Archiv der Kategorie: Alltagserlebnisse

Meditatives Sehen: Borkenschemen…

In der Meditation kann der Fokus ganz verschieden sein. Wir können uns auf unser Inneres konzentrieren und inneren Stimmen lauschen, Bilder sehen, Emotionen aufspüren, im Körper verorten, wertschätzen, gelassen annehmen. Aber auch die Außenwelt bietet eine Fülle meditativer Anlässe: Die Geräusche in unserer Umgebung, denen wir uns ganz öffnen können, die Empfindungen unserer Haut oder die Dinge, die wir sehen.

Vor einiger Zeit begann ich damit, mir die faszinierende Struktur von Baumrinden näher anzusehen. Oft fülle ich damit einen Moment des Wartens, etwa wenn ich meine Kinder von der Schule abhole. Dann richte ich den Blick auf einen Teil des Stammes und fokussiere immer wieder aufs Neue die Absicht, nun nur zu sehen. Plötzlich tauchen dann scheinbar geordnete Muster im Chaos auf und ich beginne, Gesichter zu sehen, die mich aus dem Baum heraus anblicken. Ich habe mir angewöhnt, sie zu fotografieren, diese Borkenschemen. Sie sind zu einer kleinen, spielerischen Bereicherung meines Alltags geworden. Hier eine kleine Auswahl:

Schöneberger Winterzauber

Ein kahler, zurückgeschnittener Baum als Scherenschnitt in eisiger Nacht.
Winter at its best in Berlin…

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Herbst in Berlin

Meine Fotos verändern sich. Viel mehr als früher achte ich auf Details, in denen ich neue Strukturen, manchmal ganze Landschaften entdecke. Berliner Herbstlandschaften en miniature…

Im zukünftigen Moment sein

Achtsamkeit ist, nach meiner spontanen Definition, die Fähigkeit, im aktuellen Moment das Wesentliche zu fokussieren und alles Andere in den Hintergrund treten zu lassen. Sie ist also ein Phänomen der Gegenwart. Allerdings bringen mich neue Erfahrungen zu der Auffassung, dass  Achtsamkeit auch in die Zukunft wirken kann.  Ein Beispiel:

Kürzlich stellte mir im Unterricht eine Schülerin die Frage, was eigentlich Gegenstand der Klausur sei, die wir ja in Kürze schreiben würden. Ich war in Gedanken bei einem anderen Thema und sagte ihr nur kurz, ich würde ihr in der nächsten Stunde dazu mehr Informationen geben. Dann vergaß ich den Vorgang in der Hektik des Schultags bis – zum Freitagabend kurz vor dem Einschlafen im Bett…

Es begann mit dem Bild aus der Klasse, das mir wieder in den Kopf schoss, ich hörte wieder die Stimme der Schülerin, dann einen Moment Leere und kurz darauf meine eigene anklagende Stimme: „Mein Gott! Welch erbärmlichen Anfängerfehler hast du da nur gemacht. Du unterrichtest ins Blaue hinein und kümmerst dich überhaupt nicht darum, was für deine Schüler klausurrelevant ist. Da hast du den Salat, wie soll das nur gut gehen, das schaffst du nie, …“ Mein Körper reagierte im selben Moment mit ausbrechendem Schweiß und Magendrücken. Der klassische Einstieg ins  Drehbuch einer durchwachten Nacht mit unproduktiven Gedankenspiralen auf zerwühlten Kissen.

Noch vor wenigen Monaten wäre dieses Szenario unabwendbar gewesen. Nun ging ich wie folgt vor: Ich konzentrierte mich zunächst auf meinen Atem und signalisierte meinem Körper mit jedem Ausatmen, sich langsam wieder zu entspannen. Das funktionierte nach kurzer Zeit so weit, dass ich wieder klar denken konnte. Ich analysierte kurz die Situation, zunächst Richtung Vergangenheit: Tatsächlich, Ich hatte einen Fehler gemacht. Dann fokussierte ich kurz die Zukunft, zunächst die zwei Wochen bis zur Klausur und die mir in dieser Zeit zur Verfügung stehenden Unterrichtsstunden und anschließend das direkt vor mir liegende Wochenende mit seinen Verpflichtungen. Ich entschied ruhig, dass am morgigen Samstag keine Zeit sein würde, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Am darauf folgenden Sonntag war wunderschönes Herbstwetter angekündigt, das ich für einen Ausflug mit meiner Familie in den Wald nutzen wollte. Zeit für die Klausurvorbereitung fand ich erst am Montagnachmittag. Ich beschloss in dem Moment also, mich in drei Tagen nachmittags zwei Stunden damit zu beschäftigen und in dieser klar umgrenzten Zeit zunächst Textgrundlagen für die Klausur zu finden und anschließend die mir noch verbleibenden Unterrichtsstunden grob zu skizzieren.

