Wieder einmal im Kontakt mit humanen Anmutungen im Rindenwirrwarr. Beide scheinen arg gezeichnet von der Last der Jahrzehnte.
Pindo
Archiv des Autors: Adrian Bröking
Kirschblütendelirium in Schöneberg
Nicht müde werden
Zum Abschluss eines Retreats in Lüneburg vor wenigen Tagen hat uns eine Teilnehmerin mit dem Vortrag dieses Gedichts beglückt.
Vielen Dank, Françoise!
Pindo
Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.
Hilde Domin
Todo cambia – Alles ändert sich
Gestern war der letzte Schultag meiner Abiturienten. Den Schülerinnen und Schülern meines Leistungskurses Spanisch habe ich zum Abschied und zum Abschluss einer Lebensphase ein Lied geschenkt. Es heißt TODO CAMBIA – ALLES ÄNDERT SICH und ist von Mercedes Sosa (1935-2009), der vielleicht größten Sängerin Lateinamerikas.
Mercedes Sosa singt darin ein Gedicht des chilenischen Dichters Julio Numhauser über die Veränderlichkeit als einzige Konstanz im Leben, den Schmerz und die Heimatliebe des Exilanten, und auch über die Hoffnung auf eine künftige politische Änderung, aufsteigend aus dem Wissen um das universale Gesetz der Veränderlichkeit.
Hier das Lied in zwei Fassungen. Zunächst die Studioversion, die die ganze Schönheit des Gesangs wiedergibt. Anschließend ein Konzertmitschnitt aus der späten Schaffensphase der Sosa. In sich ein Dokument der Änderung und zugleich Zeugnis der Freude und Liebe, die Musik im Menschen auslösen kann. Unter den Videos folgt meine eigene Übersetzung.
Pindo
Es ändert sich das Oberflächliche
Es ändert sich auch das Profunde
Es ändert sich die Art zu Denken
Es ändert sich alles in dieser Welt
Es ändert sich das Klima mit den Jahren
Es ändert der Schäfer seine Herde
Und so wie sich alles ändert,
Ändere auch ich mich, wen wundert es
Es ändert der feinste Brillant
Wenn er von Hand zu Hand geht seinen Glanz
Es ändert sein Nest der Vogel
Es ändert seine Empfindungen der Liebende
Es ändert die Richtung der Wanderer
Auch wenn es ihm Schmerz bereitet
Und so wie sich alles ändert,
Ändere auch ich mich, wen wundert es.
Es ändert sich alles, alles ändert sich
Es ändert sich alles, alles ändert sich
Es ändert sich der Lauf der Sonne,
Während die Nacht da ist
Es ändert sich die Pflanze
und zieht sich grün an im Frühling
Es ändert sein Fell das wilde Tier
Es ändert sein Haar der Greis
Und so wie sich alles ändert,
Ändere auch ich mich, wen wundert es.
Aber es ändert sich nicht meine Liebe,
Möge ich auch weit fort sein
Noch die Erinnerung oder
Der Schmerz meines Volkes
Und meiner Leute
Was sich gestern geändert hat,
Muss sich morgen wieder ändern
So wie ich mich ändere
Hier, weit entfernt
Es ändert sich alles, alles ändert sich
Es ändert sich alles, alles ändert sich
Aber es ändert sich nicht meine Liebe
Frühlingsrausch auf dem Schulhof
Borkenscheme freundlich gestimmt
Achtsamer Stundenbeginn
Achtsam eine Unterrichtsstunde beginnen? Bei mir funktioniert es in zwei kleineren Lerngruppen der Mittelstufe inzwischen so gut, dass die 14-jährigen Schüler mich selbst daran erinnern, wenn ich es einmal vergesse.
Das Ritual besteht aus einer fünfminütigen Achtsamkeitsübung, bei der mich eine Klangschalen-App auf meinem Smartphone untestützt. Die Klangschale leitet die Übung ein, markiert die Halbzeit nach zweieinhalb Minuten und signalisiert mit einem dreifachen Klang das Ende.
Wir setzen uns gerade hin, schließen die Augen oder lassen den Blick ins Leere gleiten. Dann nehmen wir drei tiefe Atemzüge, wobei wir bei jedem Einatmen bewusst die Wirbelsäule aufrichten und bei jedem Ausatmen den Körper zur Ruhe kommen lassen.
