Archiv der Kategorie: Schule

Im Achtsamkeitskurs: Es geht voran!

Ich schreibe diesen Text während meines Oberstufenkurses Resilienz und Persönlichkeitsentwicklung. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten gerade in Kleingruppen an eigenen Beiträgen zur Unterrichtsreihe Pursuit of Happiness, in der wir untersuchen, was alte Weisheitstraditionen und moderne Wissenschaft zum Thema GLÜCK zu sagen haben.

Jede Stunde beginnen wir mit einer etwa zehnminütigen gemeinsamen Meditation und einem kurzen Austausch danach. Mir fällt auf, wie bereitwillig die Jugendlichen nach den Monaten regelmäßiger gemeinsamer Praxis wie auf Kommando in die Stille gehen. Ich nenne die Übung „Ankommen in MEINEM gegenwärtigen Moment“. In ihr geht es darum, sich in aller Ruhe der verschiedenen Wahrnehmungskanäle des Sehens, Hörens und Fühlens nach außen und innen bewusst zu werden, Gelassenheit mit ihnen zu entwickeln und so den gegenwärtigen Moment in seiner ganzen, bei jedem Einzelnen individuell unterschiedlichen Zusammensetzung von Sinneseindrücken zu erfahren. Beim Anleiten hebe ich immer wieder hervor, dass es genau jetzt in diesem Augenblick um nichts geht, außer darum, aufzuhören mit dem Tun und schlicht wahrzunehmen.

Morgensonne um 7 Uhr, vor Beginn der Frühschicht.
Der Frühling ist nah.

Im anschließenden Gespräch berichtet ein Schüler, dass es ihm sehr gut gelungen sei, in die Meditation hineinzufinden und dass er die Erfahrung des einfach Warnehmens als sehr entlastend empfand. Andere schlossen sich dem an, worauf eine Schülerin dann den Gedanken aufbrachte, dass das doch erstaunlich sei, weil alle heute noch eine zweistündige Klausur schreiben müssten. Zwar spürte sie jetzt wieder eine Unruhe, aber in dem Moment der Übung war sie völlig entspannt. Und sie erinnerte daran, wie wir vor Monaten an einem anderen Klausurtag eine ähnliche Übung machten und dass ihr es damals überhaupt nicht gelungen sei, aus ihren Gedanken an die Klausur herauszufinden.

In der Runde setzte allgemeines, teils erstauntes Nicken ein. Vielen ging es ähnlich. Und ich wies darauf hin, dass solche kleinen, scheinbar unspektakulären Erkenntnisse zeigen, welche Fortschritte wir miteinander machen. Das Drama um die Dinge, die wir nicht beeinflussen können, wird Schritt für Schritt kleiner, und uns gelingt es mehr bei uns selbst zu bleiben. Well done, students!

Pindo

Blühende Krokusse und trampelnde Hunde

Vergangene Woche ging ich mit den Schülerinnen und Schülern meines Kurses RESILIENZ UND PERSÖNLICHKEITSENTWICKLUNG in den kleinen Park vor der Schule, um dort eine Gehmeditation zu machen. Aufgabe war es, dabei einen der ersten sonnigen Tage nach langer Zeit mit allen Sinnen wahrzunehmen.

Die Jugendlichen kennen die Routine bereits und genießen es sehr, 20 Minuten in Stille für sich zu sein und dabei die Natur in der Stadt zu genießen.

Ich selbst entdeckte beim Innehalten eine kleine Ansammlung von Krokussen, die sich über das steil abfallende Ufer des Fennsees erstreckte.

Ich blieb stehen, kniete mich hin, und während ich mich ganz auf das Sehen konzentrierte, spürte ich, wie ich innerlich zur Ruhe kam und sich in mir ein friedliches Wohlgefühl ausbreitete. Inzwischen kenne ich diese Empfindung gut, es ist eine körperliche Reaktion der Ruhe, die aus der Erfahrung des Moments herrührt, welche durch keinen Gedanken gestört wird.

