Archiv des Autors: Adrian Bröking

Über Adrian Bröking

Familienvater, Lehrer und Student der Achtsamkeit

Wörter sind Energie




Vor Unterrichtsbeginn im Spätwinter vor meiner Schule

Eines der Schlagwörter, das aus der Quantenphysik in den allgemeinen Diskurs übergangen ist, besteht aus dem Satz: ALLES IST ENERGIE. Bei Google ergibt die Wortkombination 122.000 Treffer. Schnell stößt man auf das folgende Zitat:

„Alles ist Energie, und dazu ist nicht mehr zu sagen. Wenn du dich einschwingst in die Frequenz der Wirklichkeit, die du anstrebst, dann kannst du nicht verhindern, dass sich diese manifestiert. Es kann nicht anders sein. Das ist nicht Philosophie. Das ist Physik.“

Albert Einstein

In diesem Beitrag geht es um die Energie von Wörtern. In den vergangenen Jahren habe ich immer wieder erfahren, welch drastischen Unterschied es macht, wie ich einen Sachverhalt formuliere. Erläutern möchte ich das Phänomen anhand der beiden deutschen Verben müssen und können. Erstmals erzählte mir Sonsoles Cerviño in einem Gespräch über ihre Arbeit als Kommunikationstrainerin und systemische Coach davon, welch großen Unterschied es mache, wenn sie ein und dieselbe Aussage mit „Du musst…“, oder „Du kannst…“ einleite. Sie versuche grundsätzlich, das Verb „müssen“ im Gespräch mit Klienten zu vermeiden, da dieses beim Gesprächspartner sehr leicht Widerstand auslösen könne. Ebenso ermuntert sie ihre Klienten dazu, in eigenen Sätzen das „Ich muss“ durch ein „Ich kann“ zu ersetzen.

Neugierig geworden begann ich darauf hin, in meiner Arbeit als Lehrer mit meiner eigenen Sprache zu experimentieren und stellte interessante Effekte fest. Um diese nachzuvollziehen, lade ich Sie zu einem Experiment ein. Stellen Sie sich bitte vor, Sie sind Schüler*in in meinem Spanischunterricht, haben einen längeren Text in einer Klassenarbeit geschrieben und lesen bei der Rückgabe der Arbeit nun den folgenden Satz als Reaktion von mir:

Lieber X: Puh, Das sind aber viele Fehler! Du musst Dich jetzt endlich mal hinsetzen und Grammatik lernen.

Wie erging es Ihnen? Spüren Sie – wie viele andere – Unwillen, Ärger, Widerstand oder Frust?

Ein Lehrerkommentar wie der obige ist meist Resultat von Übermüdung und Überforderung angesichts der Korrektur des 27. Textes in Folge. Vordergründig bezieht sich der Kommentar auf den Text, eigentlich bringt er aber meine ganze Unzufriedenheit mit der Situation zum Ausdruck. Nur: Der lesende Schüler weiß das natürlich nicht. Er bezieht alles nur auf sich und geht je nach Veranlagung in den Widerstand – „Du Idiot, kannst mich mal! Ich hasse Spanisch!“ – oder in die Selbstkritik: „Ich kann kein Spanisch. Das lern ich nie!“

Seitdem ich das erfahren habe, bemühe ich mich heute beim Korrigieren immer wieder um einen kurzen Moment des Durchatmens und Auftauchens aus dem Tunnel. Wenn mir dies gelingt, schreibe ich anschließend einen Kommentar wie den folgenden. Wieder lade ich Sie ein, Ihre eigene emotionale Reaktion darauf zu erforschen.