Anschließend lassen wir die Kontrolle des Atems los, suchen uns einen Ort im Körper, an dem wir ihn weiterhin besonders gut wahrnehmen (Wölbung von Brustkorb oder Bauchdecke, Lufthauch an der Nase) und gehen dazu über, den Atem nur noch zu beobachten.
Weiterhin senden wir mit unserem Geist dem Körper Signale. Jedes Einatmen ist ein Aufrichten, jedes Ausatmen ein Entspannen. Dies können die Schüler verstärken, indem sie mit ihrer inneren Stimme beim Atmen Botschaften formulieren: „Aufrichten … Entspannen..“.
Ich weise die Gruppe darauf hin, dass es völlig normal ist, wenn ihre Gedanken sich nach kurzer Zeit woanders hin begeben. Ich bitte sie, kurz festzustellen, wohin sie sich begeben haben und dabei möglichst gelassen und ohne zu werten vorzugehen. Dann holen sie ihren Geist zum augenblicklichen Fokus, dem Atmen und Entspannen zurück.
Nach etwa der Hälfte der Zeit bitte ich die Schüler, nun ihren Fokus zu ändern. Wir lassen das Entspannen in den Hintergrund treten und konzentrieren uns aufs Hören, verschmelzen mit unserem Hörsinn. Sie hören meine Stimme, Geräusche der Bewegungen von Mitschülern, das Scharren der Tische und Stühle im Raum über uns, Gespräche auf dem Gang, den Lieferwagen des Catering-Unternehmens auf dem Schulhof, Vogelzwitschern … und vermeiden dabei jede Wertung: „Da ist das Geräusch X … wir sitzen hier und hören …“
Nochmals bitte ich sie darum, ihre Gedanken gelassen zurückzuholen, wenn sie sich auf Wanderschaft begeben. Zum Ende gehe ich nochmals kurz zum Fokus Entspannen zurück und lasse die Klangschale die Übung beenden.
Die Wirkung dieser Übung beeindruckt mich immer wieder. Vorgestern, an einem Freitag in der 7. Stunde (!) begann ich meinen Unterricht wieder auf diese Weise. Aus einer wuseligen, unkonzentrierten Teenie-Schar in verquatschter Vorwochenendstimmung wurde in den fünf Minuten eine deutlich entspanntere Gruppe, die die Ruhe im Raum sichtlich genoss und nun dazu bereit war, noch eine gute halbe Stunde konzentriert meinem Input zu Präpositionen und Ortsangaben im Spanischen zu folgen.
Für mich sind dies magische Momente im Beruf.
Übrigens basiert die Übung auf Inhalten von Modern Mindfulness, einem online-gestützten Programm, das Lehrkräften die Möglichkeit gibt, Achtsamkeitsimpulse auf einfache Weise in den Schulalltag einfließen zu lassen. Entwickelt wurde es am Center for Mindful Learning (Vermont / USA). Der Autor ist Soryu Forall, der „Erfinder“ von Mind the Music .
Derzeit existiert Modern Mindfulness nur in englischer Sprache. Eine deutsche Version ist geplant.
Pindo
Meditatives Sehen: Technik und Natur auf dem Südgelände
Einer meiner liebsten Orte in Berlin ist das Südgelände, einst der größte Berliner Rangierbahnhof, heute ein Naturpark, in dem verwitterte Technik und Natur eine verzaubernde Symbiose eingehen.
So wird aus Befestigungen alter Eisenbahnschwellen plötzlich etwas Sakrales…
Pindo
Meditatives Sehen: Borkenschemen…
In der Meditation kann der Fokus ganz verschieden sein. Wir können uns auf unser Inneres konzentrieren und inneren Stimmen lauschen, Bilder sehen, Emotionen aufspüren, im Körper verorten, wertschätzen, gelassen annehmen. Aber auch die Außenwelt bietet eine Fülle meditativer Anlässe: Die Geräusche in unserer Umgebung, denen wir uns ganz öffnen können, die Empfindungen unserer Haut oder die Dinge, die wir sehen.