Dann fiel plötzlich seitlich von hinten ein Schatten auf mich. Ich stand auf, drehte mich um und erblickte eine Spaziergängerin. Die nächsten ca. 15 Sekunden liefen dann in etwa so ab:

Sie: „Oh, Krokusse, wie schön!“ – und auf ihrem Gesicht erscheint ein Lächeln.

Ich erwidere das Lächeln und reagiere: „Ja, nicht wahr?“

Sie entgegnet: „Nur schade, dass immer so viele Hunde darauf herum trampeln.“ Ihr Lächeln verschwindet und sie geht weiter.

Ich bleibe zurück, bin zunächst verblüfft, zucke dann innerlich mit den Schultern, wende mich wieder den Blüten zu und finde zurück in die Wahrnehmung friedlicher Ruhe.

Warum findet diese kleine Begebenheit Eingang in meinen Blog? Nun, für mich zeigt sie wunderbar, wie sehr wir Erwachsenen, wenn wir unseren Geist nicht trainieren, unseren Gedanken ausgeliefert sind und wie das unsere Lebensqualität beeinträchtigt. Die Frau erlebte für eine Sekunde, buchstäblich einen Moment, dieselbe Schönheit des Frühlings wie ich. Ihr lächelndes Gesicht zeigte dies ganz deutlich. Und dann jagt sie diesen Augenblick des Wohlfühlens buchstäblich in die Luft, mit ihrem Gedanken an irgendwelche herumtrampelnden Hunde, die sie zurückholen in ihr düsteres, mentales Paralleluniversum.

Sie interessiert das Thema? Dann lesen Sie doch meinen kürzlich erschienen Eintrag über die Fähigkeit zum Sein im Moment bei Kindern und Erwachsenen. Spannend ist in diesem Zusammenhang auch, was der amerikanische Psychologe Rick Hanson über die unterschiedliche Verarbeitungszeit von negativ-bedrohlich und positiv-angenehmen Sinneseindrücken sagt. In diesem Blogeintrag über das Nähren des Positiven gehe auch ich auf eine von ihm vorgeschlagene Übung ein, mit der wir unser Hirn buchstäblich neu verdrahten, um so das Positive in unserem Leben Schritt für Schritt immer leichter wahrzunehmen und dadurch letztlich auch für unsere geistige und körperliche Gesundheit sorgen.

Pindo

Im Moment sein – vom gedanklichen Klischee zur authentischen Erfahrung

Achtsamkeit ist heute ein extrem klischeebehaftetes Konzept. Ausdrücke wie „Lebe den Moment!“, „Sei im Moment“, „Carpe diem“ und so weiter werden auf Instagram, Facebook und co zu einer Zutat im schal schmeckenden Wohlfühl-Fastfood, das uns die Algorithmen aufgrund unserer Klickvorlieben kredenzen, und dem wir in einer unserer Wischorgien, die unsere Langeweile vertreiben sollen, für drei Sekunden unsere Aufmerksamkeit schenken.

Und dennoch: Der Begriff hat natürlich eine zentrale Bedeutung, nicht umsonst fehlt er in keiner Definition von Achtsamkeit.

Für uns Erwachsene, die wir unsere Faszination für diese besondere Art der Wahrnehmung , die wir Achtsamkeit nennen, an Jüngere weitergeben möchten, stellt dieses Dilemma eine Herausforderung dar.

Ich reagiere darauf, indem ich mich dem Phänomen auf zwei Ebenen nähere. Einerseits nutze ich die Möglichkeit zur gedanklichen Assoziation, über die wir alle verfügen. Ich bitte meine Schülerinnen und Schüler, sich an eine Situation zu erinnern, in der sie ein kleines Kind dabei beobachten, wie es völlig versunken ist in seine Erfahrung der Welt, die es entdeckt.

