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Blühende Krokusse und trampelnde Hunde

Vergangene Woche ging ich mit den Schülerinnen und Schülern meines Kurses RESILIENZ UND PERSÖNLICHKEITSENTWICKLUNG in den kleinen Park vor der Schule, um dort eine Gehmeditation zu machen. Aufgabe war es, dabei einen der ersten sonnigen Tage nach langer Zeit mit allen Sinnen wahrzunehmen.

Die Jugendlichen kennen die Routine bereits und genießen es sehr, 20 Minuten in Stille für sich zu sein und dabei die Natur in der Stadt zu genießen.

Ich selbst entdeckte beim Innehalten eine kleine Ansammlung von Krokussen, die sich über das steil abfallende Ufer des Fennsees erstreckte.

Ich blieb stehen, kniete mich hin, und während ich mich ganz auf das Sehen konzentrierte, spürte ich, wie ich innerlich zur Ruhe kam und sich in mir ein friedliches Wohlgefühl ausbreitete. Inzwischen kenne ich diese Empfindung gut, es ist eine körperliche Reaktion der Ruhe, die aus der Erfahrung des Moments herrührt, welche durch keinen Gedanken gestört wird.

Dann fiel plötzlich seitlich von hinten ein Schatten auf mich. Ich stand auf, drehte mich um und erblickte eine Spaziergängerin. Die nächsten ca. 15 Sekunden liefen dann in etwa so ab:

Sie: „Oh, Krokusse, wie schön!“ – und auf ihrem Gesicht erscheint ein Lächeln.

Ich erwidere das Lächeln und reagiere: „Ja, nicht wahr?“

Sie entgegnet: „Nur schade, dass immer so viele Hunde darauf herum trampeln.“ Ihr Lächeln verschwindet und sie geht weiter.

Ich bleibe zurück, bin zunächst verblüfft, zucke dann innerlich mit den Schultern, wende mich wieder den Blüten zu und finde zurück in die Wahrnehmung friedlicher Ruhe.

Warum findet diese kleine Begebenheit Eingang in meinen Blog? Nun, für mich zeigt sie wunderbar, wie sehr wir Erwachsenen, wenn wir unseren Geist nicht trainieren, unseren Gedanken ausgeliefert sind und wie das unsere Lebensqualität beeinträchtigt. Die Frau erlebte für eine Sekunde, buchstäblich einen Moment, dieselbe Schönheit des Frühlings wie ich. Ihr lächelndes Gesicht zeigte dies ganz deutlich. Und dann jagt sie diesen Augenblick des Wohlfühlens buchstäblich in die Luft, mit ihrem Gedanken an irgendwelche herumtrampelnden Hunde, die sie zurückholen in ihr düsteres, mentales Paralleluniversum.

Sie interessiert das Thema? Dann lesen Sie doch meinen kürzlich erschienen Eintrag über die Fähigkeit zum Sein im Moment bei Kindern und Erwachsenen. Spannend ist in diesem Zusammenhang auch, was der amerikanische Psychologe Rick Hanson über die unterschiedliche Verarbeitungszeit von negativ-bedrohlich und positiv-angenehmen Sinneseindrücken sagt. In diesem Blogeintrag über das Nähren des Positiven gehe auch ich auf eine von ihm vorgeschlagene Übung ein, mit der wir unser Hirn buchstäblich neu verdrahten, um so das Positive in unserem Leben Schritt für Schritt immer leichter wahrzunehmen und dadurch letztlich auch für unsere geistige und körperliche Gesundheit sorgen.

Pindo

Blaue Stunde im Park

Kürzlich schrieb ich darüber, wie wichtig es ist, dem Positiven in seinem Leben bewusst Raum zu geben: Unser Hirn benötigt mindestens eine halbe Minute, um positive Erlebnisse und die damit verbundenen Emotionen so zu verarbeiten, dass sie dauerhaft Spuren hinterlassen.

Ein wunderbarer Anlass für das Nähren des Positiven ist für mich der abendliche Spaziergang im Volkspark Schöneberg.

Ich liebe es, bei diesen Spaziergängen ganz bewusst das AUßEN zu fokussieren, mich mit meiner visuellen, auditiven und haptischen Wahrnehmung der mich umgebenden Welt zu verbinden – und dabei den Kontakt zum emotionalen Erleben herzustellen.

