Archiv des Autors: Adrian Bröking

Über Adrian Bröking

Familienvater, Lehrer und Student der Achtsamkeit

Ein achtsames Jahr später – Zwischenfazit

Die im vergangenen Eintrag formulierten Eindrücke aus einem MBSR-Kurs liegen nun mehr als ein Jahr zurück. Was hat sich seitdem in meinem Leben getan? Hier eine kurze Zwischenbilanz.

Ich habe es geschafft, die Meditation zum festen Bestandteil meines Alltags zu machen. Ich stehe in der Regel um 5:15 Uhr auf und meditiere eine halbe Stunde im Sitzen. Seit einigen Wochen ergänze ich die Sitzungen mit einer Viertelstunde Yogaübungen. Im Laufe des Tages versuche ich, mindestens 20 weitere Minuten Zeit für eine zweite Sitzung zu finden.
Meine Aggressionen sind praktisch verschwunden. Zwar gerät ab und zu immer noch mein Blut in Wallung. Jedoch gelingt es mir heute, rechtzeitig vor dem Ausbruch Kontakt mit meinen hochkochenden Emotionen aufzunehmen und sie mit wohlwollender Betrachtung zu bändigen. Im Extremfall verlasse ich den Raum, bis ich mich wieder beruhigt habe.
Wir haben achtsame Rituale ins Familienleben integriert, darunter den Familienrat, von dem ich in einem späteren Beitrag erzählen werde.
Die Beziehung zu meiner Partnerin hat enorm an Tiefe gewonnen.
Ich habe alte Freundschaften reaktiviert und lebe sie nun auf eine Weise, die zu meinem Lebensglück beiträgt.
Mein Beruf ist nach wie vor anstrengend, aber er frisst mich nicht mehr auf. Trotz der durchschnittlich 5 Stunden Nachtschlaf bin ich den Morgen über fast immer präsent, zugewandt und geduldig.
Meine Art des Kommunizierens hat sich verändert. Ich vertraue viel mehr als früher auf meine Intuition und erfahre im Beruf ein ausgesprochen positives Feedback von meinen Schülern und deren Eltern.
Ich habe ein Achtsamkeitstraining für meine Schüler ins Leben gerufen. Seit Beginn des Schuljahres meditieren meine 13-jährigen mit mir und reagieren darauf überwiegend sehr positiv. Auch hierüber bald ein eigener Beitrag.
Mein Unterrichten ist anders geworden. Durch die Kombination von Entspannungs- und Konzentrationsübungen mit fremdsprachendidaktischen Inhalten entwickle ich neue Übungs- und Arbeitsformen, deren Effizienz und ganzheitlicher Charakter mich und meine Schüler verblüffen.

Ich schaffe es, mehrere Projekte gleichzeitig zu bearbeiten, ohne dabei jemals in Panik zu geraten. Insgesamt leiste ich mehr und fühle mich glücklicher dabei.

Ich genieße Geräusche, Musik, Literatur, Bilder, die Natur auf eine ganz neue Weise, indem ich sie ganz neu wahrnehme.

Ich bin Brotbäcker geworden, backe seit vielen Monaten mehrfach in der Woche köstliches Brot und freue mich, wenn meine Töchter ihre Schulbrote gern essen.

Bin ich ein anderer Mensch geworden? Ach nein, viel schöner: Ich bin mehr ich selbst geworden!

Ich habe begonnen, diesen Blog zu schreiben.

Pindo

MBSR – Einblicke in eine Sitzung

Bereits in der ersten Sitzung wusste ich nach kurzer Zeit, dass dieser MBSR-Kurs genau das war, wonach ich gesucht hatte. Wir waren eine recht kleine Gruppe, 6 Teilnehmer und die Leiterin. Von Beginn an beeindruckte mich die Ruhe und das Vertrauen, mit der wir alle miteinander umgingen. In meiner Gruppe waren u.a. drei Ärzte und eine Frau, die im Altenpflegebereich als Ausbilderin tätig war. Ich war erleichtert, dass ich der einzige Lehrer war, da ich wenig Lust verspürte, in dieser für mich ganz neuen Umgebung immer wieder mit den Problemdiskursen konfrontiert zu werden, die ich aus dem Lehrerzimmer jeden Tag schon zur Genüge kannte.