„Lieber X. Du machst immer noch eine ganze Reihe von Fehlern. Einige davon entstehen jedoch gerade dadurch, dass Du versucht, auch komplexe Gedanken auszudrücken. Das finde ich klasse. Tipp zur weiteren Verbesserung? Du könntest Dich in den kommenden Wochen mal intensiver mit den Verbformen der Vergangenheit beschäftigen.“

Wie haben Sie reagiert? Fühlen Sie sich gewürdigt? Spüren Sie die Offenheit für eine mögliche Entwicklung, die im „NOCH“ steckt? Die Freiheit der Handlungsoption im „Dann könntest du mal…“? Reagiert der Schüler auf den ersten Kommentar mit „Ich kann das nicht!“, zieht dieser hier vielleicht die Konsequenz: „Ich kann ja mal einen Blick auf die Verbformen werfen“…

Taatsächlich laden wir also Sachverhalte energetisch völlig unterschiedlich auf, wenn wir sie mit KÖNNEN oder MÜSSEN präsentieren. „DU MUSST“ ist aggressive Druck-Energie und erzeugt Widerstand; „DU KANNST“ schafft eine Perspektive der Offenheit und Verbundenheit.

Spannend, wie wir als Lehrkräfte die Möglichkeit haben, mit kleinen Anpassungen große Veränderungen einzuleiten. Welch eine VERANTWORTUNG dieser Beruf doch mit sich bringt! Wenn man das alles weiß, erscheint es natürlich noch unverständlicher, wie groß unsere Klassen und damit auch die Korrekturberge sind, die es so schwierig machen, dieser Verantwortung gerecht zu werden.

Pindo

Die Seele ist wie ein Wind

Vor ein paar Tagen war ich mit Freunden auf dem Disibodenberg im Hunsrück. Der Ort ist eng mit Hildegard von Bingen verbunden, die im dortigen Kloster von 1112 bis 1152 lebte. Hier entsteht eines ihrer Hauptwerke LIBER SCIVIAS, zu Deutsch: WISSE DIE WEGE, in dem sie ihre Visionen niederschreibt.

Von den einst mächtigen Gebäuden sind nur noch Reste übrig. Und dennoch ist der Ort nach wie vor voller Kraft und Frieden. Mein Blick fällt auf die stehen gebliebene Mauer des Pilgerhospizes. Die mächtige Eiche im Mittelschiff der Kirche bietet Schutz für eine Meditation. Im Kreuzgang zwischen den jahrhundertealten Säulenstümpfen werde ich für einen Moment zum Mönch.

Im kleinen Museum unterhalb des Berges erahnt man an den ausgestellten Resten die vergangene Pracht der Bauten. Die Blattgesichter krönten vor 700 Jahren das gotische Gewölbe der Kirche.

Abschließend ein Gedicht der großen Weisen, das vielleicht an diesem Ort entstanden ist.

Die Seele

Die Seele ist wie ein Wind,
der über die Kräuter weht,
wie der Tau,
der über die Wiesen träufelt,
wie die Regenluft,
die wachsen macht.
 
Desgleichen ströme der Mensch
Wohlwollen aus auf alle,
die da Sehnsucht tragen.
 
Ein Wind sei er,
der den Elenden hilft,
ein Tau,
der die Verlassenen tröstet.
 
Er sei wie die Regenluft,
die die Ermatteten aufrichtet
und sie mit Liebe erfüllt
wie Hungernde.

Hildegard von Bingen
(1098-1179)

Welch inspirierender Ausflug in den Frühling.

Pindo

Jungsteinzeit und Achtsamkeit

Zu meinen faszinierendsten Lektüren der vergangenen Monate gehört Yuval Noah Hararis Buch Sapiens. A Brief History of Humankind. (Deutsche Ausgabe: Ein kurze Geschichte der Menschheit.) Es ist schlicht genial, wie dieser Autor aus der Vogelperspektive die ganz großen Entwicklungsschritte der Menschheitsgeschichte ins Blickfeld nimmt und die Geschehnisse auf eine verständliche Weise so darstellt, dass man beim Lesen von einem Aha-Erlebnis ins nächste stolpert.

Bildergebnis für harari sapiens

Besonders beeindruckt haben mich die Erläuterungen zur Jungsteinzeit vor ca. 10 000 Jahren, in der die Menschheit den Schritt von einer Gesellschaft nomadisch lebender Jäger und Sammler in die sesshafter Bauern vollzog.

