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„Es funktioniert!“ – über das achtsame Erledigen von Hausaufgaben

Vor einigen Tagen musste ich einen kranken Kollegen in einer mir fremden 10. Klasse vertreten. Eigentlich ist das eine unangenehme Aufgabe, da die Schüler meist nicht die Lust haben, sich auf eine inhaltliche Arbeit einzulassen und ich als unbekannter Lehrer nicht in der Position bin, eine solche einzufordern, ohne dabei selbst Stress zu erleben.

Diesmal war alles anders. Ich habe den Schülern von meiner Achtsamkeits-AG erzählt und sie eingeladen, eine der Techniken auszuprobieren. Die Aussicht, im Unterricht eigene Musik hören zu können, machte sie neugierig und brach – wieder einmal – das Eis. Ich erzählte kurz in drei Minuten etwas über den Sinn der Übung: über Präsenz, über Gedanken, die wir aus Vergangenheit oder Zukunft zurück in den Moment holen können und über die Folgen davon, das intensivere Erleben dessen, was wir gerade tun und das damit verbundene, nicht zu beschreibende Wohlgefühl. Wir absolvierten zwei Übungen. Nach der zweiten ließ ich die Klasse für einen Moment die Augen geschlossen zu halten und wies sie auf die friedvolle Stille hin, die uns –  31 Jugendliche und einen Lehrer – umhüllte. In diese Stille drang nach einer Minute die Pausenglocke vor, was mehrere Schüler zu einem spontanen, enttäuschten „Ooooooooh“ veranlasste…

Nachmittags war Mind the Music-AG und prompt tauchte Johanna, eine der Schülerinnen vom Morgen neu in der Gruppe auf. Sie machte die Übungen mit großer Teilnahme mit und hörte sich meine Erläuterungen sehr aufmerksam an. Ich schlug vor, wie sie die Technik des Gedankenzurückholens ganz einfach auf den Nachmittag, etwa auf den Moment des Erledigens von Hausaufgaben übertragen könnten:

„Ihr achtet auf euren Atem und verfolgt, wie er sich an der Bauchdecke bemerkbar macht. Beim Ausatmen entspannt ihr, beim Einatmen achtet ihr auf eure Körperhaltung. Dabei sendet ihr mit eurer inneren Stimme immer wieder das Signal ‚Ich sehe / ich lese‘ an euren Geist.  Sobald ihr bemerkt, dass eure Gedanken abgeschweift sind, was völlig normal ist, benennt ihr kurz, wo ihr seid („Facebook … meine Freundin X“) und kehrt mit einem neuerlichen ‚Ich sehe / ich lese‘ zurück zu dem, was ihr gemacht habt.“

Am nächsten Morgen in der Pause passte Johanna mich vor dem Lehrerzimmer ab. Ihre Augen leuchteten, sie lächelte und sagte: „Ich habe das gestern bei den Englischhausaufgaben ausprobiert. Es funktioniert!!! Darf ich nächste Woche wieder kommen?“

Pindo

Mind the Music – worum geht es?

Mind the Music bietet einen  Weg zur Achtsamkeit, der vier Aspekte schult, die im Leben der Jugendlichen eine zentrale Rolle spielen (sollten):

  • das Vermögen, sich zu entspannen,
  • die Fähigkeit zu fokussieren, festgemacht am achtsamen Zuhören
  • die Bereitschaft, eigene Gefühle kennen zu lernen und anzunehmen,
  • die Möglichkeit, sich echte Ziele zu setzen und sich auf den Weg zu machen, sie zu erreichen.

Musik hat in der Methode eine zentrale Bedeutung inne. Sie schlägt die Brücke zu den Jugendlichen, die schon viele Erfahrungen im Umgang mit Musik als Entspannungsinstrument mitbringen und so Vertrauen schöpfen. Und sie bietet in einer Gruppe von 35 DreizehnJährigen die notwendige Sicherheit, sich auf Achtsamkeit einzulassen. Denn: in Stille mit geschlossenen Augen beieinander zu sitzen und zu meditieren, ist kein besonders cooler Gedanke. Wenn die Schüler aber dasselbe machen sollen und dabei ein Lied ihrer Wahl hören dürfen, dann sind sie mit Begeisterung bei der Sache und zeigen große Offenheit, neue Erfahrungen zu machen und auch über diese zu sprechen.

