Ein kahler, zurückgeschnittener Baum als Scherenschnitt in eisiger Nacht.
Winter at its best in Berlin…
Archiv des Autors: Adrian Bröking
Stop, look and transform the world
Der Benediktinermönch David Steindl-Rast spricht in diesem inspirierenden Vortrag über die Grundlage von Glück:
Sei dankbar und begreife jeden Moment des Lebens als eine Gelegenheit…
Pindo
„Es funktioniert!“ – über das achtsame Erledigen von Hausaufgaben
Vor einigen Tagen musste ich einen kranken Kollegen in einer mir fremden 10. Klasse vertreten. Eigentlich ist das eine unangenehme Aufgabe, da die Schüler meist nicht die Lust haben, sich auf eine inhaltliche Arbeit einzulassen und ich als unbekannter Lehrer nicht in der Position bin, eine solche einzufordern, ohne dabei selbst Stress zu erleben.
Diesmal war alles anders. Ich habe den Schülern von meiner Achtsamkeits-AG erzählt und sie eingeladen, eine der Techniken auszuprobieren. Die Aussicht, im Unterricht eigene Musik hören zu können, machte sie neugierig und brach – wieder einmal – das Eis. Ich erzählte kurz in drei Minuten etwas über den Sinn der Übung: über Präsenz, über Gedanken, die wir aus Vergangenheit oder Zukunft zurück in den Moment holen können und über die Folgen davon, das intensivere Erleben dessen, was wir gerade tun und das damit verbundene, nicht zu beschreibende Wohlgefühl. Wir absolvierten zwei Übungen. Nach der zweiten ließ ich die Klasse für einen Moment die Augen geschlossen zu halten und wies sie auf die friedvolle Stille hin, die uns – 31 Jugendliche und einen Lehrer – umhüllte. In diese Stille drang nach einer Minute die Pausenglocke vor, was mehrere Schüler zu einem spontanen, enttäuschten „Ooooooooh“ veranlasste…
Nachmittags war Mind the Music-AG und prompt tauchte Johanna, eine der Schülerinnen vom Morgen neu in der Gruppe auf. Sie machte die Übungen mit großer Teilnahme mit und hörte sich meine Erläuterungen sehr aufmerksam an. Ich schlug vor, wie sie die Technik des Gedankenzurückholens ganz einfach auf den Nachmittag, etwa auf den Moment des Erledigens von Hausaufgaben übertragen könnten:
„Ihr achtet auf euren Atem und verfolgt, wie er sich an der Bauchdecke bemerkbar macht. Beim Ausatmen entspannt ihr, beim Einatmen achtet ihr auf eure Körperhaltung. Dabei sendet ihr mit eurer inneren Stimme immer wieder das Signal ‚Ich sehe / ich lese‘ an euren Geist. Sobald ihr bemerkt, dass eure Gedanken abgeschweift sind, was völlig normal ist, benennt ihr kurz, wo ihr seid („Facebook … meine Freundin X“) und kehrt mit einem neuerlichen ‚Ich sehe / ich lese‘ zurück zu dem, was ihr gemacht habt.“
Am nächsten Morgen in der Pause passte Johanna mich vor dem Lehrerzimmer ab. Ihre Augen leuchteten, sie lächelte und sagte: „Ich habe das gestern bei den Englischhausaufgaben ausprobiert. Es funktioniert!!! Darf ich nächste Woche wieder kommen?“
Pindo
Herbst in Berlin
Im zukünftigen Moment sein
Achtsamkeit ist, nach meiner spontanen Definition, die Fähigkeit, im aktuellen Moment das Wesentliche zu fokussieren und alles Andere in den Hintergrund treten zu lassen. Sie ist also ein Phänomen der Gegenwart. Allerdings bringen mich neue Erfahrungen zu der Auffassung, dass Achtsamkeit auch in die Zukunft wirken kann. Ein Beispiel:
Kürzlich stellte mir im Unterricht eine Schülerin die Frage, was eigentlich Gegenstand der Klausur sei, die wir ja in Kürze schreiben würden. Ich war in Gedanken bei einem anderen Thema und sagte ihr nur kurz, ich würde ihr in der nächsten Stunde dazu mehr Informationen geben. Dann vergaß ich den Vorgang in der Hektik des Schultags bis – zum Freitagabend kurz vor dem Einschlafen im Bett…
Es begann mit dem Bild aus der Klasse, das mir wieder in den Kopf schoss, ich hörte wieder die Stimme der Schülerin, dann einen Moment Leere und kurz darauf meine eigene anklagende Stimme: „Mein Gott! Welch erbärmlichen Anfängerfehler hast du da nur gemacht. Du unterrichtest ins Blaue hinein und kümmerst dich überhaupt nicht darum, was für deine Schüler klausurrelevant ist. Da hast du den Salat, wie soll das nur gut gehen, das schaffst du nie, …“ Mein Körper reagierte im selben Moment mit ausbrechendem Schweiß und Magendrücken. Der klassische Einstieg ins Drehbuch einer durchwachten Nacht mit unproduktiven Gedankenspiralen auf zerwühlten Kissen.