Zunächst macht Harari deutlich, dass bei der Beurteilung einer historischen Entwicklung als Fortschritt zwei Perspektiven zu unterscheiden sind: die der Spezies und die des Individuums: Die agrarische Revolution jener Zeit, die uns sesshaft werden ließ, schuf eine wesentliche Grundlage dafür, dass die Menschheit zur überlegenen Spezies im Ökosystem Erde wurde. Das mit Hilfe des neuen Wissens produzierte Mehr an Nahrung führte zu einer regelrechten Bevölkerungsexplosion. Aus Sicht der Spezies Mensch handelt es sich hierbei also um eine sensationelle Erfolgsstory.

Die Perspektive wandelt sich, wenn man den Blick auf das Individuum richtet. Tatsächlich, so Harari, hatte der einzelne Mensch in der Jäger- und Sammler-Gesellschaft eine höhere Lebensqualität. Seine Nahrung war frischer, abwechslungsreicher und somit gesünder und er verbrachte viel weniger Zeit am Tag mit „Arbeit“. Schätzungen gehen davon aus, dass die Angehörigen einer Sippe von Jägern und Sammlern ca. 5 Stunden am Tag mit der Erledigung von Aufgaben zubrachten, die den Lebenserhalt sicher stellten. Den Rest der Zeit hatten sie „frei“.

Zudem hatte der durch die Agrarrevolution erzeugte Nahrungszuwachs eine soziale Revolution zur Folge: Komplexe Gesellschaften entstanden, in denen die hart arbeitenden Bauern mit ihren Erzeugnissen parasitär lebende Eliten von Königen, Verwaltungsbeamten, Soldaten, Priestern, Künstlern und Denkern (darunter auch Lehrer…) ernährten, die wiederum die Menschheit in großen Themen wie Politik, Kriegsführung, Kunst und Philosophie voran brachten. Zweifellos größtenteils beeindruckende Entwicklungen – jedoch nur aus Spezies-Perspektive. Denn: 90% der Individuen innerhalb dieser Spezies gehörten zum Stand der Bauern, die sich tagtäglich den Rücken krumm schufteten und praktisch nichts von diesen Errungenschaften hatten.

Spannend sind auch Hararis Anmerkungen zur mentalen Entwicklung der Menschen dieser Zeit: Durch die Agrarrevolution sah sich Sapiens zum ersten Mal in seiner Geschichte mit der Notwendigkeit konfrontiert, sein Leben im Moment zu verlassen und zu planen. Jäger und Sammler hatten kaum Möglichkeit, ihr Leben planerisch positiv zu beeinflussen. Der Speiseplan entstand zufällig durch das aktuell zur Verfügung stehende Nahrungsmittelangebot. Erlegte die Sippe ein Mammut, gab es ein Festmahl. An anderen Tagen standen halt Wurzeln und Pilze auf der Speisekarte.

Für Menschen, die als Bauern lebten, ergab sich dagegen erstmals überhaupt ein Anlass, sich mental in die Zukunft zu begeben: Wann war der beste Moment für die Aussaat? Würde es nächste Woche regnen oder konnte man noch eine Woche mit der Ernte warten? Wieviel Getreide musste zurück gehalten werden, um im nächsten Jahr wieder die Felder bestellen zu können? Am Tag nach der erfolgreichen Ernte gab es vielleicht einen Augenblick der Ausgelassenheit während eines Dankesfestes. In der Woche danach war der sorgenerfüllte Geist aber schon wieder auf den Feldern, grübelnd über mögliche Dürrephasen, Fluten und Schädlinge sowie die bestmögliche Strategie für ein Weiterkommen:

Consequently, from the very advent of agriculture, worries about the future became major players in the theatre of the human mind. (…) Peasants were worried about the future not just because they had more cause for worry, but also because they could do something about it. They could clear another field, dig another irrigation canal, sow more crops. The anxious peasant was as frenetic and hardworking as a harvester ant in the summer, sweating to plant olive trees whose oil would be pressed by his children and grandchildren, putting off until the winter of the following year the eating of the food he craved today.

Harari, Sapiens, p. 113

Hier entstehen ganz neue Einblicke, wenn Jahrtausende zusammensurren. Klar: Smartphones, Digitalisierung und Flexibilisierung erzeugen viel Druck auf uns Individuen des 21. Jahrhunderts: wir Armen, die nachts wach liegen, weil unser Affengeist nicht zur Ruhe kommt. Grundsätzlich kannten unsere Ahnen diese Geistehaltung aber tatsächlich schon vor 10000 Jahren. Jene haben sie damals als Individuen auf sich genommen, als unausweichliche Begleiterscheinung des triumphalen Siegeszugs der Spezies Sapiens in der Geschichte unseres Planeten.

