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Flohmarktbegegnung

Heute ist der letzte Tag der Berliner Sommerferien. Ich bin auf dem Flohmarkt vor dem Rathaus Schöneberg, als plötzlich ein junger Mann auf mich zukommt. Sein Gesicht kommt mir vertraut vor, trotz des Bartes und der Brille. Er spricht mich an, drückt mir die Hand und stellt sich als Luis vor. Dann erinnere ich mich: Richtig. Er hat vor acht Jahren bei uns Abitur gemacht, ich war sein Klassenlehrer von der 7. bis zur 10. Klasse.

Ich freue mich immer, wenn ehemalige Schülerinnen und Schüler mich ansprechen und mir erzählen, wie es ihnen in der Zwischenzeit ergangen ist. Auch heute ergibt sich eine sehr nette Unterhaltung über dies und das, und bevor er sich verabschiedet, sagt Luis zu mir: “Übrigens möchte ich mich sehr bei Ihnen dafür bedanken, dass Sie damals in der 8. Klasse Mind the Music mit uns gemacht haben.”

Mit Mind the Music, dem von Soryu Forall entwickelten Ansatz zur Vermittlung von mindfulness an Jugendliche mithilfe von Musik, begann vor etwa 12 Jahren mein eigenes pädagogisches Achtsamkeitsabenteuer am Berliner Friedrich-Ebert-Gymnasium.

Luis erzählt, dass er in den vergangenen Jahren so oft an den Unterricht damals gedacht und die vermittelten Techniken eingesetzt hat – etwa, um sich auf einen gerade wichtigen Sachverhalt zu fokussieren, oder einfach, um mit Genuss Musik zu hören.

„Heute verstehe ich auch intellektuell, was Sie uns damals beibringen wollten. Wirklich ganz toll“, sagt er noch, bevor er sich verabschiedet.

Wie schön, wenn man Spuren hinterlässt im Leben der Schülerinnen und Schüler – und wie wunderbar, dass Achtsamkeit einer der Aspekte von Schule ist, der für ihn heute noch Relevanz hat.

Pindo

Berliner Wolkentürme

Ein Bild, das für sich spricht.

Pindo

Fragen unter Friedhofsbäumen

Auf dem Friedhof Alt-Schöneberg erheben sich die pompösen Mausoleen der Millionenbauern von Schöneberg: Landwirte, die es mit der Bodenspekulation zu Beginn des 20, Jahrhunderts in Berlin zu Reichtum brachten und diesen über ihren Tod hinaus selbstbewusst demonstrieren.

In diesen Tagen wird der Besucher des Friedhofs jedoch Zeuge einer viel größeren Macht, die die Grabkapellen buchstäblich in ihren Schatten stellt.

Die Fotos inspirieren mich zur Lektüre eines alten Blogeintrags von 2014. Er zitiert Rainer Maria Rilke, der Wahres über die Notwendigkeit von Geduld, Reifen und Entwicklung offenbart:

Man muss den Dingen
die eigene, stille
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann,
alles ist austragen – und
dann gebären…
Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.
Er kommt doch!
Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit
vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit…
Man muss Geduld haben
Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.
Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.

RMR

Habt Geduld mit dem Ungelösten!
Habt die Fragen selber lieb!
Lebt die Fragen!

Spirituelle Wahrheiten für eine Zeit, in der keiner die Antwort weiß.

Aber dafür muss man leise sein.

Psst! All ihr meinungsstarken Durcheinanderschreier, ihr Lockdown-Verteufler und ihr Untergangspropheten.

Still. Hört ihr? Die Mauersegler sind zurück!

Pindo

Irgendwas ist anders

Auf dem Heimweg heute morgen fällt mein Auge auf eine Szene, die ich schon hundert Mal gesehen habe, blickt weiter, stutzt und kommt zurück…

Da balanciert doch jemand …

… in seiner eigenen Welt und erfreut sich des Frühlings.

Danke, unbekannter Korkenaktivist für dieses Lächeln, das du mir schenkst am Morgen.

Pindo

Blaue Stunde im Park

Kürzlich schrieb ich darüber, wie wichtig es ist, dem Positiven in seinem Leben bewusst Raum zu geben: Unser Hirn benötigt mindestens eine halbe Minute, um positive Erlebnisse und die damit verbundenen Emotionen so zu verarbeiten, dass sie dauerhaft Spuren hinterlassen.

Ein wunderbarer Anlass für das Nähren des Positiven ist für mich der abendliche Spaziergang im Volkspark Schöneberg.

Ich liebe es, bei diesen Spaziergängen ganz bewusst das AUßEN zu fokussieren, mich mit meiner visuellen, auditiven und haptischen Wahrnehmung der mich umgebenden Welt zu verbinden – und dabei den Kontakt zum emotionalen Erleben herzustellen.

Die Baumkrone der Zierkirschbäume vor dem Haus, zarte Knospen an den Spitzen, der Reichtum an Formen in Zweigen und Ästen…

Der Abendhimmel in Blaulilarotschattierungen. Dazu das Krächzen der Krähen und der Abendgesang einer Amsel in meinem Ohr.

Kalt ist der Abendhauch auf meinen Wangen, wohlige Schauer in mir, während ich dem Dreijährigen dabei zusehe, wie er reglos die Lichtspiele am Teich in sich aufnimmt…

Die große Wiese, meist bespielt von lärmenden Menschen. Heute erlausche ich Stille.

Berlin ist voll von magischen Orten wie diesen, auch in diesen Tagen.

Es liegt nur an mir, bedarf meiner bewussten Entscheidung sie zu erschaffen, indem ich sie genau so wahrnehme und genieße.

Wenn ich so das Positive in mir nähre, löse ich mich aus der Schockstarre, ausgelöst durch Corona-Berichterstattung. Ich lasse Stress los, fühle Freude und streichle mein Immunsystem.

Habe ich dazu das Recht? Aber ja. Vielleicht sogar die Pflicht.

Pindo