Was soll ich sagen: Ich schlief schnell ein und gut durch, hatte einen angenehm vollen, aber stressfreien Samstag, einen wunderschönen Familiensonntag und verwirklichte am Montagnachmittag mein Vorhaben konzentriert und weitgehend entspannt. Als ich den Computer ausmachte und auf die Uhr schaute, waren zwei Stunden vergangen…

Pindo

Vom Sinn der Schatten

Eine der Maximen, die wir im MBSR-Kurs erfahren haben, lautet: „Bewahre den Geist des Anfängers.“

Welch ein Privileg haben wir Eltern doch, die wir unseren Kindern täglich dabei zusehen und zuhören können, wie sie  durch die Welt spazieren, erfüllt von genau diesem Geist.

Die erste Frage, die meine sechsjährige Tochter mir jüngst direkt nach dem Aufwachen stellte, lautete: „Papa, wozu sind eigentlich Schatten da?“

Warum hätte ich ihr leicht beantworten können, aber Wozu?

Pindo

Schäfchenzählen revisited

Gestern erschien mir plötzlich das bekannte Zählen von Schäfchen in einem völlig neuen Licht. Bisher war ich immer davon ausgegangen, dass der Trick darin besteht, den Geist mit einer eintönigen Tätigkeit so lange zu beschäftigen, bis er vor Langeweile einschläft. Aber jetzt sehe ich das anders:

Handelt es sich beim Schäfchenzählen nicht vielmehr um ein in unserer Gesellschaft verankertes Achtsamkeitsritual? Das Zählen verlangsamt den Gedankenfluss, der Geist kommt zur Ruhe, die Atmung wird gleichmäßiger und in Folge der eintretenden Entspannung schlafe ich ein?

Kennen Sie weitere Rituale verborgener Achtsamkeit im Alltag? Ich freue mich auf Ihre Kommentare

Pindo

Ein achtsames Jahr später – Zwischenfazit

Die im vergangenen Eintrag formulierten Eindrücke aus einem MBSR-Kurs liegen nun mehr als ein Jahr zurück. Was hat sich seitdem in meinem Leben getan? Hier eine kurze Zwischenbilanz.

Ich habe es geschafft, die Meditation zum festen Bestandteil meines Alltags zu machen. Ich stehe in der Regel um 5:15 Uhr auf und meditiere eine halbe Stunde im Sitzen. Seit einigen Wochen ergänze ich die Sitzungen mit einer Viertelstunde Yogaübungen. Im Laufe des Tages versuche ich, mindestens 20 weitere Minuten Zeit für eine zweite Sitzung zu finden.
Meine Aggressionen sind praktisch verschwunden. Zwar gerät ab und zu immer noch mein Blut in Wallung. Jedoch gelingt es mir heute, rechtzeitig vor dem Ausbruch Kontakt mit meinen hochkochenden Emotionen aufzunehmen und sie mit wohlwollender Betrachtung zu bändigen. Im Extremfall verlasse ich den Raum, bis ich mich wieder beruhigt habe.
Wir haben achtsame Rituale ins Familienleben integriert, darunter den Familienrat, von dem ich in einem späteren Beitrag erzählen werde.
Die Beziehung zu meiner Partnerin hat enorm an Tiefe gewonnen.
Ich habe alte Freundschaften reaktiviert und lebe sie nun auf eine Weise, die zu meinem Lebensglück beiträgt.
Mein Beruf ist nach wie vor anstrengend, aber er frisst mich nicht mehr auf. Trotz der durchschnittlich 5 Stunden Nachtschlaf bin ich den Morgen über fast immer präsent, zugewandt und geduldig.
Meine Art des Kommunizierens hat sich verändert. Ich vertraue viel mehr als früher auf meine Intuition und erfahre im Beruf ein ausgesprochen positives Feedback von meinen Schülern und deren Eltern.
Ich habe ein Achtsamkeitstraining für meine Schüler ins Leben gerufen. Seit Beginn des Schuljahres meditieren meine 13-jährigen mit mir und reagieren darauf überwiegend sehr positiv. Auch hierüber bald ein eigener Beitrag.
Mein Unterrichten ist anders geworden. Durch die Kombination von Entspannungs- und Konzentrationsübungen mit fremdsprachendidaktischen Inhalten entwickle ich neue Übungs- und Arbeitsformen, deren Effizienz und ganzheitlicher Charakter mich und meine Schüler verblüffen.

