menschen aus drei globalen Erzählungen wählen, 1968 waren es nur noch zwei, und 1998 schien eine einzige Erzählung die Oberhand behalten zu haben; 2018 sind wir bei null angelangt. Kein Wunder, dass die liberalen Eliten, die in den letzten Jahrzehnten einen Großteil der Welt beherrschten, in einen Zustand des Schocks und der Orientierungslosigkeit verfallen sind. Nichts ist beruhigender als eine überzeugende Erzählung, Alles ist völlig klar. Plötzlich keine solche Erzählung mehr zu haben, ist furchterregend. Nichts ergibt mehr einen Sinn. Nicht unähnlich der sowjetischen Elite in den 1980er Jahren, begreifen die Liberalen nicht, wie die Geschichte von ihrem vorbestimmten Kurs abweichen konnte, und es fehlt ihnen an einem alternativen Prisma, um die Wirklichkeit zu interpretieren. (Harari, 21 Lektionen, Beck 2019: 28)

Und was ist die Folge von Orientierungslosigkeit? Weil sie bedrohlich wirkt, schaltet unser System in den Panikmodus:

Die Orientierungslosigkeit sorgt darum dafür, dass sie (= die liberalen Eliten) in apokalyptischen Kategorien denken, so als könnte die Tatsache, dass die Geschichte nicht an das avisierte glückliche Ende gelangte, nur bedeuten, dass der Weltuntergang unmittelbar bevorsteht. Der Kopf ist unfähig, einen Realitätscheck durchzuführen, und verbeißt sich in Katastrophenszenarien. Wie jemand, der glaubt, schlimme Kopfschmerzen seien das Zeichen für einen Gehirntumor im Endstadium, fürchten viele Liberale, der Brexit und der Aufstieg von Donald Trump seien Vorboten des Endes menschlicher Zivilisation. (28 f)

Ich muss an eine der ersten Erfahrungen mit Meditation im großartigen MBSR-Kurs bei Karin Wolf vor nun schon 14 Jahren denken. In einer der Anleitungen fiel damals ungefähr der folgende Satz: “Du brauchst nicht alles zu glauben, was Du denkst”. Mich trafen die Worte damals wie ein Blitz. Mit ihnen begann ein Prozess, in dem ich Schritt für Schritt lernte, in Distanz zu meinen Gedanken zu gehen, die ich oft als belastend empfand und die ich nun lernte, von außen zu betrachten und in ihrer Wirkung auf mich abzuschwächen.

Harari, der ebenfalls meditiert, führt diesen Ansatz hier konsequent aus. Er legt schonungslos die Fakten offen und hilft den Leserinnen und Lesern Zusammenhänge herzustellen, um ein gewisses Maß an Klarheit zu bekommen über das, was sich gerade ereignet.

Dann schlägt er eine sehr interessante Alternative zur Panik vor:

Was also tun? Der erste Schritt besteht darin, die Untergangsprophezeiungen herunterzudimmen und vom Panikmodus in den der Verunsicherung umzuschalten. Panik ist eine Form von Hybris. Sie geht mit dem selbstgefälligen Gefühl einher, dass man genau weiß, wohin die Welt steuert – nämlich Richtung Abgrund. (Harari, 48)

Panik ist also die emotionale Reaktion meines Systems auf den Verstand, der im Größenwahn meint, sich ein Urteil erlauben zu können über das was in der Welt passiert. Ich fühle mich ertappt und muss fast schmunzeln. Stattdessen schlägt Harari vor, dass wir es mit dem Eingeständnis von Verunsicherung versuchen sollten:

Verunsicherung ist demütiger und damit hellsichtiger. Wenn Sie das Gefühl haben, schreiend durch die Straßen rennen und «Die Apokalypse ist nah!» rufen zu müssen, versuchen Sie sich einzureden: «Nein, das stimmt nicht, die Wahrheit ist, dass ich einfach nicht verstehe, was auf der Welt passiert.» (Harari, 48)

In anderen Worten: Mach Dir bewusst, dass Du keinen Plan hast – und sei gelassen damit. Alles andere macht es nur noch schlimmer. Nicht schlecht, Mr. Harari.

Und was soll das Foto? Eine Einladung zum Üben von Gelassenheit mit dem Nichtwissen. Ich habe keine Ahnung, was ich da vor Jahren fotografiert habe.

Pindo

Sich beim Denken zusehen

Jede Woche beginnen wir unsere Achtsamkeits-AG mit einem kurzen Wochenrückblick: Gab es Momente im Alltag, die wir durch Achtsamkeitspraktiken anders erlebt haben?

In dieser Woche gab mir eine Schülerin einen Text, den sie für mich niedergeschrieben hatte. Darin reflektiert sie ihre Erfahrung mit einer Übung, die sie „Sich beim Denken zusehen“ nennt: Ich hatte die Gruppe gebeten, für ein paar Minuten die Augen zu schließen und sich der inneren Bilder und inneren Stimmen bewusst zu werden, die als permanentes Hintergrundrauschen in uns allen gegenwärtig sind. Dabei sollten Sie versuchen, sich nicht mit diesen zu identifizieren, sondern vielmehr die Rolle eines gelassenen Beobachters einzunehmen. Hier nun die Schülerin:

„Mit Achtsamkeit hatte ich eine gute Erfahrung, als mich vor ein paar Abenden mal wieder der übliche Selbstkritiker einholte, den ich so oft wegschiebe. Nach der Erfahrung in der AG ging ich an diesem Abend anders mit dem Kritiker um. Ich konnte ja sowieso nicht schlafen und deswegen saß ich nun eineinhalb Stunden im Bett und sah mir beim Denken zu. Für mich war das ein unglaublich leerendes und gutes Gefühl und ich schlief danach besonders ruhig. Außerdem hatte ich selbst am Morgen noch das Gefühl, als würde es nachhallen.“

Pindo