Archiv des Autors: Adrian Bröking

Über Adrian Bröking

Familienvater, Lehrer und Student der Achtsamkeit

Die Worte in sich einlassen – Hesse über achtsames Zuhören

Kürzlich nahm ich erstmals seit meiner Jugend wieder Hermann Hesses Siddharta in die Hand. Dabei fiel mir die folgende Szene auf, in der der Fährmann Vasudeva seinem Gast Siddharta zuhört, wie dieser stundenlang aus seinem Leben erzählt:

Bis tief in die Nacht hörte ihm der Gastgeber zu: „Alles nahm er lauschend in sich auf, Herkunft und Kindheit, all das Lernen, all das Suchen, alle Freude, alle Not. Dies war unter des Fährmanns Tugenden eine der größten: er verstand wie wenige das Zuhören. Ohne, daß er ein Wort gesprochen hätte, empfand der Sprechende, wie Vasudeva seine Worte in sich einließ, still, offen, wartend, wie er keines verlor, keines mit Ungeduld erwartete, nicht Lob noch Tadel daneben stellte, nur zuhörte. Siddhartha empfand, welches Glück es ist, einem solchen Zuhörer sich zu bekennen, in sein Herz das eigene Leben zu versenken, das eigene Suchen, das eigene Leiden.“

(Aus: Hermann Hesse, Siddharta)

Die Worte in sich einlassen, still, offen, wartend, geduldig, ohne zu urteilen, nur zuhören. Genau diese Haltung üben wir im Achtsamkeitstraining ein. Wir hören Musik und lauschen Klassenkameraden, die über ihre Erfahrungen berichten oder auch im Unterricht Referate halten.

Anschließend, wenn ich meine Schüler frage, wie sie sich bei dieser Art des Zuhörens fühlen, ist die Reaktion stets gleich: Die Lauschenden genießen die Erfahrung, weil sie entspannt bleiben und viel mehr verstehen als sonst. Die Redenden genießen die vollkommen ungewohnte Aufmerksamkeit, die ihnen die anderen entgegen bringen.

Schüler, die im Jahr 2014 für Augenblicke zu jungen Vasudevas werden…

Glücksmomente.

Pindo

Achtsamer Schullalltag (2) – Gespräche mit Schülern führen

Hier der zweite Tipp für einen achtsamen Moment in der Hektik des Schulalltags:

Wenn ich heute ein Gespräch mit einem Schüler führe, wende ich ganz bewusst die Achtsamkeitstechnik des „Hören außen“ aus dem Konzept von Shinzen Youngs Basic Mindfulness an. Sie ist ganz einfach und besteht darin, bewusst den Geist auf den eigenen Gehörssinn zu lenken. Sobald die Gedanken weg driften, stelle ich das mit größtmöglicher Gelassenheit fest und fokussiere dann wieder das Zuhören.

Wichtig ist, die Technik in beide Richtungen anzuwenden: Wenn ich meinem Gesprächspartner so zuhöre, nehme ich viel mehr von der Situation wahr, in der sich der Schüler mir offenbart. Höre ich mir selbst beim Sprechen zu , verlangsame ich automatisch mein Redetempo und habe dadurch die Möglichkeit, meine Worte mit mehr Sorgfalt zu wählen.

So ändert sich oft die Qualität des Gesprächs – in seiner Form, aber auch der Inhalt des Gesagten. Wir gehen vertrauensvoller miteinander um und schaffen gemeinsam etwas ganz Neues, Kostbares im Schulalltag.

Pindo.