Soryu Forall und Jugendliche aus seinen Kursen in Burlington / Vermont stellen die Grundelemente von Mind the Music in vier Videos eindrucksvoll dar. Das erste gebe ich unten wieder.

To This Day

Von Jules, einer Leserin aus Toronto erreicht mich ein Hinweis auf  To This Dayein herzzerreißend-faszinierendes Projekt gegen Bullying an Schulen. Shane Koyczan, ein kanadischer Dichter mit einschlägiger Vergangenheit ist Urheber des Gedichts, das im Zentrum steht und unten graphisch umgesetzt wird. Jules, die als Psychologin in ihrer therapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mindfulness mit großem Erfolg einsetzt, ist überzeugt, dass wir den Kids mit Achtsamkeit einen Schutzpanzer geben können, der sie die offene und versteckte Brutalität an unseren Schulen aushalten lässt. Danke für diese wunderbare Bestätigung. Pindo

Soryu Forall und Mind the Music – Wege zur Achtsamkeit in meiner Schule

Vor Monaten hatte ich über meinen Wunsch geschrieben, Achtsamkeit auch Jugendlichen nahe bringen zu können. Damals war ich auf die Arbeit von Soryu Forall und Shinzen Young gestoßen. (Siehe hierzu diesen Beitrag.) Im Juni 2012 hatte ich die Möglichkeit, Soryu Forall an vier intensiven Tagen des Zusammenseins in Lüneburg kennen zu lernen. Er war für längere Zeit in Asien gewesen und kehrte nun über Deutschland nach Vermont zurück. In Lüneburg besuchte Soryu das von Sabine Heggemann geleitete Achtsamkeitsprojekt an der örtlichen Sekundarschule und hielt einen Vortrag an der Universität Leuphana.

Soryu Forall, heute Mitte 30, geboren als Teal Scott in Vermont / USA. verließ mit 19 Jahren seine Heimat, um, wie er selbst schreibt, seinen persönlichen Beitrag zur Beendigung des Leidens in der Welt zu leisten. Er ging nach Japan in ein Zen-Kloster und wurde dort zum buddhistischen Mönch geweiht. Später lebte und arbeitete er zunächst in Südindien, wo er mit Kindern aus Familien der untersten Kasten arbeitete und sich für deren Rechte einsetzte. Anschließend praktizierte er an einem tibetischen Kloster in Nordindien und schließlich in Ostchina. Zurück in den Vereinigten Staaten konzentrierte er sich auf die achtsame Arbeit mit Jugendlichen und entwickelte schließlich das Programm Mind the Music.

Der Titel Mind the Music beschreibt die Essenz des Ansatzes: Soryu überwindet die Hemmungen junger Menschen, sich einem Beieinandersitzen in Stille zu öffnen, indem er sie dazu einlädt, gemeinsam mit ihm ihre Musik zu hören, die Musik, die ihnen immer schon hilft, ihren persönlichen Alltag zu genießen und zu verkraften. Sie gewinnen so Vertrauen und lassen sich auf neue Erfahrungen ein, Erfahrungen der Entspannung, Erfahrungen der Konzentration, Erfahrungen des Lauschens auf die eigenen Gefühle, Erfahrungen, wie ich das eigene Leben in Angriff nehmen kann.

Die Begegnung mit Soryu hat mein Leben verändert, wie die Achtsamkeit insgesamt, ganz sanft, unspektakulär, nachhaltig. Seit August 2012 vermittle ich Jugendlichen an meiner Schule Achtsamkeit mit der Hilfe von Mind the Music. Und die Dinge nehmen ihren Lauf.