Nicht schlecht, Herr Harari. Danke für die Einsicht.

Pindo

Die Wirkung von Achtsamkeit auf den menschlichen Geist

Dieser Beitrag ist keine ganz leichte Kost. Ich schreibe ihn zunächst einmal, um mir selbst ein paar Dinge klar zu machen.

Seit Jahren erfahre ich an mir selbst und an meinen Schülerinnen und Schülern, wie positiv sich Achtsamkeit auswirkt. Gleichzeitig lese ich mit großem Interesse, dass auch die westliche Wissenschaft immer mehr Nachweise findet, wie sinnvoll die Trainings sind. Die Einzelheiten habe ich mir da aber meistens geschenkt. Bis heute.

Grundlage für die nachfolgenden Betrachtungen ist meine Lektüre des 2018 erschienenen Buches AWARE. The Science and Practice of Presence des US-amerikanischen Professors für Psychiatrie, Dan Siegel. (Danke, Julia, für dieses inspirierende Geschenk!) In dem Buch erläutert der Autor in allen Details das von ihm entwickelte Wheel of Awareness. Umfangreiche Hinweise zu dieser komplexen Achtsamkeitsübung, einschließlich mehrerer angeleiteter Meditationen zum Herunterladen, bietet Siegel auf seiner Webseite.

Bildergebnis für siegel aware

Siegels Buch ist nicht ganz einfach zu lesen. Hier schreibt ein Wissenschaftler, gründlich und systematisch, über seine Entwicklung und darüber, worauf sie basiert. Aber der Aufwand lohnt sich. Siegel erläutert minutiös aus westlicher Wissenschaftsperspektive, wieso die teils jahrtausendalten Techniken zum Erlangen von Weisheit „funktionieren“.

Ich fasse hier Siegels Antwort auf die Frage zusammen wieso das von ihm entwickelte Wheel of Awareness überhaupt wirkt. Ausgangspunkt für ihn ist der menschliche Geist (englisch: mind).

Meine Darstellung folgt weitgehend dem englischsprachigen Gedankengang des Buches (insbesondere die Seiten 40-45). Die Übersetzung stammt von mir, an einigen Stellen reduziere ich die Darstellung etwas. Der besseren Lesbarkeit verzichte ich auf Anführungszeichen. Alle fachlichen Ausführungen zum Thema betrachte ich als direkte oder indirekte Zitate des Autors.

Was ist der menschliche Geist (mind)?

Eine allgemein akzeptierte wissenschaftliche Definition von mind gibt es nicht. Für Dan Siegel bezeichnet Geist den Kern der menschlichen Erfahrung, lebendig zu sein: Er umfasst Gefühle und Intuition, unser Denken, das Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Bewusstheit, Intentionen.

Der Geist hat einen körperlichen und einen relationalen Aspekt. Zum Relationalen gehören Energieaustausch und Informationsfluss. Mehr dazu weiter unten.

Auch das Gehirn kann auf zwei Arten gesehen werden: Zunächst einmal ist es der verkörperte Mechanismus des Energie- und Informationsflusses. Siegel spricht vom inneren Geist (within-mind). Geist geht aber auch über den Körper hinaus, ist Beziehung des Menschen zu anderen Menschen und zu den Dingen der Welt. Dies ist der Geist dazwischen (between-mind).

Der Geist hat vier Facetten

Der menschliche Geist weist vier Facetten auf: er ist Bewusstsein, subjektive Erfahrung, Informationsverarbeitung und ein komplexes, selbstorganisierendes System.

Geist ist Bewusstsein (consciousness)

Zum Bewusstsein gehören zwei Aspekte: zum einen die subjektive Erfahrung, dass ich mir einer Sache bewusst bin; zum anderen ist Teil des Bewusstseins aber auch all das, was uns bewusst ist. In Siegels Terminologie: das Bewusstsein besteht sowohl aus den gewussten Dingen (knowns) als auch aus dem Akt des Wissens (knowing).