Achtsamer Schulalltag (1) – achtsam in den Unterricht starten

Während die Schüler im Klassenraum ankommen, herumwuseln, ihre Sachen herausnehmen und sich miteinander beschäftigen, konzentriere ich mich kurz auf meinen Atem. Dann richte ich den Fokus auf mein Sehen und richte meinen Blick kurz und konzentriert auf jeden Schüler. Ich versuche, seiner Mimik zu entnehmen, wie er gerade „drauf“ ist und nehme innerlich Kontakt mit ihm auf. Gleichzeitig achte ich darauf, was die konkrete Situation mit mir anstellt: Welche Emotionen erzeugt die Unruhe der Klasse bei mir? Steigt Ärger auf? Wo spüre ich ihn? Wie verändert er sich, wenn ich mit auf meinen Atem konzentriere?

Wenn ich mich anschließend vor die Klasse stelle, um die Stunde zu beginnen, kommen die Schüler meist schneller zur Ruhe. Wir begrüßen uns und legen entspannt los.

Der gesamte Vorgang dauert höchstens zwei Minuten. Mit dieser Technik habe ich einen täglich mehrfach wiederkehrende Stressmoment des Schulalltags („Wann sind die endlich ruhig!!!“) in eine Erfahrung der Achtsamkeit verwandelt.

Pindo

Schule ist Leben

Schule, das ist … Lärm … Eile … Hektik … Gewusel … Ansprüche … Termine … Auseinandersetzungen … Ärger … Enttäuschung … Wut …

Viele Menschen, die mit Schule zu tun haben – als Lehrer, Schüler, Eltern – reduzieren Schule darauf. Die Medien tragen ihren Teil dazu bei, dieses Bild zu verfestigen. Überall ist die Rede von Unfähigkeit und Unzulänglichkeit, Versagen. Je nach politischer Couleur des Schreibenden sind die Unfähigen pauschal die Schüler, die Eltern, die Lehrer, die Politiker, die Bildungsforscher, die Unesco, unsere Gesellschaft, die den Bach runtergeht, das unfähige Land Berlin, das noch nicht mal einen Flughafen bauen kann, kein Wunder bei solch einem Bildungssystem…

Alle urteilen in jedem Moment über alles, zementieren ihre jeweiligen Wahrheiten und verstecken sich in ihren Schützengräben.

Die Folgen dieses Vorgehens sind gravierend: Solange ich so denke, kann ich nicht begreifen, dass dieser Blick auf Schule unangemessen reduziert ist: Schule ist so sehr viel mehr!

Letztlich ist sie die Summe aller Erfahrungen und Emotionen, die wir mit und in ihr wahrnehmen, ein Dschungel, mit vielen Schattenbereichen und eben so vielen sonnendurchfluteten Lichtungen. Für uns, die wir mit Schule täglich zu tun haben, ist sie nichts anderes als ein wichtiger Teil unseres Lebens.

Seitdem ich von Achtsamkeit weiß, d.h. von der Möglichkeit, den jeweiligen Moment urteilsfrei wahr- und anzunehmen, gelingt es mir viel besser, dies zu erkennen und diesen Teil meines Lebens wert zu schätzen. Ich erlebe nach wie vor Lärm, Eile, Ärger, … bemühe mich nun aber darum, sie so genau wie möglich wahrzunehmen und mich in ihnen zu erfahren. Und ich erkenne mit größerer Leichtigkeit all die vielen flüchtigen Glücksmomente, die Schule bietet und erlebe sie intensiver.

Ich werde in der nächsten Zeit darüber berichten, wie ich mir in den vergangenen Monaten Verhaltensweisen angewöhnt habe, die mir Momente der Achtsamkeit bescheren, und die auf ganz unspektakuläre Weise meine Alltagserfahrung von Schule transformiert haben.