Ich schaffe es, mehrere Projekte gleichzeitig zu bearbeiten, ohne dabei jemals in Panik zu geraten. Insgesamt leiste ich mehr und fühle mich glücklicher dabei.

Ich genieße Geräusche, Musik, Literatur, Bilder, die Natur auf eine ganz neue Weise, indem ich sie ganz neu wahrnehme.

Ich bin Brotbäcker geworden, backe seit vielen Monaten mehrfach in der Woche köstliches Brot und freue mich, wenn meine Töchter ihre Schulbrote gern essen.

Bin ich ein anderer Mensch geworden? Ach nein, viel schöner: Ich bin mehr ich selbst geworden!

Ich habe begonnen, diesen Blog zu schreiben.

Pindo

„Tu etwas für dich!“

Inmitten der Krise führte ich ein Gespräch mit einem mir sehr nahe stehenden Menschen. Ein Satz daraus ist mir noch heute in Erinnerung. Die Person blickte von außen auf meine Situation und gab mir als Hinweis: „Es ist wohl an der Zeit, dass du etwas tust, etwas nur für dich, such dir etwas, egal was!“

An einem der nächsten Nachmittage griff ich mir ein Geo-Wissen-Heft zum Thema Glück-Zufriedenheit-Souveränität, das bei uns auf dem Couchtisch lag und schlug wahllos eine Seite auf. Die Überschrift „Wenn man hinabsteigt ins eigene Ich“ weckte mein Interesse. in dem Artikel fasst die Autorin  Juliane von Sengbusch  neueste wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema Meditation zusammen. Ich erfuhr dort, dass meditierende Menschen nachweisbar zufriedener und ausgeglichener werden und dass Meditation gesundheitsfördernd wirkt.

Im Zentrum der Ausführungen stand die Stressreduzierung durch Achtsamkeit, nach der englischen Bezeichnung kurz MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction), ein Kurskonzept, das Jon Kabat-Zinn entwickelt hat und seit Jahrzehnten an seiner Clinic for Stress Reduction in Boston / USA mit großem Erfolg einsetzt. MBSR spielt eine zentrale Rolle für die wissenschaftliche Untersuchung der Wirkung von Meditation, da das Kurskonzept standardisiert ist und sich seit Jahren schneeballartig auf allen Kontinenten verbreitet. Somit ist es auch leicht möglich, mit Hilfe großer Untersuchungsgruppen, die unter relativ ähnlichen Bedingungen praktizieren, zu Aussagen zu kommen, die wissenschaftlicher Überprüfung standhalten.

Nach der Lektüre des Artikels ging auf einmal alles ganz schnell: Ich spürte, dass ich etwas gefunden hatte, recherchierte im Netz nach MBSR-Kursen in Berlin, fand das Angebot der Achtsamkeitstrainerin Karin Wolf und saß eine Woche später bereits in meinem ersten Kurs.

Pindo

Am Wendepunkt

Irgendwann blockierte die Tretmühle und meine allgemeine Unruhe schlug zunehmend in Aggression um. Als Beispiel hier ein beliebtes Machtspiel, das viele Eltern so oder ähnlich sicher kennen.  Beim Zähneputzen macht meine vierjährige Tochter ihren Mund nicht auf. Gutes Zureden hilft nicht, energisches Auffordern ignoriert sie ebenfalls souverän. Ich spüre, wie mein Blut in Wallung gerät. Als sie auch auf eine Drohung immer noch nicht reagiert, werde ich laut, hebe sie mit beiden Armen unsanft hoch und setze sie grob einen Meter weiter neben mir ab. Im nächsten Moment blicke ich in weit aufgerissene, angsterfüllte Augen, die sich mit Tränen füllen. Ich bin immer noch außer mir, gleichzeitig beschämt über das eigene Versagen und verlasse stumm und besiegt den Raum. Zehn Minuten später nehme ich sie in den Arm und entschuldige mich. Nun bin ich wütend auf mich, weil ich weiß, dass Momente wie diese Vertrauen zerstören können.