Noch vor wenigen Monaten wäre dieses Szenario unabwendbar gewesen. Nun ging ich wie folgt vor: Ich konzentrierte mich zunächst auf meinen Atem und signalisierte meinem Körper mit jedem Ausatmen, sich langsam wieder zu entspannen. Das funktionierte nach kurzer Zeit so weit, dass ich wieder klar denken konnte. Ich analysierte kurz die Situation, zunächst Richtung Vergangenheit: Tatsächlich, Ich hatte einen Fehler gemacht. Dann fokussierte ich kurz die Zukunft, zunächst die zwei Wochen bis zur Klausur und die mir in dieser Zeit zur Verfügung stehenden Unterrichtsstunden und anschließend das direkt vor mir liegende Wochenende mit seinen Verpflichtungen. Ich entschied ruhig, dass am morgigen Samstag keine Zeit sein würde, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Am darauf folgenden Sonntag war wunderschönes Herbstwetter angekündigt, das ich für einen Ausflug mit meiner Familie in den Wald nutzen wollte. Zeit für die Klausurvorbereitung fand ich erst am Montagnachmittag. Ich beschloss in dem Moment also, mich in drei Tagen nachmittags zwei Stunden damit zu beschäftigen und in dieser klar umgrenzten Zeit zunächst Textgrundlagen für die Klausur zu finden und anschließend die mir noch verbleibenden Unterrichtsstunden grob zu skizzieren.
Was soll ich sagen: Ich schlief schnell ein und gut durch, hatte einen angenehm vollen, aber stressfreien Samstag, einen wunderschönen Familiensonntag und verwirklichte am Montagnachmittag mein Vorhaben konzentriert und weitgehend entspannt. Als ich den Computer ausmachte und auf die Uhr schaute, waren zwei Stunden vergangen…
Pindo
Mind the Music – worum geht es?
Mind the Music bietet einen Weg zur Achtsamkeit, der vier Aspekte schult, die im Leben der Jugendlichen eine zentrale Rolle spielen (sollten):
- das Vermögen, sich zu entspannen,
- die Fähigkeit zu fokussieren, festgemacht am achtsamen Zuhören
- die Bereitschaft, eigene Gefühle kennen zu lernen und anzunehmen,
- die Möglichkeit, sich echte Ziele zu setzen und sich auf den Weg zu machen, sie zu erreichen.
Musik hat in der Methode eine zentrale Bedeutung inne. Sie schlägt die Brücke zu den Jugendlichen, die schon viele Erfahrungen im Umgang mit Musik als Entspannungsinstrument mitbringen und so Vertrauen schöpfen. Und sie bietet in einer Gruppe von 35 DreizehnJährigen die notwendige Sicherheit, sich auf Achtsamkeit einzulassen. Denn: in Stille mit geschlossenen Augen beieinander zu sitzen und zu meditieren, ist kein besonders cooler Gedanke. Wenn die Schüler aber dasselbe machen sollen und dabei ein Lied ihrer Wahl hören dürfen, dann sind sie mit Begeisterung bei der Sache und zeigen große Offenheit, neue Erfahrungen zu machen und auch über diese zu sprechen.
Soryu Forall und Jugendliche aus seinen Kursen in Burlington / Vermont stellen die Grundelemente von Mind the Music in vier Videos eindrucksvoll dar. Das erste gebe ich unten wieder.