Pindo

 

 

 

 

Begegnung mit mir – eine Sehmeditation

Eine weitere Begegnung mit mir in der Rinde eines Baumes. Sie bietet den Anlass für eine kurze Sehmeditation, wie ich sie in der letzten Zeit häufiger mache. Der Ablauf ist einfach:

„Blicke auf das Bild, konzentriere dich ganz auf deinen Sehsinn …
Sobald du merkst, dass deine Gedanken fortfliegen, nimm dies gelassen zur Kenntnis und richte den Fokus wieder auf das, was du siehst … immer wieder, so lange du magst.
Öffne dich für die Emotionen, die dabei in dir aufsteigen und nehme sie wohlwollend zur Kenntnis.
Benenne jede Emotion kurz mit deiner inneren Stimme, achte darauf, wie lange sie anhält, wann sie abebbt, welche Emotion nachfolgt…“

In dieser Meditation kombiniere ich die Techniken des „Feel In“ und „See Out“ aus Shinzen Youngs umfassenden Achtsamkeitsmodell Basic Mindfulness.

Beispiele von Emotionen und Konzepten, die in mir aufstiegen, stehen unter dem Bild. Ich freue mich über Ihre Beiträge als Kommentar.

Häuptling

 

Frieden … Dankbarkeit … Ruhe … Liebe …Traurigkeit … Weisheit …

Pindo

Sich beim Denken zusehen

Jede Woche beginnen wir unsere Achtsamkeits-AG mit einem kurzen Wochenrückblick: Gab es Momente im Alltag, die wir durch Achtsamkeitspraktiken anders erlebt haben?

In dieser Woche gab mir eine Schülerin einen Text, den sie für mich niedergeschrieben hatte. Darin reflektiert sie ihre Erfahrung mit einer Übung, die sie „Sich beim Denken zusehen“ nennt: Ich hatte die Gruppe gebeten, für ein paar Minuten die Augen zu schließen und sich der inneren Bilder und inneren Stimmen bewusst zu werden, die als permanentes Hintergrundrauschen in uns allen gegenwärtig sind. Dabei sollten Sie versuchen, sich nicht mit diesen zu identifizieren, sondern vielmehr die Rolle eines gelassenen Beobachters einzunehmen. Hier nun die Schülerin:

„Mit Achtsamkeit hatte ich eine gute Erfahrung, als mich vor ein paar Abenden mal wieder der übliche Selbstkritiker einholte, den ich so oft wegschiebe. Nach der Erfahrung in der AG ging ich an diesem Abend anders mit dem Kritiker um. Ich konnte ja sowieso nicht schlafen und deswegen saß ich nun eineinhalb Stunden im Bett und sah mir beim Denken zu. Für mich war das ein unglaublich leerendes und gutes Gefühl und ich schlief danach besonders ruhig. Außerdem hatte ich selbst am Morgen noch das Gefühl, als würde es nachhallen.“

Pindo

„Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden“ …

Gestern ein ruhiger Tag mit der Familie im Wald.
Buchen, Linden, Eichen, Schluchten, Spechte, Kobolde, Vogelgesang, Holzofenbrot und ein Schlossgespenst an der Burg Rabenstein im hohen Fläming. Ein zauberhafter Ort.
Auf dem Weg ins Tal entstehen Fotos. Wir kommen an einer Tafel vorbei, die ein Gedicht von Erich Kästner darbietet:

Die Seele wird vom Pflastertreten krumm.
Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden
und tauscht bei ihnen seine Seele um.
Die Wälder schweigen. Doch sie sind nicht stumm.
Und wer auch kommen mag, sie trösten jeden.

 

Pindo

„Nach einer Weile“ … ein Fundstück im Facebookstrom

Ja, auch Facebook kann eine Quelle der Inspiration sein, wenn auch eine gefährliche, da sie dich leicht mitreißt in einen Fluss aus Informationen, Meinungen, Emotionen zu allen wichtigen und weniger wichtigen Aspekten im Leben so vieler Menschen, die du in dieser digitalen Parallelwelt zu deinen Freunden ernannt hast.

Gestern jedenfalls fand ich im Mitteilungsstrom meiner Facebook-Freundin C.D. ein wunderbares spanisches Gedicht von Veronica Shoffstall. Die ursprüngliche Fassung ist in englischer Sprache im Jahr 1971 entstanden und heißt AFTER A WHILE.

