Archiv des Autors: Adrian Bröking

Über Adrian Bröking

Familienvater, Lehrer und Student der Achtsamkeit

Die Reise

An diesem Wochenende fand die MBSR-Jahrestagung in Leipzig statt. Ich traf dort inspirierende Menschen, erhielt sehr wertvolle Anregungen für die eigene Praxis und meine Achtsamkeitsarbeit mit den Schülern – und lernte das folgende Gedicht von Mary Oliver kennen…

Pindo

Die Reise

Eines Tages wusstest du endlich,
was zu tun war, und hast begonnen,
obwohl die Stimmen um dich herum
dir weiter ihren schlechten Rat zuriefen –
obwohl das ganze Haus
zu zittern begann
und du wieder spürtest
wie etwas an deinen Knöcheln zog.
„Mach mein Leben besser!“
riefen sie alle.

Aber du bist nicht stehen geblieben.
Du wusstest, was du zu tun hattest,
obwohl der Wind
mit seinen steifen Fingern
an den tiefsten Fundamenten rüttelte,
obwohl ihre Trauer
so schrecklich war.
Es war schon spät
genug, und eine stürmische Nacht,
und der Weg war voll von herabgefallenen
Zweigen und Steinen.

Aber Schritt für Schritt,
während du ihre Stimmen hinter dir ließest,
begannen die Sterne
durch die Wolkendecke zu glühen,
und da war eine neue Stimme,
die du langsam
als deine eigene erkanntest,
die bei dir blieb,
als du tiefer und tiefer
in die Welt gingst,
dazu bestimmt,
das einzige zu tun, was du tun konntest –
dazu bestimmt,
das einzige Leben zu retten, das du retten konntest.

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The Journey
One day you finally knew
what you had to do, and began,
though the voices around you
kept shouting
their bad advice –
though the whole house
began to tremble
and you felt the old tug
at your ankles.
„Mend my life!“
each voice cried.

But you didn’t stop.
You knew what you had to do,
though the wind pried
with its stiff fingers
at the very foundations,
though their melancholy
was terrible.
It was already late
enough, and a wild night,
and the road full of fallen
branches and stones.

But little by little,
as you left their voices behind,
the stars began to burn
through the sheets of clouds,
and there was a new voice
which you slowly
recognized as your own,
that kept you company
as you strode deeper and deeper
into the world,
determined to do
the only thing you could do –
determined to save
the only life you could save.

Mary Oliver

Ich brauche keine Achtsamkeit, ich gehe ins Fitness-Studio … !?

Wenn ich mit Kolleginnen und Kollegen, Bekannten, Freunden über meine Faszination für Achtsamkeit spreche, erhalte ich ab und zu Reaktionen wie diese:
„Ich freue mich, dass du das gefunden hast und es dir gut tut. Aber ich finde, eigentlich ist das ja nichts Neues. Ich denke, dass ich ähnlich positive Erfahrungen mache, wenn ich … ins Fitness-Studio gehe, … mich bei einem guten Buch entspanne, … Musik höre, … Ich brauche so was nicht.“

Lange Zeit habe ich dem zugestimmt und darauf hingewiesen, dass ja tatsächlich viele Beschäftigungen Erfahrungen von Achtsamkeit ermöglichen können. Ein Pianist, der in der Interpretation seines Stückes aufgeht, gleichsam „zur Musik wird, die er spielt“, ist achtsam. Ebenso ein Sportler, der sich ganz auf den gegenwärtigen Moment konzentriert, um genau jetzt die höchste Leistung abrufen zu können. Oder denken wir an den Leser, der sich in den Sog einer Romanhandlung begibt, so dass sein Geist für einen Moment aufhört, umher zu schweifen … Auch hier finden sich Elemente von Achtsamkeit.

Dennoch habe ich meine Meinung inzwischen geändert: Auch ich ging früher ins Fitness-Studio und fühlte mich dabei und danach immer sehr wohl. Natürlich tun wir uns etwas Gutes, wenn wir uns dorthin begeben. Und dennoch: Das Fitness-Studio bleibt ein Ort der Erholung VOM Alltag, VOM Stress, VON der Überanstrengung, nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Ganz anders dagegen die Achtsamkeit: In den Jahren meiner Praxis habe ich festgestellt, dass regelmäßiges Meditieren mir Momente des Innehaltens geschenkt hat, die viel mehr sind als bloße Auszeiten. Stattdessen verändern sie mein Leben selbst, im Kleinen wie im Großen.