Geist ist subjektive Erfahrung

Subjektive Erfahrung ist unsere Erfahrung des Lebendigseins. Sie entsteht aus dem Fluss der Energie im within-mind und dem between-mind. Die Forschung bestätigt das, was viele Menschen intuitiv wissen: Ihr subjektives Wohlbefinden verstärkt sich, wenn sie sich ihrer subjektiven Erfahrung reflektierend bewusst werden, z.B. gegenüber sich selbst, etwa durch das Schreiben eines Tagebuchs, oder indem sie sich anderen mitteilen.

Geist ist Informationsverarbeitung

Informationen sind Energiemuster, die einen symbolischen Wert haben. Sie repräsentieren etwas anderes als das Energiemuster selbst. Klingt abstrakt, wird aber konkret, wenn wir uns bewusst machen: Das Wort Golden Gate Bridge weist auf das Bauwerk hin, ist aber nicht selbst die berühmte Brücke in San Francisco.

Informationsverarbeitung ist also der Prozess, mit dem wir einen Energiefluss aufnehmen und ihm die symbolische Bedeutung entnehmen. Dieser Prozess geschieht nur teilweise im Bewusstsein. Viele Energie- und Informationsflüsse des Geistes finden ohne Einbeziehung des Bewusstseins statt.

Geist ist selbstorganisierend

Der menschliche Geist ist ein komplexes System und reguliert, wie alle komplexen Systeme, den Energie- und Informationsfluss selbstorganisierend.

Selbstorganisation entsteht aus dem Fluss der Elemente innerhalb eines komplexen Systems. Nach der Entstehung wendet sie sich ihren Ursprüngen zu und beginnt das System umzuformen.

Das sich selbstorganisierende System reguliert also rückwirkend seine eigenen Ursprünge, formt sein eigenes Werden und beeinflusst somit selbsttätig maßgeblich seine eigene Fortentwicklung.

Selbstorganisation macht, dass Wolken sich nicht einfach geradlinig und geordnet über den Himmel erstrecken, dass ihr Aussehen aber auch nicht zufällig ist.

Ein sich entfaltendes, selbstorganisierendes System optimiert sich durch die Anwendung von zwei Mechanismen: Differenzierung und Verknüpfung. Es ist möglich, diese Mechanismen abzuschalten und so den wesenseigenen Prozess der Selbstoptimierung zu blockieren. Die Folge ist, dass sich das System nicht weiter bewegt und harmonisiert, sondern in Richtung Chaos und Starrheit abgleitet.

Werden allerdings solche Hindernisse für die Selbstorganisation beseitigt, so wird der natürliche Antrieb eines komplexen Systems „geweckt“, sich zu integrieren und Harmonie zu erzeugen.

Selbstorganisation weist 5 Eigenschaften auf

Ein komplexes System mit optimal fließender Selbstorganisation weist fünf Eigenschaften auf. Im Englischen bilden sie das Akronym FACES:    

Flexibility

Adaptability (Anpassungsfähigkeit)

Coherence (oder RESILIENZ),

Energy (ein Gefühl von Vitalität) und

Stability.

Studien zum Wohlbefinden von Menschen zeigen, dass der beste Indikator für das Empfinden von Glück sowie Gesundheit ein integriertes Gehirn ist. Die Forscher bezeichnen das als „interconnected connectome“.

Das bedeutet: Wenn die differenzierten Teile des Gehirns miteinander verbunden sind – und dieses somit koordiniert und in Balance ist – dann optimiert sich auch der Mechanismus, mit dem wir unsere Aufmerksamkeit, Emotionen, Gedanken, Verhalten und unsere Beziehungen regulieren.

Dieser Regulierungsmechanismus hat zwei Komponenten:
a) er beobachtet (monitors), was er reguliert, und
b) er modifiziert das gerade Beobachtete.

Gegenstand der Beobachtung und Modifizierung ist der Energie- und Informationsfluss im Geist, innerhalb des Körpers (within-mind), und zwischen dem Körper und anderen Menschen sowie der Welt um den Menschen herum (between-mind).

Wie wirkt nun ein Achtsamkeitstraining?