Wir legten schnell die Scheu ab und sprachen ganz offen über all das, was uns  in diesen schönen Raum auf die Meditationskissen geführt hatte. Dieser offene Austausch über unseren Alltag, der bis zu eine Stunde dauern konnte, wurde für mich fast genau so wichtig wie all die Techniken, die ich erlernte. Ich empfand es als großes Privileg, einen Einblick in die intimsten Alltagssorgen eines Chirurgen zu bekommen und spürte enormen Respekt vor der alltäglichen Notwendigkeit in diesem Beruf, Entscheidungen zu fällen, die über Leben und Tod entschieden. Diese so ganz anderen Erfahrungen, an denen ich teilhaben durfte, entspannten mich erstaunlicherweise – vielleicht, weil sie meine eigenen Stressmomente relativierten? Gleichzeitig genoss ich es selbst, in dieser ungewöhnlichen Gemeinschaft aus lauter Fremden, die dennoch so vertrauensvoll miteinander umgingen, über meine Aggressionen und die großen Anforderungen in meinem beruflichen und privaten Leben zu sprechen.

Der Kurs war so aufgebaut, dass wir in jeder Woche verschiedene Meditations- und Yogatechniken erlernten und diese jeweils auf eine unterschiedliche „Innere Haltung“ bezogen. So beschäftigten wir uns nacheinander mit den folgenden acht zentralen Aspekten der Meditation:

  • Nicht-Urteilen
  • Geduld
  • den Geist des Anfängers bewahren
  • Vertrauen
  • Nicht-Greifen
  • Dankbarkeit
  • Loslassen
  • Entschlossenheit

Zu jeder inneren Haltung hörten wir kurze Einführungsvorträge unserer Kursleiterin Karin Wolf, lasen inspirierende Texte von Meditationslehrern, Dichtern oder Mystikern unterschiedlicher Weltreligionen, setzten die Impulse in verschiedenen Meditationsformen um und sprachen anschließend über unsere Erfahrungen. Zudem erhielten wir einen Reader mit weiteren Texten für die Lektüre zuhause sowie jeweils den Auftrag, die neu kennen gelernten Techniken täglich zu üben. Ich las außerdem kursbegleitend das Buch Gesund durch Meditation von Jon Kabat-Zinn. Mit der Lektüre dieses Werkes, das eine Art Leitfaden für den MBSR-Kurs darstellt, hatte ich bereits vor Kursbeginn begonnen. Ich denke, dass das Lesen mit dazu beigetragen hat, dass ich die Kursinhalte so gut umsetzen konnte.

Von größter Bedeutung war allerdings, dass es mir tatsächlich gelang, die von allen Kursteilnehmern erwartete Bereitschaft aufzubringen, täglich für mindestens 45 Minuten zu meditieren. Denn das begriff ich rasch: Meditation ist kein Glaube, kein Nachbeten großer Weisheiten, die irgendwelche Gurus formulieren, sondern in erster Linie die eigene Erfahrung, die Praxis, das Nach-Innen-Hören und die sich daraus ergebenden Erkenntnisse über dich selbst und dein Leben – und dies war es, was mich am meisten daran faszinierte: die Souveränität, die ich mit diesen Erfahrungen plötzlich über mein Leben erhielt.

Pindo

Stressreduzierung durch Achtsamkeit (MBSR) – das Konzept

MBSR-Kurse werden heute überall auf der Welt angeboten und folgen einem weitgehend standardisierten Format. Ihr Begründer und „Erfinder“ ist Jon Kabat-Zinn, der die Inhalte seit Jahrzehnten mit großem Erfolg an seiner Clinic for Stress Reduction in Boston / Massachusetts einsetzt. Das zentrale Ziel der Kurse ist es, den Teilnehmer/innen einen Zugang zur Achtsamkeit zu verschaffen.

Laienhaft würde ich Achtsamkeit umschreiben als die Erfahrung, absolut mit dem gegenwärtigen Moment synchronisiert zu sein, d.h. die Handlung, die man gerade ausführt, mit größtem Bewusstsein zu realisieren. So kann man achtsam hören, sehen, fühlen, essen, Auto fahren, Zähne putzen, den Müll hinunter tragen… Im Zustand der Achtsamkeit ist der Geist ruhig und konzentriert, nimmt eine möglicherweise auftretende Ablenkung bewusst und urteilslos zur Kenntnis und kehrt danach wieder zum eigentlich aktuellen Gegenstand des Interesses zurück. Aus den eigenen Erfahrungen der vergangenen 12 Monate weiß ich, dass Achtsamkeit im Alltag u.a. der Schlüssel für den Ausstieg aus endlosen Gedankenspiralen sein kann und dass sie bei mir zu mehr Ruhe, Gelassenheit und größerem körperlichen wie geistigen Wohlempfinden geführt hat.