Auch im Umgang mit anderen Menschen reagierte ich in der Folgezeit immer wieder aggressiv. Ich, der Kontroll-Freak, verlor für Momente die Kontrolle über mich und mein Verhalten. Ich war am Wendepunkt – und irgendwann war klar, dass es so nicht weiter ging.

Pindo

Vor der Achtsamkeit: das Hamsterrad

Die Krisensymptome nahmen irgendwann Überhand. Im beruflichen Bereich hatte ich das Gefühl, den Aufgaben nicht mehr gerecht zu werden, weswegen ich meine Arbeitszeiten immer weiter ausdehnte – zum Schluss sogar auf den frühen Morgen ab 5 Uhr. Dennoch wurde ich nie fertig. Wie auch? Fertigwerden ist nicht vorgesehen im Lehrerberuf und objektiv auch gar nicht möglich. Dazu rührt man einfach in zu vielen Leben gleichzeitig. In der Schule rannte ich von morgens früh bis zum Nachmittag ohne wirkliche Pause von Unterrichtsstunde zu Unterrichtsstunde. Unterrichten ist Hochleistungssport. 35 13-jährige Pubertierende saugen einem die Energie in einer Doppelstunde Englisch buchstäblich aus dem Körper, egal wie positiv sie dir gegenüber stehen. In den Pausen zwischen den Stunden dann noch Kopieren, Schülergespräche zu Banalitäten, aber auch menschlichen Abgründen, Abstimmungen mit Kollegen und der Schulleitung – oft in einer Taktfrequenz, bei der ich nicht Zeit für die elementarsten Dinge wie etwa Trinken fand.

Ich bin Lehrer mit Leib und Seele. Und deshalb quälte es mich, dass ich in all den banalen organisatorischen Dingen, die meinen beruflichen Alltag füllten, nicht die Zeit für die wirklich wichtigen Dinge fand. Zeit für individuelle Beratungen von Schülern etwa, die an der deutschen Schule nicht eingetaktet ist. Sie geht immer zu Lasten der vielen anderen Pflichten, oftmals furchtbar bürokratischer Art, die dennoch erledigt werden müssen.

So verließ ich die Schule regelmäßig mit einem Gefühl der Unzufriedenheit und Ohnmacht. Auf dem Weg nach Hause, wenn auf dem Fahrrad der Adrenalinspiegel sank, fielen mir  buchstäblich die Augen zu. Trotzdem fing in meinem Kopf dann schon der innere Perfektionist als Zuchtmeister an zu zetern und mich daran zu erinnern, dass ich am Nachmittag noch sechs Stunden für den nächsten Tag vorzubereiten hatte. Kurz darauf meldete sich mein schlechtes Gewissen lauthals zu Wort und erinnerte mich an meine väterlichen Pflichten: In einer Stunde kamen die Kinder aus Schule und Kindergarten und wollten mit Papa spielen. Wenn ich mich mit dem Mittagessen beeilte, konnte ich sie vielleicht sogar noch selbst abholen.

Alles floss ineinander. Meine ganze Familie litt mit mir, unter den inneren Streitereien zwischen Zuchtmeister und Moralapostel, weil ich nur ganz selten wirklich geistig anwesend war. Während ich vorgab, mit den Kindern Memory zu spielen, flogen meine Gedanken schon zum Schreibtisch. Hatte der Zuchtmeister gewonnen und ich mich losgeeist, nörgelte am Schreibtisch das schlechte Gewissen wieder los, störte meine Konzentration und zog die Unterrichtsvorbereitungen dadurch unnötig in die Länge.

Ich führte ein Leben als Teufelskreis, im Hamsterrad, in der Tretmühle – und hatte mich in mein Schicksal gefügt.

Pindo