Das lyrische Ich ist zwar weiblich. Für mich sind die Zeilen jedoch ein Ausdruck allgemein menschlicher Erfahrung und Weisheit.

Ich finde, das Werk passt gut ins Gedankenmosaik dieses Blogs. Deswegen habe ich es kurzerhand ins Deutsche übersetzt. Ich hoffe, die Schönheit des Originals kommt ansatzweise zum Ausdruck.

Pindo

Nach einer Weile lernst du
dass es ein feiner Unterschied ist
ob du eine Hand hältst oder eine Seele ankettest
und du lernst
dass Lieben nicht Anlehnen meint
und Gesellschaft nicht immer Sicherheit
Und du beginnst zu lernen
dass Küsse keine Kontrakte sind
und Geschenke keine Gelöbnisse
und du beginnst deine Niederlagen zu akzeptieren
mit erhobenem Kopf und nach vorne gerichteten Augen
mit der Würde einer Frau, nicht der Trauer eines Kindes
und du lernst
all deine Straßen auf das Heute zu bauen
weil der Boden des Morgen
zu unsicher ist für Pläne
und Zukünfte es an sich haben
mitten im Flug abzustürzen.
Nach einer Weile lernst du
dass sogar Sonnenschein brennt
wenn du zu viel davon bekommst
so pflanzt du deinen eigenen Garten
und schmückst deine eigene Seele
anstatt auf jemanden zu warten,
der dir Blumen bringt.
Und du lernst dass du wirklich etwas aushalten kannst
du wirklich stark bist
wirklich etwas wert bist
und du lernst
und du lernst
mit jedem Abschied, lernst du…

Veronica Shoffstall

Achtsamer Flow im Spanischunterricht

Die Doppelstunde gestern war eigentlich Alltagsgeschäft: Einführung in eine neue Lehrbucheinheit mit einer Spanischklasse im zweiten Lernjahr war angesagt.

Im Mittelpunkt stand eine Comicsequenz, die auch in einer Audiofassung vorlag:  Eine Clique von Freunden trifft sich nach den Ferien wieder und tauscht sich über die Ferien und den bevor stehenden Schulbeginn aus.

Zu Beginn hatte ich einen groben Unterrichtsplan im Kopf. Dann schaute ich aber in die müden Gesichter der Gruppe und begann spontan mit einer Achtsamkeitsübung. Die Klasse kennt das sehr einfache Schema dieser ca. fünfminütigen Einheit bereits und liebt es:

Wir fokussieren zunächst nacheinander Füße, Hände, Schultern,  dann den Atem und beobachten ihn für einige Zeit. Während der Übung sage ich den Schülern mehrfach, dass ihre Gedanken nun vermutlich auf Wanderschaft gingen und dass dies völlig normal sei. Sie sollen die Aufmerksamkeit dann einfach gelassen zum Atem zurück bringen.

Nach etwa drei Minuten wechseln wir den Fokus  vom Atem auf das eigene Hören, wir verschmelzen gleichsam mit den Ohren,  horchen gemeinsam auf all die Geräusche um uns herum, Gepolter auf dem Gang, das Summen des Projektors am Whiteboard, die Vögel draußen in den Bäumen, Wind, Stühleknarren, Husten , …

Wieder erinnere ich an die Normalität des Gedankenflugs und die Möglichkeit, einfach immer wieder aufs Neue zurück zu kehren zum Fokus, in diesem Fall zum HÖREN.

So weit so gut. Der Ablauf ist meinen Schülern und mir vertraut und inzwischen ein Garant für fünf Minuten Wohlgefühl. Gestern geschah dann jedoch etwas Neues:

Ich bat die Schüler spontan, den Fokus Hören bei zu behalten und in ihrem entspannten Zustand die Hörfassung des oben beschriebenen Textes anzuhören. (Hier der Link zu einer ähnlichen Erfahrung mit meinem Leistungskurs Englisch.)