Heute bin ich auf ein Foto gestoßen, das ich vor etwa 17 Jahren selbst gemacht habe und das einen solchen Moment zeigt. Sie sehen es zu Beginn dieses Textes. Die darauf abgebildete Person hat mir die Erlaubnis gegeben, es für diesen Beitrag zu veröffentlichen.

Betrachten Sie das Bild in Ruhe. Sehen Sie dem Kind zu, wie es ganz bei sich ist und zugleich in vollkommener Verbindung mit dem Objekt seiner Betrachtung, dem im Sonnenlicht glänzenden Blatt, das es sieht, hört und fühlt. Achten Sie auch auf die Körperhaltung, aufrecht, würdevoll, entspannt und konzentriert zugleich.

Und spüren Sie in sich selbst hinein, was Sie beim Betrachten des Bildes spüren. Nehmen auch Sie diese friedliche Grundstimmung wahr, die das Kind spürt und die auf uns als betrachtende Personen übergeht?

Meine Schülerinnen und Schüler können mit diesem Beispiel viel anfangen, die meisten nicken dann, weil sie sich sofort an Momente erinnern, in denen sie kleinere Geschwister oder andere Kinder betrachten. Und sie haben viel Bedarf, diese Erfahrungen anschließend im Austausch in Worte zu fassen.

Ich fasse nach einer solchen Austauschrunde dann zusammen, dass der Begriff IM MOMENT SEIN also auf zwei Ebenen existiert. Wir haben mit der ersten begonnen, der der GEDANKEN. Ein Gedanke in Form einer visuellen Erinnerung hat uns einen Moment wieder erleben lassen, der auf uns Eindruck gemacht hat. Die zweite Ebene aber ist die entscheidende: Die friedliche Ruhe, die wir noch beim Betrachten eines 17 Jahre alten Fotos miterleben können, ist kein Gedanke, sondern eine körperliche ERFAHRUNG, die daher rührt, dass das Kind herausgetreten ist aus seinen Gedanken und sich vollkommen mit seiner Sinneswahrnehmung verbunden hat. Es ist dazu ganz natürlich in der Lage, weil es, im Kindergartenalter, noch nicht in unser Schulsystem eingetreten ist, in dem wir es, mit allen Konsequenzen, für ein Leben konditionieren, das weitgehend im Paralleluniversum der Gedanken stattfindet.

Für Jugendliche, die ich unterrichte, ist nach zehn Jahren einer solchen Konditionierung die Unterscheidung zwischen Gedanken und Erfahrungen meist völlig neu und überraschend. Einmal nachvollzogen geht es darum, die neue Ebene des Erfahrungswissens Schritt für Schritt aufzubauen und zu stabilisieren, indem wir sie im Rahmen des Achtsamkeitstrainings mit Inhalten – eben ganz bewussten Erfahrungen – füttern.

Ich tue dies auf unterschiedliche Weise. Ein Weg hat sich inzwischen zum Ritual konsolidiert: Jede Anleitung beginne ich etwa so:

Nimm zunächst ganz langsam drei tiefe Atemzüge …

Mach Dir beim Ausatmen bewusst, wie das Zwerchfell sich entspannt, einer der großen Muskel in unserem Körper …

Erinnere Dich an die Verbindung von Körper und Geist und nutze sie, um nun auch deinen Geist zu entspannen und Gedanken, die Du nicht brauchst, loszulassen …

Und nun, komme in Deinem ganz persönlichen Moment an, das heißt: Mach Dir Gedanken bewusst, die weiter da sind, nimm aber auch Anderes wahr, Dinge die Du hörst, siehst, Erfahrungen mit Deinem Körper, etwa der Kontakt zum Fußboden, mögliche Schmerzen, Erfahrungen wie Hunger, Müdigkeit, …

All dies ist Dein ganz persönlicher gegenwärtiger Moment … Wenn er sich gut anfühlt, dann genieße ihn … wenn er sich nicht gut anfühlt, dann versuche, ihm mit Gelassenheit zu begegnen …

Anschließend beginnen wir dann, wie in einem Laboratorium, die Sinneskanäle einzeln anzusteuern, ihre Wahrnehmung gleichsam in den Vordergrund zu heben und gelassen mit allen anderen Erfahrungen zu bleiben, die im Hintergrund weiter stattfinden.