Am Anfang stand ein Intensivtraining, das ich mit Erlaubnis der Schulleitung und der Eltern in meiner eigenen Klasse, einer Gruppe von 35 wirbeligen Jugendlichen im Alter von 13 und 14 Jahren, absolvierte. Es stieß bei praktisch allen Teilnehmern auf großes Interesse und brachte eine ganz neue Qualität in unsere Beziehung zueinander. Problematisch war nur, dass die Einheiten in meinem eigenen Fachunterricht stattfanden und ich die Intensität der Übungen nicht über das ganze Schuljahr aufrecht erhalten konnte. Daher wechselte ich meine Strategie und machte im Rahmen unserer Projekttage zum Schuljahresende ein neues, freiwilliges Angebot für Schüler aller Klassenstufen, Mind the Music an drei Tagen kennen zu lernen. Rund 20 Schüler ließen sich darauf ein und reagierten ausgesprochen positiv.  Seit Beginn des neuen Schuljahres im August 2013 leite ich nun eine eigene Mind the Music-AG. Nach drei Sitzungen hat sich ein fester Teilnehmerkreis von 8 Schülern etabliert. Bisher sind jedesmal auch mehr, neugierige Freundinnen und Freunde dazu gekommen.

Jedoch ist dies noch nicht alles. Ich koordiniere die Steuergruppe an unserer Schule, in der sich Eltern, Schüler und Lehrer gemeinsam mit der pädagogischen Fortentwicklung der Schule beschäftigen. Als das Thema der Entwicklung eines neuen Leitbildes aufkam, schlugen die Eltern vor, den Begriff der Achtsamkeit künftig zu einer der Leitideen unseres Zusammenlebens zu erheben. Der Vorsitzende der Gesamtelternvertretung, Chefarzt an einer psychiatrischen Klinik und Vater einer Tochter in meiner Pilotklasse aus dem vergangenen Schuljahr, berichtete von ausgesprochen positiven Erfahrungen mit Achtsamkeit in seinem eigenen Krankenhaus und regte an, die Schulgemeinschaft für dieses Thema zu sensibilisieren.  Ermutigt hatten ihn dazu offensichtlich die positiven Schilderungen seiner Tochter, die im vorherigen Schuljahr in meiner Pilotklasse war und sehr positiv von Mind the Music erzählt hatte.

Ich war sprachlos, gerührt, begeistert zugleich. Allerdings erfüllte mich auch großer Respekt davor, diese Idee in die Mitte unserer großen, sehr heterogenen Schulgemeinschaft zu tragen. Vergangenen Donnerstag habe ich dazu nun den ersten Schritt unternommen. Während eines Studientages, auf dem sich das Lehrerkollegium mit der Weiterentwicklung unserer Schule beschäftigte, leitete ich die AG zur Leitbild-Entwicklung. In drei Stunden gelang es unserer Gruppe einen Konsens über ein künftiges Leitbild zu entwickeln, das aus dem Dreiklang GEMEINSAM – TRANSPARENT – ACHTSAM besteht. Nur wenigen war der Begriff der Achtsamkeit im engeren Sinne schon geläufig. Es herrschten auch einige Zweifel, ob eine Schule es sich leisten könne, sich mit einem solch ungewöhnlichen Begriff nach außen hin zu positionieren. Schließlich siegte bei allen jedoch die Hoffnung auf Entschleunigung im Alltag, die sie sich nach meinen einführenden Schilderungen von Achtsamkeit offensichtlich versprachen.

Wir sind also auf dem Weg. Unglaublich.

Engel der Achtsamkeit?

Manche Schultage haben es in sich – so auch der gestrige. Vor der ersten Stunde, auf dem Weg in meine Klasse, hält mich eine Kollegin an und berichtet mir von einer aggressiven Reaktion eines meiner Schüler gegenüber einem Jüngeren. Die Attacke war so intensiv, dass der andere, auch kein Kind von Traurigkeit und hart im Nehmen, mit Übelkeit nach Hause gehen musste.

Ein anderer Kollege, der das Gespräch mit bekommt, berichtet mir von einer weiteren Attacke, die Tage zuvor in seinem Unterricht passiert war. Der selbe Junge hatte eine Mitschülerin so massiv gegen einen Tisch gestoßen, dass diese sich vor Schmerzen krümmte… Ich war sehr verwundert, zumal der Schüler noch niemals mit Aggressionen aufgefallen war.