Die Kurse fokussieren das Thema Achtsamkeit aus unterschiedlichen Blickwinkeln in 8 wöchentlichen Sitzungen im  Umfang von je 3 Stunden. Hinzu kommt ein Tag des Schweigens an einem Wochenende. In den Kursen erlernen die Teilnehmer/innen verschiedene Techniken der Achtsamkeitspraxis. Dazu gehören:

  • die Sitzmeditation in unterschiedlicher Dauer von 5-45 Minuten
  • der Bodyscan, eine Meditation im Liegen, bei der man langsam und ruhig mit seiner Aufmerksamkeit durch den gesamten Körper wandert. Dauer ca. 30-45 Minuten
  • Meditationen im Gehen
  • einfache Yoga-Übungen

Sehr interessant für mich war, dass Kabat-Zinn die Meditationsformen im Wesentlichen unverändert verschiedenen buddhistischen Strömungen entlehnt hat und dass diese trotzdem auch bei westlichen Menschen wie mir, die nichts über den ursprünglichen spirituellen Hintergrund wissen, hervorragend funktionieren. Im Laufe der Zeit wurde mir aber auch bewusst, dass es trotz dieser Reduktionen für einen offenen und neugierigen Menschen sehr leicht möglich ist, durch die eigenenen Erfahrungen mit den MBSR-Techniken Zugang zu einer ganz neuen Spiritualität zu erlangen. Insofern handelt es sich um ein wunderbar undogmatisches und zugleich sehr offenes Konzept. (Weitere Informationen finden sie  z.B. auf den Webseiten meiner Achtsamkeitstrainerin Karin Wolf

Pindo.

„Tu etwas für dich!“

Inmitten der Krise führte ich ein Gespräch mit einem mir sehr nahe stehenden Menschen. Ein Satz daraus ist mir noch heute in Erinnerung. Die Person blickte von außen auf meine Situation und gab mir als Hinweis: „Es ist wohl an der Zeit, dass du etwas tust, etwas nur für dich, such dir etwas, egal was!“

An einem der nächsten Nachmittage griff ich mir ein Geo-Wissen-Heft zum Thema Glück-Zufriedenheit-Souveränität, das bei uns auf dem Couchtisch lag und schlug wahllos eine Seite auf. Die Überschrift „Wenn man hinabsteigt ins eigene Ich“ weckte mein Interesse. in dem Artikel fasst die Autorin  Juliane von Sengbusch  neueste wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema Meditation zusammen. Ich erfuhr dort, dass meditierende Menschen nachweisbar zufriedener und ausgeglichener werden und dass Meditation gesundheitsfördernd wirkt.

Im Zentrum der Ausführungen stand die Stressreduzierung durch Achtsamkeit, nach der englischen Bezeichnung kurz MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction), ein Kurskonzept, das Jon Kabat-Zinn entwickelt hat und seit Jahrzehnten an seiner Clinic for Stress Reduction in Boston / USA mit großem Erfolg einsetzt. MBSR spielt eine zentrale Rolle für die wissenschaftliche Untersuchung der Wirkung von Meditation, da das Kurskonzept standardisiert ist und sich seit Jahren schneeballartig auf allen Kontinenten verbreitet. Somit ist es auch leicht möglich, mit Hilfe großer Untersuchungsgruppen, die unter relativ ähnlichen Bedingungen praktizieren, zu Aussagen zu kommen, die wissenschaftlicher Überprüfung standhalten.

Nach der Lektüre des Artikels ging auf einmal alles ganz schnell: Ich spürte, dass ich etwas gefunden hatte, recherchierte im Netz nach MBSR-Kursen in Berlin, fand das Angebot der Achtsamkeitstrainerin Karin Wolf und saß eine Woche später bereits in meinem ersten Kurs.

Pindo

Am Wendepunkt

Irgendwann blockierte die Tretmühle und meine allgemeine Unruhe schlug zunehmend in Aggression um. Als Beispiel hier ein beliebtes Machtspiel, das viele Eltern so oder ähnlich sicher kennen.  Beim Zähneputzen macht meine vierjährige Tochter ihren Mund nicht auf. Gutes Zureden hilft nicht, energisches Auffordern ignoriert sie ebenfalls souverän. Ich spüre, wie mein Blut in Wallung gerät. Als sie auch auf eine Drohung immer noch nicht reagiert, werde ich laut, hebe sie mit beiden Armen unsanft hoch und setze sie grob einen Meter weiter neben mir ab. Im nächsten Moment blicke ich in weit aufgerissene, angsterfüllte Augen, die sich mit Tränen füllen. Ich bin immer noch außer mir, gleichzeitig beschämt über das eigene Versagen und verlasse stumm und besiegt den Raum. Zehn Minuten später nehme ich sie in den Arm und entschuldige mich. Nun bin ich wütend auf mich, weil ich weiß, dass Momente wie diese Vertrauen zerstören können.