Nach der Meditation treten wir in eine Austauschrunde ein, in der alle sehr motiviert von ihrem aktuellen persönlichen Moment berichten. Dabei trainieren wir das aktive, achtsame Hören und machen uns bewusst, wie einzigartig jede und jeder von uns allen, die hier miteinander versammelt sind, in seiner Erfahrung ist.

Für mich sind solche Momente pures Pädagogenglück. Warum? Weil ich davon überzeugt bin, dass es für mich als Lehrer in der heutigen reizüberfluteten, manipulierten und manipulierenden, von haßerfülltem Durcheinandergeschrei geprägten Welt, nichts Sinnvolleres gibt, als meinen Schülerinnen und Schülern solche Erfahrungen zu vermitteln. Erfahrungen, die ihnen zeigen, dass sie einzigartig sind, so wie alle anderen, dass sie Zugang zu Erfahrungen haben, jenseits der oft so belastenden Gedanken und dass sie es in der Hand haben, ungeachtet all der besorgniserregenden Entwicklungen in der Welt, für sich selbst zu sorgen.

Pindo

Flohmarktbegegnung

Heute ist der letzte Tag der Berliner Sommerferien. Ich bin auf dem Flohmarkt vor dem Rathaus Schöneberg, als plötzlich ein junger Mann auf mich zukommt. Sein Gesicht kommt mir vertraut vor, trotz des Bartes und der Brille. Er spricht mich an, drückt mir die Hand und stellt sich als Luis vor. Dann erinnere ich mich: Richtig. Er hat vor acht Jahren bei uns Abitur gemacht, ich war sein Klassenlehrer von der 7. bis zur 10. Klasse.

Ich freue mich immer, wenn ehemalige Schülerinnen und Schüler mich ansprechen und mir erzählen, wie es ihnen in der Zwischenzeit ergangen ist. Auch heute ergibt sich eine sehr nette Unterhaltung über dies und das, und bevor er sich verabschiedet, sagt Luis zu mir: “Übrigens möchte ich mich sehr bei Ihnen dafür bedanken, dass Sie damals in der 8. Klasse Mind the Music mit uns gemacht haben.”

Mit Mind the Music, dem von Soryu Forall entwickelten Ansatz zur Vermittlung von mindfulness an Jugendliche mithilfe von Musik, begann vor etwa 12 Jahren mein eigenes pädagogisches Achtsamkeitsabenteuer am Berliner Friedrich-Ebert-Gymnasium.

Luis erzählt, dass er in den vergangenen Jahren so oft an den Unterricht damals gedacht und die vermittelten Techniken eingesetzt hat – etwa, um sich auf einen gerade wichtigen Sachverhalt zu fokussieren, oder einfach, um mit Genuss Musik zu hören.

„Heute verstehe ich auch intellektuell, was Sie uns damals beibringen wollten. Wirklich ganz toll“, sagt er noch, bevor er sich verabschiedet.

Wie schön, wenn man Spuren hinterlässt im Leben der Schülerinnen und Schüler – und wie wunderbar, dass Achtsamkeit einer der Aspekte von Schule ist, der für ihn heute noch Relevanz hat.

Pindo

Wir Lehrende im Zeitstress

Einer der klischeebehaftesten Sätze über Achtsamkeit ist der, dass man durch sie lernt, „im gegenwärtigen Moment zu leben“.

Ein Satz der Augenrollen erzeugen kann. Was soll das denn konkret bedeuten?