In der Klasse kommt eine Schülerin auf mich zu und berichtet mir, dass sie seit Tagen eine Auseinandersetzung nach der anderen hat – und zwar mit demselben Jungen. Es war sonnenklar, dass da irgend etwas nicht stimmen konnte. Spontan stellte ich meine Unterrichtsplanung um, gab der Klasse einen Arbeitsauftrag und bat meinen dreizehnjährigen Kampfsportler zu einem Gespräch in einen Extraraum. Auf meine Frage, was denn los sei, ob er vielleicht zuhause Schwierigkeiten habe, fing der Junge zunächst an zu zittern und dann herzzerreißend zu schluchzen. Nach ein paar Minuten hatte er sich so weit beruhigt, dass er mit leiser Stimme hervorbrachte: „Keine Ahnung, vielleicht hat es damit zu tun, dass ich so wütend bin. Meine Mutter hat nämlich wieder Krebs…“

In solchen Momenten bin ich besonders glücklich über meine Achtsamkeitspraxis. Mehrfach durfte ich schon erfahren, dass mir – im Gegensatz zu früher – nun einfach spontan die richtigen Worte einfallen. Ich atmete mehrfach achtsam ein und aus, konzentrierte mich auf das Weinen des Jungen und begann langsam und ruhig mit ihm zu sprechen. Ich äußerte Verständnis für sein Verhalten und spendete Trost soweit das in solch einem Fall möglich ist. Auch brachte ich den Jungen dazu, sich einem Klassenkameraden anzuvertrauen, damit er mit seinen Gedanken nicht mehr allein herumlaufen musste. Außerdem sagte ich ihm, dass er allen Grund hatte, wütend zu sein, dass wir aber natürlich auch darauf achten mussten, dass er seine berechtigte Wut nicht an Unbeteiligten ausließ. Er stimmte mir sofort zu und schlug selbst vor, sofort in der Pause in die Klasse seines Kontrahenten zu gehen und sich zu entschuldigen. Ich fand die Reaktion sehr beeindruckend, wenn mich auch stutzig machte, dass der Junge sich gar nicht genau an den Vorfall erinnern konnte.

Am späten Vormittag sahen wir uns wieder. Mein Schüler berichtete mir nun, er habe mit dem jüngeren Kameraden gesprochen und dabei habe sich heraus gestellt, dass das Ganze eine Verwechslung war. Ein anderer Schüler, der meinem Schützling ähnlich sah, hatte den Angriff ausgeführt…

Was war da nur passiert? Ein Junge steht mit seinem Schmerz und seiner Angst allein da, hat niemandem, mit dem er sich austauschen kann. Dann führt eine falsche Verdächtigung dazu, dass er sich öffnet, sein Herz erleichtert und zu reden beginnt – zunächst mit seinem Lehrer und anschließend mit einem Klassenkameraden. Er hat nun meine Handynummer für alle Fälle und steht nicht mehr allein da.

Am Ende des Schultages kommt der Junge extra noch einmal zu mir, um mir in aller Form zu danken und mir ein schönes Wochenende zu wünschen.

Und auch ich sage Danke an … tja an wen eigentlich…?

Genau: an den Engel der Achtsamkeit!

Pindo

Leben, Glück und Lehrerfragen…

“When I was 5 years old, my mother always told me that happiness was the key to life.
When I went to school, they asked me what I wanted to be when I grew up. I wrote down ‘happy’.
They told me I didn’t understand the assignment, and I told them they didn’t understand life.”

John Lennon

Vielen Dank für dieses wunderbare Zitat an eine Leserin aus Kanada. Wie ich diesen Gedankenaustausch liebe.

Pindo

Vermont – Lüneburg – Berlin – Der Weg entsteht beim Gehen…

Bei der Suche nach einem geeigneten Weg zur Achtsamkeit für meine Schüler stieß ich im Netz schnell auf die faszinierende Arbeit von Shinzen Young, Soryu Forall sowie auf das von ihnen begründete Center for Mindful Learning in Vermont / USA. In einer kurzen Email nach Vermont schilderte ich mein Anliegen, ein geeignetes Achtsamkeitstraining für Jugendliche an einer deutschen Schule etablieren zu wollen und schon wenige Tage später wies mir die Antwort den Weg, den ich nur noch zu beschreiten brauchte:

Ich erfuhr, dass Soryu Forall, der Initiator des Mind The Music-Programmes, im Sommer 2012 in Lüneburg zu Besuch sei, um sein Programm vorzustellen und mit deutschen Schülern zu arbeiten. Für alles Weitere sollte ich mich mit Sabine Heggemann, der Repräsentantin des CML in Deutschland in Kontakt setzen. Schon im ersten Telefonat reagierte Sabine Heggemann mit Begeisterung auf mein Interesse. Ich spürte sofort, dass ich eine Verbündete im Geiste getroffen hatte. Offensichtlich gab es also bereits eine Gruppe von Menschen, die ähnliche Ideen wie ich hatte, und nun erhielt ich die Möglichkeit, sie kennen zu lernen. Wie wunderbar!