Ich gab den Schülern einen einfach gehaltenen Auftrag, der darauf abzielte, nur die wesentlichen Aspekte der Situation zu erfassen: Wer unterhält sich in welcher Situation ganz grob worüber?

Nach dem Anhören tauschten sich die Schüler mit ihren Nachbarn über ihre Erkenntnisse aus und ich notierte diese an der Tafel. Dabei übertraf die Klasse meine Erwartungen deutlich.

Ich beglückwünschte die Schüler zu ihrer Leistung und wies sie dann auf eine Beobachtung hin, die ich während des ersten Hördurchgangs gemacht hatte: Trotz der vorgeschalteten Entspannungsübung hatten auch diesmal mehrere Schüler wieder nach Einsetzen der Aufnahme mit spontaner Ablehnung reagiert: „Boah ist das schwer, ich verstehe ja kein Wort.“ Ich zeigte auf die gesammelten Informationen auf der Tafel, die dieser Selbsteinschätzung völlig zuwider liefen. Dann hielt ich ihnen einen Minivortrag über die Angewohnheit von uns Menschen, unsere Sinneseindrücke immer sofort zu beurteilen, anstatt sie einfach erst einmal wirklich wahr zu nehmen. Dabei griff ich auf mein Wissen aus dem MBSR-Kurs bei Karin Wolf zurück, in dem wir das Nicht-Urteilen als eine der meditativen Grundhaltungen eingeübt hatten. (Vgl. hierzu diesen Eintrag.)

Ich bat die Schüler nun, sich nochmals kurz zu entspannen und den Fokus Hören wieder aufzubauen, um der Tonaufnahme ein zweites Mal zu lauschen. Diesmal sollten sie jedoch bewusst versuchen, Urteile jeglicher Art zu vermeiden.

Die Ergebnisse waren für mich spektakulär. Die Schüler hörten eine Vielzahl von Details heraus, anschließend stand die Geschichte in ihren wesentlichen Punkten klar erkennbar an der Tafel.

Nun lasen wir den Comic gemeinsam und hörten dazu nochmals die Tonfassung. Zwischendurch unterbrach ich an mehreren Stellen, stellte kurze Verständnisfragen und erläuterte ein neues grammatisches Phänomen.

Dann traf ich die nächste Entscheidung aus dem Moment heraus. Ich bat die Schüler, die Texte zu verdecken, ihre Augen zu schließen und eine Minute in Stille auf ihre innere Stimme zu lauschen, die ihnen nun wichtige Wörter aus der Geschichte vorsagen würde.

Die Plenumsphase anschließend ergab ein wahres Feuerwerk von neuen Wörtern, an die sie sich erinnerten.

Nächste Idee – Assoziationen! „Nun machen wir eine Wortkette: Ein Schüler sagt ein Wort aus der Geschichte, der nächste sagt ein anderes, das ihm in den Sinn kommt, wenn er das vorherige Wort hört und so weiter.“ So wiederholten wir die Wörter nochmals, in anderer Reihenfolge und festigten sie durch den assoziativen Charakter der Übung.

Beim Austauschen der Wortassoziationen griff ich nochmals kurz ein und schlug den Schülern vor, den Fokus Hören aus der formellen Übung vom Stundenbeginn nun auch auf den Austausch mit den Klassenkameraden zu übertragen. So, wie wir vorhin dem Text gelauscht hatten, könnten wir nun den Stimmen der anderen im Raum zuhören.

Die Folge war eine konzentrierte Stille, stets nur unterbrochen von der Stimme eines einzelnen Schülers, eine Stille, in der man die Energie der Gruppe förmlich mit Händen greifen konnte. Schüler, die sich zuhören und austauschen, ohne dass man für Disziplin sorgt – Sternstunden für jeden Pädagogen. In den vergangenen Monaten hatte ich sie schon öfters direkt nach einer Achtsamkeitsübung erlebt. Nie jedoch hatten sie so lang angehalten wie diesmal.