To This Day
Von Jules, einer Leserin aus Toronto erreicht mich ein Hinweis auf To This Day, ein herzzerreißend-faszinierendes Projekt gegen Bullying an Schulen. Shane Koyczan, ein kanadischer Dichter mit einschlägiger Vergangenheit ist Urheber des Gedichts, das im Zentrum steht und unten graphisch umgesetzt wird. Jules, die als Psychologin in ihrer therapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mindfulness mit großem Erfolg einsetzt, ist überzeugt, dass wir den Kids mit Achtsamkeit einen Schutzpanzer geben können, der sie die offene und versteckte Brutalität an unseren Schulen aushalten lässt. Danke für diese wunderbare Bestätigung. Pindo
Soryu Forall und Mind the Music – Wege zur Achtsamkeit in meiner Schule
Vor Monaten hatte ich über meinen Wunsch geschrieben, Achtsamkeit auch Jugendlichen nahe bringen zu können. Damals war ich auf die Arbeit von Soryu Forall und Shinzen Young gestoßen. (Siehe hierzu diesen Beitrag.) Im Juni 2012 hatte ich die Möglichkeit, Soryu Forall an vier intensiven Tagen des Zusammenseins in Lüneburg kennen zu lernen. Er war für längere Zeit in Asien gewesen und kehrte nun über Deutschland nach Vermont zurück. In Lüneburg besuchte Soryu das von Sabine Heggemann geleitete Achtsamkeitsprojekt an der örtlichen Sekundarschule und hielt einen Vortrag an der Universität Leuphana.
Soryu Forall, heute Mitte 30, geboren als Teal Scott in Vermont / USA. verließ mit 19 Jahren seine Heimat, um, wie er selbst schreibt, seinen persönlichen Beitrag zur Beendigung des Leidens in der Welt zu leisten. Er ging nach Japan in ein Zen-Kloster und wurde dort zum buddhistischen Mönch geweiht. Später lebte und arbeitete er zunächst in Südindien, wo er mit Kindern aus Familien der untersten Kasten arbeitete und sich für deren Rechte einsetzte. Anschließend praktizierte er an einem tibetischen Kloster in Nordindien und schließlich in Ostchina. Zurück in den Vereinigten Staaten konzentrierte er sich auf die achtsame Arbeit mit Jugendlichen und entwickelte schließlich das Programm Mind the Music.
Der Titel Mind the Music beschreibt die Essenz des Ansatzes: Soryu überwindet die Hemmungen junger Menschen, sich einem Beieinandersitzen in Stille zu öffnen, indem er sie dazu einlädt, gemeinsam mit ihm ihre Musik zu hören, die Musik, die ihnen immer schon hilft, ihren persönlichen Alltag zu genießen und zu verkraften. Sie gewinnen so Vertrauen und lassen sich auf neue Erfahrungen ein, Erfahrungen der Entspannung, Erfahrungen der Konzentration, Erfahrungen des Lauschens auf die eigenen Gefühle, Erfahrungen, wie ich das eigene Leben in Angriff nehmen kann.
Die Begegnung mit Soryu hat mein Leben verändert, wie die Achtsamkeit insgesamt, ganz sanft, unspektakulär, nachhaltig. Seit August 2012 vermittle ich Jugendlichen an meiner Schule Achtsamkeit mit der Hilfe von Mind the Music. Und die Dinge nehmen ihren Lauf.
Am Anfang stand ein Intensivtraining, das ich mit Erlaubnis der Schulleitung und der Eltern in meiner eigenen Klasse, einer Gruppe von 35 wirbeligen Jugendlichen im Alter von 13 und 14 Jahren, absolvierte. Es stieß bei praktisch allen Teilnehmern auf großes Interesse und brachte eine ganz neue Qualität in unsere Beziehung zueinander. Problematisch war nur, dass die Einheiten in meinem eigenen Fachunterricht stattfanden und ich die Intensität der Übungen nicht über das ganze Schuljahr aufrecht erhalten konnte. Daher wechselte ich meine Strategie und machte im Rahmen unserer Projekttage zum Schuljahresende ein neues, freiwilliges Angebot für Schüler aller Klassenstufen, Mind the Music an drei Tagen kennen zu lernen. Rund 20 Schüler ließen sich darauf ein und reagierten ausgesprochen positiv. Seit Beginn des neuen Schuljahres im August 2013 leite ich nun eine eigene Mind the Music-AG. Nach drei Sitzungen hat sich ein fester Teilnehmerkreis von 8 Schülern etabliert. Bisher sind jedesmal auch mehr, neugierige Freundinnen und Freunde dazu gekommen.