Das Wheel of Awareness – wie viele andere Achtsamkeitstrainings auch – setzt direkt bei der Fähigkeit des Geistes zur Selbstorganisation an und verstärkt seine Tendenz der Selbstregulierung, indem es seine beiden Komponenten trainiert:
a) Es stabilisiert unser Beobachten (monitoring), sodass wir mit mehr Tiefe, Klarheit und Detailgenauigkeit wahrnehmen können.
b) Es steuert unseren Geist in Richtung Integration, indem es ihn dazu bringt, sich differenzierend und zugleich verknüpfend selbst umzuformen.

Eigentlich ganz einfach.

Pindo

Belvedere invernale

An einem klaren Frühlingstag ist das Belvedere auf dem Pfingstberg in Potsdam ist ein Ort der spektakulären Weite. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. ließ sich dort auf die höchste Erhebung der Gegend ein italienisches Märchenschloss bauen, um einen Überblick zu haben über die von ihm und seinen Vorfahren geschaffene havelländische Zauberlandschaft. Ein wahrlich treffender Name: Belvedere – Ort des schönen Sehens.

Im Winter zeigt der Ort einen ganz anderen Charakter. Nebelschwaden verkürzen die Sichtweite, die Gebäude sind verschlossen, Bäume und Sträucher kahl und nackt. Und der Blick verändert sich in dieser Umgebung, fokussiert die Essenz des Winterlichen, die Schönheit des In sich Gekehrten, Ruhenden, des Kraftsammelns für die in wenigen Wochen bevor stehende Wiedergeburt im Frühling.

Ein Belvedere invernale eben.

Pindo

Lichtgestalt

Auf dem Heimweg durch den Park ins Wochenende entstand dieses Foto.

Pindo

Gegen die Macht der selbsterfüllenden Prophezeiung

Im Dezember 2018 publizierte die Zeitschrift Praxis Fremdsprachenunterricht Französisch ein Heft zum Thema Achtsamkeit. In einem Artikel zeige ich darin an einem konkreten Beispiel aus dem Unterricht, welch große Chance Achtsamkeit für die Transformation von Schule bietet – vorausgesetzt, die Voraussetzungen stimmen.

Der Oldenbourg-Verlag ermöglicht Ihnen das kostenlose Herunterladen des Artikels im PDF-Format, wenn Sie ein Kundenkonto eröffnen.

Pindo

Liebes 2019

Haben Sie auch Vorsätze für das neue Jahr? Heute erreichte mich der Brief eines „Ich“ an das neue Jahr, der mich inspiriert hat. Er entstammt  dem Newsletter der sehr gut gemachten Achtsamkeits-App Calm. Die deutsche Fassung stammt von mir:

Liebes 2019,
ich werde die neugierigste,
couragierteste Version meiner selbst zeigen
die es je gegeben hat.

Ich werde im strömenden Regen stehen
aus purer Freude,
streben nach Albernheit und Abendröte,
weise wandern und selig schlafen.

Dieses Jahr werde ich leben und lieben,
wild und warm, wie ein Feuer
In Liebe
Ich.

Hier das englische Original:

Dear 2019,
I will bring the most curious,
courageous version of me
there ever has been.

I will stand in pouring rain
for the joy of it,
seek out silliness and sunsets,
walk wisely and sleep soundly.

This year, I will live and love,
fierce and warm, like a fire.

Love,
Me.

Ich wünsche Ihnen ein Jahr der Fülle. Mögen Sie gesund sein – und sicher – und glücklich – und achtsam.

Pindo

Das Leben nicht verstehen

Ein Rilke-Gedicht steht im Mittelpunkt der inspirierenden Predigt von Pater Josef im Weihnachtsgottesdienst in Sankt Ludwig:

Du musst das Leben nicht verstehen
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Der Pater zieht einen Bogen von 2000 Jahren zurück zur Lehre von Jesus Christus, der den Menschen nahe legt, zu werden wie die Kinder, wenn sie das Paradies sehen wollten.