Vor einiger Zeit begann ich damit, mir die faszinierende Struktur von Baumrinden näher anzusehen. Oft fülle ich damit einen Moment des Wartens, etwa wenn ich meine Kinder von der Schule abhole. Dann richte ich den Blick auf einen Teil des Stammes und fokussiere immer wieder aufs Neue die Absicht, nun nur zu sehen. Plötzlich tauchen dann scheinbar geordnete Muster im Chaos auf und ich beginne, Gesichter zu sehen, die mich aus dem Baum heraus anblicken. Ich habe mir angewöhnt, sie zu fotografieren, diese Borkenschemen. Sie sind zu einer kleinen, spielerischen Bereicherung meines Alltags geworden. Hier eine kleine Auswahl:
Achtsames Zuhören im Englischunterricht
Ein Achtsamkeitstraining wie Mind the Music schult drei Dinge zugleich:
- Konzentrationsfähigkeit, als Fähigkeit, in einem bestimmten Moment ein Handeln bzw. einen Gegenstand zu fokussieren, alles andere in den Hintergrund zu rücken und den Geist immer wieder aufs Neue auf den gewählten Gegenstand zurück zu lenken;
- Klarheit der Wahrnehmung dessen, was gerade im Fokus steht und
- Gelassenheit als geistige Grundhaltung sowie Entspannung als ihre körperlich wahrnehmbare Entsprechung.
(Mehr hierzu in Shinzen Youngs Grundlagenwerk Five Ways to Know Yourself, S. 9ff. Der folgende Link führt zur deutschen Übersetzung.)
Kürzlich konnte ich im Englischunterricht wieder einmal feststellen, wie kraftvoll sich ein solches Training auf das Leistungsvermögen von Schülerinnen und Schülern auswirkt:
Wir sprachen im Leistungskurs Englisch über die Folgen der digitalen Revolution für die Massenmedien und hörten in diesem Zusammenhang ein Radiointerview mit einem Experten für neue Medien. Die Tonqualität war schlecht und der Gesprächsinhalt anspruchsvoll. Nach kurzer Zeit gab ein Teil des Kurses auf und fing an, sich untereinander leise zu unterhalten. Die Folge war, dass nun auch die übrigen Kursteilnehmer/innen wenig Chancen hatten, etwas zu verstehen. Ich ärgerte mich zwar zunächst, reagierte dann aber verständnisvoll, da es angesichts der Tonqualität selbst für mich eine Herausforderung war, den Text zu verstehen.
In der nächsten Stunde bat mich ein Schüler des Kurses, der auch an meiner Mind the Music-AG teilnimmt, um eine Entspannungsübung. Er war müde und hatte Bedürfnis nach einem Moment des Durchatmens. Ich stimmte zu und leitete eine Übung zur Atembeobachtung ein. Nachdem ich feststellte, dass die Schüler alle bei der Sache waren, bekam ich spontan Lust auf ein Experiment:
Ich schlug den Kursteilnehmern, die alle mit geschlossenen Augen ruhig vor sich hin atmeten, nun vor, den Fokus nun von der Atmung auf ihr Gehör zu verlagern. Nach einiger Zeit kündigte ich an, dass ich ihnen direkt im Anschluss an die Übung nochmals das Radiointerview vorspielen würde. Ich bat sie, die Augen geschlossen zu halten und in ihrer Haltung der entspannten Konzentration zu verweilen. Für den Fall, dass die schlechte Tonqualität oder der schwierige Inhalt sie stressen sollte, schlug ich ihnen vor, für einen Moment wieder ihren Atem zu fokussieren und sich über das Ausatmen zu entspannen. Alle Schüler verharrten in ihrer Haltung, ich schritt zur Tafel, startete die Aufnahme und blieb dabei selbst im „Achtsamkeitsmodus“.
Die folgende Erfahrung war spektakulär: Ich stand entspannt im Raum, blickte mit einem Glücksgefühl auf 20 achtsam zuhörende Schülerinnen und Schüler, ließ gleichzeitig die Sprache über das Gehör in meinen Geist einfließen – und verstand nun jedes einzelne Wort! Nach der Übung stellte ich dann in einem kurzen Gespräch fest, dass es nun auch für den Kurs viel leichter gewesen war, dem Interview zu folgen.
Pindo