Sabine erläuterte mir die Grundzüge von Mind the Music sowie den Ansatz der Basic Mindfulness von Shinzen Young, auf dem das Konzept aufbaute. Sie lud mich ein, Shinzens Ideen in einem Telefon-Konferenz-Kurs kennen zu lernen, den sie ab der kommenden Woche erstmals abhalten wollte. (Eine faszinierende Erfahrung, über die ich in einem späteren Beitrag schreiben werde.) Außerdem lud sie mich herzlich ein, im Juni nach Lüneburg zu kommen und Soryu bei der Arbeit mit Schülern zu begleiten. Sabine hatte Anfang des Schuljahres ein Pilotprojekt zur Einführung von Achtsamkeitselementen an der Integrierten Gesamtschule Lüneburg gestartet und Soryu wollte nun für drei Tage mit ihren Gruppen arbeiten. Die Aussicht begeisterte mich, ich hatte nur das Problem, das Soryus Anwesenheit in Lüneburg in den Zeitraum der letzten beiden Schultage vor den Sommerferien in Berlin fiel. Ich war Klassenlehrer und konnte mir kaum vorstellen, dass meine Schulleitung mit Begeisterung auf mein Ansinnen reagieren würde, während der letzten beiden Unterrichtstage auf Dienstreise gehen zu wollen. Dennoch rief ich bald darauf meinen Schulleiter an, erzählte ihm von meinem Vorhaben und der unglücklichen Terminkonstellation – und … stieß auf großes Interesse, Wohlwollen und eine Dienstbefreiung.

Se hace camino al andar.     Der Weg entsteht beim Gehen.

Pindo

AC/DC, David Bowie und ich … Achtsamkeit in der Pubertät?

Wenn ich meinen Schülern heute in ihre mehr oder weniger von Akne gezeichnete Gesichter blicke, denke ich oft an meine eigene Pubertät zurück. Im Alter von 13-18 Jahren fühlte ich mich wie ein Fähnchen im Wind, die Unsicherheit in Person, abhängig von den Moden, denen meine Freunde hinter her liefen, von ihren Meinungen und Werturteilen, ihrem Musikgeschmack. Puma oder Adidas? AC/DC, Bob Marley oder gar David Bowie? Entenschuhe und Kutte oder Popperlocken und Sasch-Hosen? Herr der Ringe toll finden ja oder nein? Jede dieser „hochbrisanten“ Entscheidungen schweißte mich an eine Gruppe und entfernte mich von einer anderen. Jahrelang befand ich mich im totalen Gefühlschaos, versuchte mich in der Quadratur des Kreises, dem Versuch es allen recht zu machen. Ich suchte die absolute Anerkennung von meinen Freunden und meiner festen Freundin,  wollte gleichzeitig aber die Wertschätzung meiner Eltern nicht verlieren. Manchmal hatte ich wochenlang ein Grummeln im Bauch und spürte einen Druck auf der Brust, der mir fast die Luft zum Atmen nahm. Meine hilflose Reaktion bestand darin, die inneren Stimmen zu ignorieren und die körperlichen Symptome weg zu drücken. Meine Gefühle machten mir Angst und ich versuchte sie rational zu bändigen – mit manchmal sehr unangenehmen Ergebnissen… Heute weiß ich, dass meine Intuition mir damals etwas vermitteln, mir vielleicht die Notwendigkeit aufzeigen wollte, eine für meine Entwicklung wichtige Entscheidung zu treffen. Damals jedoch stellte ich mich ihr gegenüber taub. Ich hatte ja nur eine vage Ahnung davon, was ich wollte, ja wer ich überhaupt war.   Kurz – ich war ein völlig verunsicherter und deshalb wohl ganz normaler, pubertierender Junge.
Und dann erhob sich in mir plötzlich die Frage:
Wie hätte ich meine Pubertät wohl erlebt, wenn ich damals Techniken wie die Sitzmeditation oder den Bodyscan beherrscht hätte? Wie hätte sich die Unsicherheit angefühlt, wenn ich mich ihr und den durch sie ausgelösten Gefühlen gestellt hätte, anstatt sie konsequent zu verdrängen?