Zur Erläuterung ein – eigentlich recht unspektakuläres – Beispiel:  Seit zwei Jahren backe ich jede Woche mindestens einmal aus den besten Zutaten selbst Brot. Diese dauerhafte Veränderung hat die folgenden Glücksmomente zu festen Bestandteilen meines Lebens werden lassen:

Mehl frisch mahlen und daran riechen,
mir voller Dankbarkeit vorstellen,
wie Sonne, Wasser, Erde
und die Arbeit eines Bauern
die Körner vor mir
hervorgebracht haben,
den Teig vorbereiten und spüren,
wie sich seine Konsistenz verändert,
auf meinen Unwillen im Körper achten, wenn
die Masse zu Beginn an den Fingern klebt,
Entspannung und Befriedigung aufsteigen lassen,
wenn er nach und nach dann doch
seine geschmeidige Konsistenz erhält,
Freude über meine Tochter,
die mit backen möchte und staunt, dass
der Teig sein Volumen in der Ruhezeit verdoppelt,
wahrnehmen, wie der
Duft des backenden Brotes langsam
aus dem Ofen in die Wohnung entweicht und
die Stimmung verändert,
das Geräusch der knusprigen Kruste
des noch warmen Brotes,
wenn ich sie durchschneide,
Geschmacksexplosionen auf dem Gaumen beim ersten Biss,
Freude beim Zubereiten der Schulbrote meiner Kinder,
wenn ich weiß, was genau ich ihnen da schenke
die Idee, das alles aufzuschreiben
als wär’s ein Gedicht und darüber
und über mich
zu lächeln.

Nein, Meditation ist doch mehr als ins Fitness-Studio zu gehen…

Pindo

Der Zauber der Vergänglichkeit

Der Herbst verwöhnt uns mit einzigartigen Naturerfahrungen. Welch Zauber liegt doch in der Vergänglichkeit! Diese Bilder sind in den vergangenen Wochen in Berlin und Brandenburg entstanden.

Pindo

Im Flow auf dem Karussell

Seit vielen Jahren verbringen wir die Sommerferien in Galicien am Meer. Die Wochen dort sind für mich ein Rausch der Ruhe. Alles kommt zum Stillstand. Für zwei bis drei kostbare Wochen hört die Zeit auf zu existieren, bevor mein Geist wieder eintritt in die Erwartung dessen, was in Deutschland nach meiner Rückkehr auf mich wartet.

Für meine Töchter ist die „Fiesta del Carmen“ einer der Höhepunkte des Sommers. Carmen, die Schutzpatronin der Seeleute, wird im August an der gesamten galicischen Küste mit großen Seeprozessionen und mehrtägigen Straßenfesten, Feuerwerken und sonstigem Tamtam gefeiert.
Auf dem Festplatz am Meer sind dann all die verlockenden Fahrgeschäfte aufgebaut, Autoscooter, Geisterbahnen, ein Kettenkarussell …, lauter Dinge, die Mädchenherzen höher schlagen lassen. Auch dieses Mal war das absolute Highlight der „Saltamontes“, der seinem Namen – Grashüpfer – alle Ehre macht. Man wird zu dritt in einer offenen Dreierkabine festgeschnallt, dann beginnt sich die gesamte Apparatur extrem schnell im Kreis zu drehen, während die Fahrgäste in ihren Kabinen an langen Maschinenarmen auf und nieder tanzen. Dazu dröhnt ohrenbetäubend laute Musik…

Für meine Töchter ist die Fahrt ein Moment purer Euphorie, für mich der Alptraum. Ich habe seit meiner Kindheit Höhenangst und meide derartige Höllenmaschinen seit jeher. Nun bin ich aber ein Papa, der natürlich auch Freude daran hat, die Augen der eigenen Kinder vor Glück strahlen zu sehen. Und deswegen lass ich mich Jahr für Jahr wieder auf zwei bis drei Grashüpferritte ein. Vielleicht ist das ja mein Opfer für die heilige Carmen. Ich hoffe, sie weiß es zu schätzen.

Mein erster Durchgang in diesem Jahr folgte dem mir bekannten Schema: Ich stieg bereits mit Herzklopfen ein, hielt mich krampfhaft am Bügel vor mir fest, blickte während der gesamten Fahrt den Blick starr gerade aus, ärgerte mich über die laute Musik, schimpfte mich einen Blödmann, hatte Angst um meine Halswirbel, die bei jedem Ruck schmerzten… Der bekannte Horror eben. Neben mir amüsierten sich meine Töchter dafür köstlich. Sicher trug der Anblick von Papas Leiden noch zusätzlich zu ihrem Spaß bei.

Dann geschah jedoch bei der zweiten Fahrt etwas Bemerkenswertes. Noch während wir auf den Start warteten, erinnerte ich mich ganz plötzlich an eine Meditationsform, die ich im Frühjahr während meiner Beschäftigung mit der Basic Mindfulness, dem Meditationssystem des amerikanischen Meditationslehrers Shinzen Young, kennen gelernt hatte. Es handelt sich um die Flow-Meditation. Bei dieser fokussiert man, verkürzt gesagt, nicht die verschiedenen Erfahrungszustände, etwa eine Hörerfahrung, eine Seherfahrung oder eine Körperwahrnehmung. Statt dessen versucht man, die Übergänge zwischen den einzelnen Zuständen, die Veränderungen ins Blickfeld zu nehmen. Jedes Mal, wenn man eine solche Veränderung wahrnimmt, benennt man sie mit dem Etikett „Flow“. (Näheres dazu in Shinzen Youngs wunderbarem Reader zur Achtsamkeit, der hier kostenlos zu erhalten ist).