Jedoch ist dies noch nicht alles. Ich koordiniere die Steuergruppe an unserer Schule, in der sich Eltern, Schüler und Lehrer gemeinsam mit der pädagogischen Fortentwicklung der Schule beschäftigen. Als das Thema der Entwicklung eines neuen Leitbildes aufkam, schlugen die Eltern vor, den Begriff der Achtsamkeit künftig zu einer der Leitideen unseres Zusammenlebens zu erheben. Der Vorsitzende der Gesamtelternvertretung, Chefarzt an einer psychiatrischen Klinik und Vater einer Tochter in meiner Pilotklasse aus dem vergangenen Schuljahr, berichtete von ausgesprochen positiven Erfahrungen mit Achtsamkeit in seinem eigenen Krankenhaus und regte an, die Schulgemeinschaft für dieses Thema zu sensibilisieren. Ermutigt hatten ihn dazu offensichtlich die positiven Schilderungen seiner Tochter, die im vorherigen Schuljahr in meiner Pilotklasse war und sehr positiv von Mind the Music erzählt hatte.
Ich war sprachlos, gerührt, begeistert zugleich. Allerdings erfüllte mich auch großer Respekt davor, diese Idee in die Mitte unserer großen, sehr heterogenen Schulgemeinschaft zu tragen. Vergangenen Donnerstag habe ich dazu nun den ersten Schritt unternommen. Während eines Studientages, auf dem sich das Lehrerkollegium mit der Weiterentwicklung unserer Schule beschäftigte, leitete ich die AG zur Leitbild-Entwicklung. In drei Stunden gelang es unserer Gruppe einen Konsens über ein künftiges Leitbild zu entwickeln, das aus dem Dreiklang GEMEINSAM – TRANSPARENT – ACHTSAM besteht. Nur wenigen war der Begriff der Achtsamkeit im engeren Sinne schon geläufig. Es herrschten auch einige Zweifel, ob eine Schule es sich leisten könne, sich mit einem solch ungewöhnlichen Begriff nach außen hin zu positionieren. Schließlich siegte bei allen jedoch die Hoffnung auf Entschleunigung im Alltag, die sie sich nach meinen einführenden Schilderungen von Achtsamkeit offensichtlich versprachen.
Wir sind also auf dem Weg. Unglaublich.
Die Liebe selbst
Ein Moment der Erleuchtung, in den wunderbaren Worten von Leonard Cohen:
LOVE ITSELF
The light came through the window,
Straight from the sun above,
And so inside my little room
There plunged the rays of Love.
In streams of light I clearly saw
The dust you seldom see,
Out of which the Nameless makes
A Name for one like me.
I’ll try to say a little more:
Love went on and on
Until it reached an open door –
Then Love Itself
Love Itself was gone.
All busy in the sunlight
The flecks did float and dance,
And I was tumbled up with them
In formless circumstance.
I’ll try to say a little more:
Love went on and on
Until it reached an open door –
Then Love Itself
Love Itself was gone.
Then I came back from where I’d been.
My room, it looked the same –
But there was nothing left between
The Nameless and the Name.
All busy in the sunlight
The flecks did float and dance,
And I was tumbled up with them
In formless circumstance.
I’ll try to say a little more:
Love went on and on
Until it reached an open door –
Then Love itself,
Love Itself was gone.
Love Itself was gone.
Leonard Cohen, Ten New Songs, 2001
Frühlingsfrierende Birken…
Noch ein Gedicht, weil es so gut passt…
Kann mir einer sagen, wohin
ich mit meinem Leben reiche?
Ob ich nicht auch noch im Sturme streiche
und als Welle wohne im Teiche,
und ob ich nicht selbst noch die blasse, bleiche
frühlingsfrierende Birke bin?
Aus: Mir zur Feier, von Reiner Maria Rilke