Die sich einstellenden möglichen Antworten fühlten sich so spannend an, dass ich beschloss, ein Experiment zu wagen und Achtsamkeit meinen Schülern nahe zu bringen. Und ich machte mich auf die Suche nach dem geeigneten Weg.

Pindo

Ein Schulausflug wird zur achtsamen Herausforderung

Vor einigen Wochen erhielt ich einen Eindruck von der transformierenden Kraft der Achtsamkeitstechniken, die ich mir angeeignet habe:  Ich saß als begleitender Lehrer mit meiner Klasse in einem Berliner Theater und wartete auf den Beginn einer Autorenlesung. Der Saal war mit 350 lärmenden Jugendlichen im Alter von 13 bis 15 Jahren aus verschiedenen Schulen voll besetzt. Als die Protagonisten der Veranstaltung auftraten, ein amerikanischer Jugendbuchautor, seine Übersetzerin und der Moderator der Veranstaltung, ahnte ich bereits Böses.Der Moderator war ein unerträglich selbstverliebter Ignorant, der es offensichtlich gewohnt war, in Fernsehsendungen aufzutreten, wo schon die Anforderungen an die Tonaufnahmetechnik das Publikum in Schach hielten und für absolute Ruhe sorgten. In dem Ambiente hier im wirklichen Berliner Leben war er völlig überfordert. Während die Akteure auf der Bühne in einen routinierten Gutelaune-Talkshow-Habitus verfielen, näherte sich im Saal der Tonpegel nach anfänglichem kurzen Abebben schnell wieder dem einer Bahnhofshalle. Die Minuten verstrichen und meine Kollegin und ich schauten uns sprachlos an. Für mich kam die Situation einer Folter gleich. Ich kann respektloses Verhalten jeder Art nur schwer ertragen – und hier zeigten die Schüler im Saal mit ihrem lautstark demonstrierten Desinteresse die höchste Form von Respektlosigkeit gegenüber den Akteuren oben auf der Bühne. Gleichzeitig war mir völlig klar, dass es für mich absolut ausgeschlossen war, durch eine autoritäre Handlung irgendeiner Art die Situation zu verändern. Meine eigenen Schüler saßen weit von mir entfernt und all die anderen Klassen hätten mich vermutlich ausgelacht, wenn ich versucht hätte, sie für ihr Verhalten zu kritisieren. Und so nahm das Drama zunächst seinen gewohnten Lauf. Ich begann zu schwitzen und spürte, wie in mir die Aggression hoch stieg. Auf meiner Brust lastete ein starker Druck, der mir das Atmen erschwerte. Die Veranstaltung dauerte noch über eine Stunde und ich glaubte, keine Chance zu haben, in irgendeiner Weise Einfluss nehmen zu können.

Und dann erinnerte ich mich genau in diesem Moment höchsten Stresses an meine Achtsamkeitstechniken… Versuchsweise konzentrierte ich mich auf meinen Atem, folgte den Bewegungen meines Brustkorbes und meiner Bauchdecke –  und spürte mit großer Verblüffung schon nach wenigen Sekunden, dass sich in mir etwas veränderte. Der Druck auf meiner Brust ließ nach, mein Atmen wurde ruhiger, ich hörte auf zu schwitzen und fand langsam aber sicher meine Fassung wieder. Von da an war meine Neugier geweckt und ich begann, die eben noch ausweglose Sitution als Herausforderung wahrzunehmen. Zunächst einmal konzentrierte ich mich darauf, meinen Atem weiter zu beobachten, um meine Ruhe weiter zu stabilisieren. Als ich wieder völlig im Kontakt mit mir selbst war, ging ich schließlich einen Schritt weiter: Ich entließ nun den Atem aus meinem Fokus und konzentrierte mich hundertprozentig auf meinen Hörsinn. Dies tat ich, indem ich mit meiner inneren Stimme immer wieder das Wort „Hören“ wiederholte. Zunächst verschaffte ich mir damit einen Überblick über alle Geräusche, die an mein Ohr drangen. Dann fokussierte ich die Akteure auf der Bühne und stellte zu meinem Erstaunen fest, dass ich nun in der Lage war, jedes einzelne Wort, das dort oben gewechselt wurde, zu verstehen. Ungläubig ’switchte‘ ich zurück in den ‚Vollmodus‘ und war gleich wieder mitten drin in der Bahnhofshalle! Aber auch das zweite Umschalten in die Talkshow auf dem Szenario glückte problemlos. Von da an wurde die Veranstaltung ein Genuss für mich. Der Autor nebst Übersetzerin und der Moderator waren nur mäßig interessant. Für mich löste aber allein die Tatsache, dass ich sie nun verstehen konnte, ein Triumphgefühl sondergleichen aus. Den Rest der Veranstaltung genoss ich sehr und verließ den Saal anschließend in heiterer Gelassenheit.