Nun entschloss ich mich ganz spontan zu einem Experiment. Ich konzentrierte mich auf die Bewegungen des Karussells und meinen darauf reagierenden Körper und kommentierte jede wahrgenommene Veränderung mit einem gedanklichen „Flow!“ Die sich daraus ergebende Erfahrung war beeindruckend. Wie von selbst lockerte mein Körper seine Verkrampfung und begann, sich den Bewegungen der Maschine anzupassen. Zeitweise hatte ich das Gefühl, in der Fahrkabine auf meinem Sitz zu tanzen. Auch mein Geist entspannte sich zusehends. Ich schaute auf die glücklichen Gesichter meiner Kinder und spürte Freude in mir aufsteigen. Dann hob ich den Blick und nahm den Blick auf das Festgelände und die Bucht von Vigo im Abendlicht wahr. Immer wieder kommentierte ich meine Erfahrungen innerlich als „Flow“ und genoss für den Rest des Fluges die ganz neue Wahrnehmung – und die Überwindung meiner panischen Angst.

Pindo

Reifen wie der Baum …

Man muss den Dingen
die eigene, stille
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann,
alles ist austragen – und
dann gebären…

Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.

Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit
vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit…

Man muss Geduld haben

Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.

Rainer Maria Rilke

Diesen wunderbaren Text habe ich heute über meine Berliner Achtsamkeitstrainerin Karin Wolf kennen gelernt.
Bei Karin starten in Kürze neue MBSR-Kurse! Nähere Infos hier.

Pindo

Waldgeister im Courel

Im Sommer waren wir im Courel, einer Gebirgsregion im Landesinneren Galiciens, a Galicia profunda, ein Flecken Erde, an dem die Zeit langsamer vergeht als an anderen Orten.

In den Wäldern begegnen uns Bäume, die verstehen lassen, wieso die  Menschen in der alten Zeit, die dort noch gar nicht so lange her ist, ganz selbstverständlich mit Naturgeistern zusammenlebten.

Hier drei ganz unterschiedlich gestimmte Baumgeister, die mir zufällig vor die Kamera gerieten.

Pindo

Agua y arena = arte

Ein Wasserlauf an einem galicischen Strand, auf seinen letzten Metern vorm Aufgehen im Atlantik.
Pindo
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„…die tausend Lieder der Welt singen“

Hermann Hesse erzählt in seinem Märchen Flötentraum von einem jungen Mann, der in die Welt zieht, um die Menschen mit Flöte und Gesang zu erfreuen. Beim Wandern lauscht er den Geräuschen der Natur und macht eine mystische Erfahrung, die Hesse in die folgende, wunderbaren Worte fasst:

… und der Wald sprach fein und kühl vom Berg herunter: ich war noch nie so vergnügt gewandert. Einge ganze Weile sang ich munter zu, bis ich aufhören musste vor lauter Fülle; es war allzu vieles, was vom Tal und vom Berg und aus Gras und Laub und Fluss und Gebüschen zusammenrauschte und erzählte. Da musste ich denken: wenn ich all diese tausend Lieder der Welt zugleich verstehen und singen könnte, von Gräsern und Blumen und Menschen und Wolken und allem, vom Laubwald und vom Föhrenwald und auch von allen Tieren, und dazu noch alle Lieder der fernen Meere und Gebirge und die der Sterne und Monde und wenn all das zugleich in mir innen tönen und singen könnte, dann wäre ich der liebe Gott und jedes neue Lied müsste als ein Stern am Himmel stehen.
Hermann Hesse, Flötentraum

Pindo

Achtsamkeit, Charakter und Erziehung (1890)

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Im Jahr 1890 formuliert William James, der Begründer der amerikanischen Psychologie in seinen Principles of Psychology:

„The faculty of voluntarily bringing back a wandering attention, over and over again, is the very root of judgment, character, and will. No one is compos sui [master of himself] if he have it not. An education which should improve this faculty would be the education par excellence.“

Hier meine eigene Übersetzung der Passage

Die Fähigkeit, die umherwandernde Aufmerksamkeit wieder und wieder willentlich zurück zu holen, ist die Grundlage von Urteilskraft, Charakter und Willenskraft. Niemand ist Herr seiner selbst, wenn er sie nicht hat. Eine Erziehung, die diese Fähigkeit förderte, wäre eine Erziehung par excellence.

Meine eigenen Erfahrungen mit Achtsamkeit sowie viele Gespräche mit Praktizierenden zeigen mir, dass James Recht hat.
Wie schön, dass uns Lehrerinnen und Lehrern heute, 125 Jahre später, immer mehr Ansätze zur Verfügung stehen, mit denen wir diese „Erziehung par excellence“ umsetzen können.
Pindo