Auch im Umgang mit anderen Menschen reagierte ich in der Folgezeit immer wieder aggressiv. Ich, der Kontroll-Freak, verlor für Momente die Kontrolle über mich und mein Verhalten. Ich war am Wendepunkt – und irgendwann war klar, dass es so nicht weiter ging.

Pindo

Vor der Achtsamkeit: das Hamsterrad

Die Krisensymptome nahmen irgendwann Überhand. Im beruflichen Bereich hatte ich das Gefühl, den Aufgaben nicht mehr gerecht zu werden, weswegen ich meine Arbeitszeiten immer weiter ausdehnte – zum Schluss sogar auf den frühen Morgen ab 5 Uhr. Dennoch wurde ich nie fertig. Wie auch? Fertigwerden ist nicht vorgesehen im Lehrerberuf und objektiv auch gar nicht möglich. Dazu rührt man einfach in zu vielen Leben gleichzeitig. In der Schule rannte ich von morgens früh bis zum Nachmittag ohne wirkliche Pause von Unterrichtsstunde zu Unterrichtsstunde. Unterrichten ist Hochleistungssport. 35 13-jährige Pubertierende saugen einem die Energie in einer Doppelstunde Englisch buchstäblich aus dem Körper, egal wie positiv sie dir gegenüber stehen. In den Pausen zwischen den Stunden dann noch Kopieren, Schülergespräche zu Banalitäten, aber auch menschlichen Abgründen, Abstimmungen mit Kollegen und der Schulleitung – oft in einer Taktfrequenz, bei der ich nicht Zeit für die elementarsten Dinge wie etwa Trinken fand.

Ich bin Lehrer mit Leib und Seele. Und deshalb quälte es mich, dass ich in all den banalen organisatorischen Dingen, die meinen beruflichen Alltag füllten, nicht die Zeit für die wirklich wichtigen Dinge fand. Zeit für individuelle Beratungen von Schülern etwa, die an der deutschen Schule nicht eingetaktet ist. Sie geht immer zu Lasten der vielen anderen Pflichten, oftmals furchtbar bürokratischer Art, die dennoch erledigt werden müssen.

So verließ ich die Schule regelmäßig mit einem Gefühl der Unzufriedenheit und Ohnmacht. Auf dem Weg nach Hause, wenn auf dem Fahrrad der Adrenalinspiegel sank, fielen mir  buchstäblich die Augen zu. Trotzdem fing in meinem Kopf dann schon der innere Perfektionist als Zuchtmeister an zu zetern und mich daran zu erinnern, dass ich am Nachmittag noch sechs Stunden für den nächsten Tag vorzubereiten hatte. Kurz darauf meldete sich mein schlechtes Gewissen lauthals zu Wort und erinnerte mich an meine väterlichen Pflichten: In einer Stunde kamen die Kinder aus Schule und Kindergarten und wollten mit Papa spielen. Wenn ich mich mit dem Mittagessen beeilte, konnte ich sie vielleicht sogar noch selbst abholen.

Alles floss ineinander. Meine ganze Familie litt mit mir, unter den inneren Streitereien zwischen Zuchtmeister und Moralapostel, weil ich nur ganz selten wirklich geistig anwesend war. Während ich vorgab, mit den Kindern Memory zu spielen, flogen meine Gedanken schon zum Schreibtisch. Hatte der Zuchtmeister gewonnen und ich mich losgeeist, nörgelte am Schreibtisch das schlechte Gewissen wieder los, störte meine Konzentration und zog die Unterrichtsvorbereitungen dadurch unnötig in die Länge.

Ich führte ein Leben als Teufelskreis, im Hamsterrad, in der Tretmühle – und hatte mich in mein Schicksal gefügt.

Pindo

Willkommen

Der Titel sagt es bereits: Achtsamkeit steht im Mittelpunkt dieses Blogs. Im Herbst 2011 habe ich sie erstmals bewusst erfahren und seitdem hat sich vieles verändert. Ich möchte auf diesen Seiten eine Zwischenbilanz der vielen Erfahrungen ziehen, Entwicklungen nachspüren, Überlegungen vertiefen und Gedanken entwickeln, wie es weitergehen könnte.

Und ich freue mich auf das Feedback interessierter Leser!

Pindo