Lange Zeit konnte ich nichts anfangen mit diesem eigenartigen Satz. Doch die Verbindung zu Rilke hilft: Kinder, so sie eine glückliche Kindheit genießen dürfen, leben in der Fülle. Sie vertrauen darauf, dass jeder neue Augenblick ihnen genug gibt und so zu einer Quelle des Glücks wird. Noch hat der Verstand, der Planer, der Kritiker, der Sorgenmacher sie nicht im Griff. Er ist es, der sie im Laufe der Jahre Schritt für Schritt aus dem Paradies entführen wird.

Und was heißt das für mich als Erwachsenen? Meinen Verstand lahm legen kann und möchte ich nicht. Schließlich hat er mir schon oft wunderbare Dienste geleistet. Aber was sich lohnt sind Experimente, die mich erkunden lassen, was da neben dem Verstand noch alles ist.

Was geschieht, wenn ich meine Gedanken als Gedanken wahrnehme und würdige, mich gleichzeitig aber auf die Erfahrung des Drumherum konzentriere?

Auf Geräusche im winterlichen Park beim Morgenspaziergang,
auf den Anblick winterschlafender Bäume,
auf die Kälte des nassen Windes in meinem Gesicht.

All diese Erfahrungen entfalten ihre Wirkung verstandesunabhängig. Sie lösen in mir ein Wohlgefühl aus, ein Gefühl von Wonne, Glück, Ehrfurcht. Verbundenheit.

Für einen Moment werde ich zum Kind, das wieder auf die Fülle vertraut und – ein großes Wort – das Paradies schaut.

Vielleicht ein Vorsatz fürs neue Jahr:
2019 wird das Jahr, in dem ich mehr vertraue.
Ein großer Vorsatz – sagt der Verstand.

Pindo

 

Das Leben ist schön

Wie immer schließt meine Schulwoche mit der Achtsamkeits-AG. Wir beginnen mit 15 Minuten Meditation mit Fokus Innen Sehen – Thema: Bilder des Tages. Anschließend tauschen wir uns über die Woche aus, immer aus dem Blickwinkel der Achtsamkeit.

Die Schülerinnen und Schüler, sie sind aus der 8., 10., 11. Jahrgangsstufe, dazu kommen einige ältere Ehemalige, hören sich mit großer Ernsthaftigkeit zu. Hier wird nicht diskutiert, sondern geteilt. Ich weiß nicht, ob es noch einen Ort in der Schule gibt, an dem Lernende so unterschiedlicher Altersstufen in solch einer entspannten, von Vertrauen geprägten Atmosphäre miteinander kommunizieren.

Jemand berichtet, dass er im Moment so intensiv an Comics zeichnet, dass er abends beim Schlafengehen immer die Bilder vor Augen hat und dann nicht einschlafen kann. Dann erzählt eine ehemalige Schülerin dass sie auf dem Weg zur Arbeit im Bus ihre Fahrt einfach nur genießen konnte, weil es ihr gelang, die innere Anspannung, nicht zu spät kommen zu wollen, für einen Moment loszulassen.

Anschließend hören wir zwei Lieder, die Schülerinnen aussuchen. Dabei meditieren wir mit dem Fokus Außen Hören. Nachdem der letzte Klang verhallt ist, verharren wir noch in der Versenkung, lauschen auf die Stille und ich beschließe die Runde intuitiv mit folgender Anleitung:

Nun bitte ich Euch zum Abschluss unseres Treffens … richtet euch mit euer inneren Stimme nacheinander an alle Anwesenden im Raum und drückt ihnen eure Dankbarkeit aus. Eure Dankbarkeit dafür, dass sie gekommen sind und so diesen gemeinsamen Moment möglich gemacht haben.

(Stille)

Und nun richtet Ihr Euch bitte an Euch selbst. Und sagt Euch selbst Danke, dafür dass ihr gekommen seid und so euch und uns allen diesen schönen Moment geschenkt habt.

Dann läute ich die Glocke. Ich frage, ob noch jemand etwas sagen möchte. Und eine Schülerin erzählt, dass sie das Gefühl der Dankbarkeit die ganze Zeit spüren konnte. Dass es sehr kraftvoll und angenehm war. Und als sie dann sich selbst dankte, da ertönte in ihr eine Stimme die sagte: „Das Leben ist schön.“

Eine Woche, die mit solch einem Satz ihren Abschluss findet, war eine gute Woche.

Pindo