Gestern hat Donald Trump im Weißen Haus den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selensky vor der Weltöffentlichkeit gedemütigt.
Meine erste Reaktion beim Ansehen: Fremdschämen, Ekel, Wut, Hilflosigkeit. Am Tag danach ergeht sich der Verstand in Endlosschleifen, fragt sich, ob dieser Tag sich einmal im Nachhinein als ähnlich einschneidend erweisen wird, wie der 11. September 2001. Ist da gestern das westliche Bündnis implodiert? Und was wären dann die Folgen?
Sehr schnell macht sich Panik breit, wie ziemlich oft in den letzten Monaten, angesichts all der bedrückenden Nachrichten aus Gegenden, oft tausende von Kilometern entfernt, die in Echtzeit auf meinem Handy landen und sie zu meinem persönlichen Problem machen.
Dann erinnere ich mich an eine Passage aus den 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert des israelischen Historikers Yuval Noah Harari, das ich gerade wieder einmal lese.
Vor nun schon sieben Jahren schreibt Harari darin mit bestechender Klarheit über die Komplexität der modernen Welt. Zur politischen Ebene führt er aus, dass die Menschen historische Erzählungen nutzen, um sich zu orientieren. Er unterscheidet die faschistische, die kommunistische und die liberale Erzählung, die im Laufe des letzten Jahrhunderts eine nach der anderen verloren gehen. Die Folge ist Orientierungslosigkeit in der westlichen Welt:
1938 konnten die Menschen aus drei globalen Erzählungen wählen, 1968 waren es nur noch zwei, und 1998 schien eine einzige Erzählung die Oberhand behalten zu haben; 2018 sind wir bei null angelangt. Kein Wunder, dass die liberalen Eliten, die in den letzten Jahrzehnten einen Großteil der Welt beherrschten, in einen Zustand des Schocks und der Orientierungslosigkeit verfallen sind. Nichts ist beruhigender als eine überzeugende Erzählung, Alles ist völlig klar. Plötzlich keine solche Erzählung mehr zu haben, ist furchterregend. Nichts ergibt mehr einen Sinn. Nicht unähnlich der sowjetischen Elite in den 1980er Jahren, begreifen die Liberalen nicht, wie die Geschichte von ihrem vorbestimmten Kurs abweichen konnte, und es fehlt ihnen an einem alternativen Prisma, um die Wirklichkeit zu interpretieren. (Harari, 21 Lektionen, Beck 2019: 28)
Und was ist die Folge von Orientierungslosigkeit? Weil sie bedrohlich wirkt, schaltet unser System in den Panikmodus:
Die Orientierungslosigkeit sorgt darum dafür, dass sie (= die liberalen Eliten) in apokalyptischen Kategorien denken, so als könnte die Tatsache, dass die Geschichte nicht an das avisierte glückliche Ende gelangte, nur bedeuten, dass der Weltuntergang unmittelbar bevorsteht. Der Kopf ist unfähig, einen Realitätscheck durchzuführen, und verbeißt sich in Katastrophenszenarien. Wie jemand, der glaubt, schlimme Kopfschmerzen seien das Zeichen für einen Gehirntumor im Endstadium, fürchten viele Liberale, der Brexit und der Aufstieg von Donald Trump seien Vorboten des Endes menschlicher Zivilisation. (28 f)
Ich muss an eine der ersten Erfahrungen mit Meditation im großartigen MBSR-Kurs bei Karin Wolf vor nun schon 14 Jahren denken. In einer der Anleitungen fiel damals ungefähr der folgende Satz: “Du brauchst nicht alles zu glauben, was Du denkst”. Mich trafen die Worte damals wie ein Blitz. Mit ihnen begann ein Prozess, in dem ich Schritt für Schritt lernte, in Distanz zu meinen Gedanken zu gehen, die ich oft als belastend empfand und die ich nun lernte, von außen zu betrachten und in ihrer Wirkung auf mich abzuschwächen.
Harari, der ebenfalls meditiert, führt diesen Ansatz hier konsequent aus. Er legt schonungslos die Fakten offen und hilft den Leserinnen und Lesern Zusammenhänge herzustellen, um ein gewisses Maß an Klarheit zu bekommen über das, was sich gerade ereignet.
Dann schlägt er eine sehr interessante Alternative zur Panik vor:
Was also tun? Der erste Schritt besteht darin, die Untergangsprophezeiungen herunterzudimmen und vom Panikmodus in den der Verunsicherung umzuschalten. Panik ist eine Form von Hybris. Sie geht mit dem selbstgefälligen Gefühl einher, dass man genau weiß, wohin die Welt steuert – nämlich Richtung Abgrund. (Harari, 48)
Panik ist also die emotionale Reaktion meines Systems auf den Verstand, der im Größenwahn meint, sich ein Urteil erlauben zu können über das was in der Welt passiert. Ich fühle mich ertappt und muss fast schmunzeln. Stattdessen schlägt Harari vor, dass wir es mit dem Eingeständnis von Verunsicherung versuchen sollten:
Verunsicherung ist demütiger und damit hellsichtiger. Wenn Sie das Gefühl haben, schreiend durch die Straßen rennen und «Die Apokalypse ist nah!» rufen zu müssen, versuchen Sie sich einzureden: «Nein, das stimmt nicht, die Wahrheit ist, dass ich einfach nicht verstehe, was auf der Welt passiert.» (Harari, 48)
In anderen Worten: Mach Dir bewusst, dass Du keinen Plan hast – und sei gelassen damit. Alles andere macht es nur noch schlimmer. Nicht schlecht, Mr. Harari.
Und was soll das Foto? Eine Einladung zum Üben von Gelassenheit mit dem Nichtwissen. Ich habe keine Ahnung, was ich da vor Jahren fotografiert habe.
Pindo