Während die Schüler im Austausch waren, überlegte ich mir den nächsten Schritt: Logisch,  Schreiben passte jetzt. Also: „Nehmt euch ein Blatt Papier und formuliert einzelne Sätze, die zur Geschichte passen. Die Sätze müssen nicht unbedingt im Zusammenhang zueinander stehen.“

Die Schüler setzten sich hin, sofort setzte das übliche Gemurmel mit den Tischnachbarn ein und die Konzentration brach binnen Sekunden in sich zusammen. Darauf ergriff ich wieder spontan kurz das Wort und schlug ihnen vor, noch einen neuen Fokus auszuprobieren. „Probiert es jetzt einmal mit SCHREIBEN. Jedes Mal, wenn eure Gedanken auf Wanderschaft gehen, bringt ihr sie zurück zum SCHREIBEN.“ Wieder war die Wirkung umwerfend. Sofort kehrte die Energie zurück. Für die nächsten 10 Minuten formulierten alle Schüler mit Sorgfalt Sätze in ihrem Spanisch.

Es folgte eine weitere Plenumsphase, in der ein Schüler einen Satz vorlas und anschließend selbstständig einen anderen Schüler dran nahm. Zwischendurch schlug ich den Vorlesenden kurz vor, mit Hilfe des Fokusses SPRECHEN der eigenen Stimme mehr Druck zu verleihen. Auch das wurde sofort umgesetzt und die Schüler waren sofort besser zu verstehen.

Dann ging diese ganz besondere Doppelstunde, in der wir ohne Pause gearbeitet hatten, zu Ende. Ich lobte die Schüler nochmals  und dankte ihnen für die konzentrierte Mitarbeit. Abschließend sagte ich Ihnen, ich wollte eine schriftliche Hausaufgabe erteilen. Ich fragte, wie eine Schreibaufgabe aussehen könnte, in der all das heute Gelernte nochmals zusammen fließen würde und die für sie interessant zu bearbeiten sei. Gemeinsam entwickelten wir so folgenden Arbeitsauftrag: Übernehme die Perspektive einer der Personen aus dem Comic und schreibe in dein Tagebuch über das Wiedersehen mit deinen Freunden nach den Sommerferien.

Es klingelte, die Schüler verließen gut gelaunt den Raum. Im Vorbeigehen verabschiedeten sich alle persönlich vor mir.

Zurück blieb ich mit einer Referendarin, die in der Stunde hospitiert hatte. Sie kam nach vorn, pures Staunen auf ihrem Gesicht. Sie schüttelte ungläubig den Kopf und fragte mich, wie lange ich denn an der Planung für diese Stunde gesessen hätte.

Meine Reaktion: Fassungsloses Schulterzucken und zwei Worte: „Reine Improvisation.“

Pindo

 

Am Ende der Welt

Das Kap von Finisterre in Galicien ist seit Jahrtausenden ein besonderer Ort für die Menschen.

Für die Römer war es das FINIS TERRAE, das Ende der Welt. Die Galicier nennen es in ihrer Sprache FISTERRA.

Tausende Jakobspilger ziehen jedes Jahr über Santiago de Compostela hinaus noch ca. 80 km weiter, um an diesem Ort ihre spirituelle Reise abzuschließen. Eine Theorie besagt, dass sie damit einer jahrtausendalten, vorchristlichen Tradition folgen.

Für mich ist Finisterre bei jedem Besuch aufs Neue einmalig. Dort verwandelt sich die untergehende Sonne schon einmal in den Geist, der über dem Wasser schwebt.

An einem anderen, regnerischen Tag wird der Blick auf einen vorgelagerten Felsen zur Meditation über die Farbe Blau.
Pindo

Kap Finisterre

Kap Finisterre

Blick vom Kap

Blick vom Kap