Die Baumkrone der Zierkirschbäume vor dem Haus, zarte Knospen an den Spitzen, der Reichtum an Formen in Zweigen und Ästen…

Der Abendhimmel in Blaulilarotschattierungen. Dazu das Krächzen der Krähen und der Abendgesang einer Amsel in meinem Ohr.

Kalt ist der Abendhauch auf meinen Wangen, wohlige Schauer in mir, während ich dem Dreijährigen dabei zusehe, wie er reglos die Lichtspiele am Teich in sich aufnimmt…

Die große Wiese, meist bespielt von lärmenden Menschen. Heute erlausche ich Stille.

Berlin ist voll von magischen Orten wie diesen, auch in diesen Tagen.

Es liegt nur an mir, bedarf meiner bewussten Entscheidung sie zu erschaffen, indem ich sie genau so wahrnehme und genieße.

Wenn ich so das Positive in mir nähre, löse ich mich aus der Schockstarre, ausgelöst durch Corona-Berichterstattung. Ich lasse Stress los, fühle Freude und streichle mein Immunsystem.

Habe ich dazu das Recht? Aber ja. Vielleicht sogar die Pflicht.

Pindo

Das Positive nähren

Warum ist es überhaupt notwendig, das Positive in seinem Leben zu nähren?

Zunächst einmal, weil wir Säugetiere sind und als solche darauf geeicht, negativen Erfahrungen – als tendenziell lebensbedrohend – eine größere Bedeutung beizumessen als positiven. Wie alle Säugetiere reagieren wir auf Bedrohungen instinktiv auf drei Weisen: Angriff, Flucht oder Schock-Starre.

In der heutigen, hoch komplexen Gesellschaft löst dieses instinktive Verhalten in uns Stress aus, da eine Situation nur selten eine der drei instinktiven Reaktionen ermöglicht. Meinen Schüler*innen mache ich das Dilemma an einer schulischen Situation deutlich:

Stellt euch vor, ihr seid im Unterricht und fühlt euch von einem Lehrer schikaniert. Welche der drei instinktiven Reaktionen ist wohl die angemessenste? Dem Lehrer eine rein hauen? Fluchtartig den Raum verlassen? Nichts passt so richtig. Deshalb fühlt ihr massiven Stress.

Hinzu kommt, dass wir in den westlichen Konsumgesellschaften über die Medien mit negativen Botschaften überschüttet werden. Sie erwecken unsere Säugetier-Aufmerksamkeit, und anschließend versuchen wir dem Angst-Wut-Gemisch durch Konsum zu entkommen. Der verschafft uns zwar einen positiven Kick. Nur hält er nicht lange an und wir rutschen wieder in die Negativität, die den nächsten Konsumreflex auslöst.

Der amerikanische Psychologe Rick Hanson erklärt, dass sich die Vorliebe fürs Negative auch im menschlichen Hirn nachweisen lässt: Während Erfahrungen, die mit negativen Emotionen wie Angst oder Wut besetzt sind, sofort vom Gehirn verarbeitet werden, benötigen positive Erfahrungen mindestens 30 Sekunden, um neuronale Spuren zu hinterlassen.

Gleichzeitig ist aber auch nachgewiesen, dass wir der Defizitorientiertheit nicht schutzlos ausgeliefert sind. Vielmehr können wir uns angewöhnen, in Situationen, die Freude auslösen, genau diese positive Emotion ganz bewusst für mindestens eine halbe Minute zu kultivieren. Damit leiten wir langfristig eine Neuverdrahtung unserer Neuronen ein und schaffen damit die Voraussetzungen, dass unser Hirn Schritt für Schritt dem Positiven mehr Raum einräumt.

Im folgenden Video, das ich über Fokus Achtsamkeit kennen gelernt habe, erläutert Hanson dies auf sehr anschauliche Weise und schlägt eine ganz einfache Übung vor, die, wenn sie täglich ausgeführt wird, eine Neuverschaltung in Richtung Erkennen und Genießen positiver Erfahrungen führen kann. Er nennt sie Taking in the Good .

Für meine Schülerinnen und Schüler habe ich eine deutschsprachige Anleitung der Übung aufgenommen. Sie finden sie hier.

Pindo