Nach mehr als 20 Jahren Tätigkeit als Lehrer und 12 Jahren regulärer Achtsamkeitspraxis, kann ich sagen: „Eine Menge!“

Die Bilder entstanden im Krankenhaus Sant Pau in Barcelona, während eines Erasmus-Austausches im Mai 2024 …

Genau betrachtet entsteht ein beträchtlicher Teil des Stresses, den wir Lehrkräfte erleben, dadurch, dass wir die meiste Zeit in der Zukunft oder der Vergangenheit leben.

Wir leben in der ZUKUNFT, wenn wir Schuljahre, Unterrichtsreihen und Stunden planen. Dabei sorgt unser innerer Perfektionist für höchste Gewissenhaftigkeit und bemüht sich minutiös alle möglicherweise auftretenden Eventualitäten mit einzubeziehen. Er greift dabei zurück auf das Instrumentarium, das wir im Referendariat erworben haben, wo wir darauf trainiert wurden, Alternativen vorzusehen, für verschiedene Lernertypen, verschiedene Anforderungsniveaus und alternative Stundenausgänge, je nach dem, wie schnell wir bei der Umsetzung wirklich fortschreiten würden.

Damals war ich fasziniert von dieser niemals explizit formulierten, aber immer vorhandenen Maxime, dass die Qualität von Unterricht von einer Anzahl verschiedener Variablen definiert wird und dass ich diese nur optimal aufeinander abstimmen müsse, um sehr guten Unterricht zu erzeugen.

Sant Pau ist eine Gartenstadt, heute geschützt als Kulturerbe der Menschheit …

Wie realitätsfern ! Und dennoch wirkt diese Grundüberzeugung in vielen von uns unbewusst jeden Tag. Sie zeigt sich, wenn wir bei unseren kleinen, alltäglichen „Niederlagen“ immer zuallererst die Schuld bei uns suchen. Und dies ungeachtet der Tatsache, dass nichts weniger ideal ist, als die Bedingungen, unter denen Schule heute stattfindet.

In der VERGANGENHEIT leben wir vor allem bei einer der anstrengendsten, zeitraubendsten und zugleich sinnentleertesten Aufgaben unserer Profession, der des Korrigierens und Bewertens. Die Vorgaben mahnen uns an, exhaustiv vorzugehen, d.h. wirklich alles zu korrigieren und ermunternde Kommentare mit konkreten Vorschlägen zu Verbesserungsmöglichkeiten zu machen. Und all dies bei Klassengrößen von 32 und einem Deputat von 26 Unterrichtsstunden pro Woche …

Sinnentleert ist die Tätigkeit meiner Ansicht nach in zweierlei Hinsicht: Zum einen, weil man inzwischen aus der Bildungsforschung zur Genüge weiß, dass die Defizitorientierung, welche die Basis aller Benotung ist, bei vielen, nicht nur “schwachen” Schülerinnen und Schülern angsterzeugend und demotivierend wirkt. Zum anderen beschäftigen sich die meisten Lernenden nur sehr wenig mit den zeitaufwändig erstellten Korrekturen ihrer Erzeugnisse und interessieren sich vor allem für die Note, ihre Standortbestimmung im defizitorientierten System. Kurz: Aufwand und Wirkung stehen beim Korrigieren in keinem Verhältnis.

Erbaut wurde das Krankenhaus von einem der großen Genies des katalanischen Jugendstils, Luis Domènech i Montaner …

Und wo bleibt der GEGENWÄRTIGE AUGENBLICK im Alltag einer Lehrkraft? Für mich zeigt er sich im direkten, persönlichen Kontakt mit den Lernenden, einzeln und in der Gruppe. Er findet sich in dem, was in den 45 Minuten Unterricht oder auch in einem Gespräch mit einer Schülerin, einem Vater, einer Kollegin konkret passiert. Seine Qualität liegt in der Beziehung, die ich in diesem Moment zu meinem Gegenüber aufbaue, in meiner Fähigkeit, zuzuhören, Empathie für die Situation des anderen zu haben, ihn bzw. sie zu sehen.