Pindo

Vor der Achtsamkeit: das Hamsterrad

Die Krisensymptome nahmen irgendwann Überhand. Im beruflichen Bereich hatte ich das Gefühl, den Aufgaben nicht mehr gerecht zu werden, weswegen ich meine Arbeitszeiten immer weiter ausdehnte – zum Schluss sogar auf den frühen Morgen ab 5 Uhr. Dennoch wurde ich nie fertig. Wie auch? Fertigwerden ist nicht vorgesehen im Lehrerberuf und objektiv auch gar nicht möglich. Dazu rührt man einfach in zu vielen Leben gleichzeitig. In der Schule rannte ich von morgens früh bis zum Nachmittag ohne wirkliche Pause von Unterrichtsstunde zu Unterrichtsstunde. Unterrichten ist Hochleistungssport. 35 13-jährige Pubertierende saugen einem die Energie in einer Doppelstunde Englisch buchstäblich aus dem Körper, egal wie positiv sie dir gegenüber stehen. In den Pausen zwischen den Stunden dann noch Kopieren, Schülergespräche zu Banalitäten, aber auch menschlichen Abgründen, Abstimmungen mit Kollegen und der Schulleitung – oft in einer Taktfrequenz, bei der ich nicht Zeit für die elementarsten Dinge wie etwa Trinken fand.

Ich bin Lehrer mit Leib und Seele. Und deshalb quälte es mich, dass ich in all den banalen organisatorischen Dingen, die meinen beruflichen Alltag füllten, nicht die Zeit für die wirklich wichtigen Dinge fand. Zeit für individuelle Beratungen von Schülern etwa, die an der deutschen Schule nicht eingetaktet ist. Sie geht immer zu Lasten der vielen anderen Pflichten, oftmals furchtbar bürokratischer Art, die dennoch erledigt werden müssen.

So verließ ich die Schule regelmäßig mit einem Gefühl der Unzufriedenheit und Ohnmacht. Auf dem Weg nach Hause, wenn auf dem Fahrrad der Adrenalinspiegel sank, fielen mir  buchstäblich die Augen zu. Trotzdem fing in meinem Kopf dann schon der innere Perfektionist als Zuchtmeister an zu zetern und mich daran zu erinnern, dass ich am Nachmittag noch sechs Stunden für den nächsten Tag vorzubereiten hatte. Kurz darauf meldete sich mein schlechtes Gewissen lauthals zu Wort und erinnerte mich an meine väterlichen Pflichten: In einer Stunde kamen die Kinder aus Schule und Kindergarten und wollten mit Papa spielen. Wenn ich mich mit dem Mittagessen beeilte, konnte ich sie vielleicht sogar noch selbst abholen.

Alles floss ineinander. Meine ganze Familie litt mit mir, unter den inneren Streitereien zwischen Zuchtmeister und Moralapostel, weil ich nur ganz selten wirklich geistig anwesend war. Während ich vorgab, mit den Kindern Memory zu spielen, flogen meine Gedanken schon zum Schreibtisch. Hatte der Zuchtmeister gewonnen und ich mich losgeeist, nörgelte am Schreibtisch das schlechte Gewissen wieder los, störte meine Konzentration und zog die Unterrichtsvorbereitungen dadurch unnötig in die Länge.

Ich führte ein Leben als Teufelskreis, im Hamsterrad, in der Tretmühle – und hatte mich in mein Schicksal gefügt.

Pindo