Die Pandemie hat uns auf schmerzvolle, aber sehr bedeutsame Weise gelehrt: Das Alleinstellungsmerkmal unserer Schulen ist, dass wir Gemeinschaften von Menschen sind, die Alltag miteinander teilen, sich ihre Wertschätzung zeigen und gemeinsam einen sicheren Ort schaffen, an dem wir uns weiterentwickeln können. Niemand ist psychisch erkrankt, weil ihm oder ihr in der Zeit der Schulschließungen das geistige Futter gefehlt hat. Das Internet bietet solches im Überfluss. Nein, den krank gewordenen Menschen hat etwas ganz anderes gefehlt: das Miteinander mit Gleichaltrigen in der Klasse, aber auch mit uns Erwachsenen, die sie begleiten und ihnen das Gefühl vermitteln, dass sie in der schwierigen Phase des Erwachsenwerdens nicht allein sind.

Bei mir setzte diese Erkenntnis schon lange vor der Pandemie ein, nämlich nachdem ich mir vor nun schon über 10 Jahren eine regelmäßige Achtsamkeitspraxis aufbaute, und sie mündete in ein Experiment, das ich bis heute jeden Tag aufs Neue praktizierte:

Was passiert, wenn ich meine Vorbereitungszeit auf eine Unterrichtsstunde drastisch reduziere? Wenn ich auf das perfekt gestaltete Arbeitsblatt verzichte? Wenn ich stattdessen nur mit einer groben Idee dessen, was ich erreichen möchte, in den Unterricht gehe?

Der Architekt hat sich bei der Gestaltung von einem zentralen Gedanken leiten lassen …

Nun, es passiert, dass die Fallhöhe dessen, was im Unterricht schief gehen kann, deutlich sinkt. Wenn ich nicht stundenlang das perfekte Arbeitsblatt vorbereitet habe, kann ich auch nicht enttäuscht sein, wenn meine Schüler*innen es nicht würdigen oder in ungeplant kurzer Zeit den Arbeitsauftrag erledigen, weil ich eine der oben erwähnten Variablen zuvor falsch gewählt habe. Und die Konsequenz daraus: Ich entspanne mich, öffne mich für die Bedürfnisse der Lerngruppe, und diese Entspannung geht auf die Lernenden über. In der Folge entstehen oft sehr bemerkenswerte Stunden, tatsächlich aus dem Moment heraus, in denen wir gemeinsam zu Erkenntnissen gelangen, die komplett unvorhersehbar, aber zugleich sehr relevant und ausgesprochen motivierend sind.

Sobald ich diesen Perspektivwechsel hin zur Wahrnehmung der Bedeutung des gegenwärtigen Moments vollziehe, transformiert sich Schule für mich, füllt sie neu mit Sinn und Lebensqualität – und dies obwohl, beziehungsweise gerade weil ich weniger tue.

Sehr zur Nachahmung empfohlen.

Pindo

Laut Domènech i Montaner ist Schönheit von zentraler Bedeutung, weil sie heilend wirkt. Auch hier also ein Perspektivwechsel, der transformierend wirkt.

„Wie schön mein Leben eigentlich ist“

Ich blättere in alten Texten und finde unverhofft eine unveröffentlichte Skizze für einen Blogeintrag aus dem Jahr 2020. Flashback in die schwere Zeit der Schulschließungen. Die Lektüre mutet fast surreal an. Die folgenden, leicht redigierten Passagen sind dreieinhalb Jahre alt.

“Zur traurigen Normalität in Covid-Zeiten gehört es, dass ganze Klassen für eine Woche in Isolation geschickt werden, wenn ein Kind sich infiziert hat und unklar ist, ob es Folgeinfizierungen geben könnte. Vergangene Woche erlitt eine unserer 7. Klassen dieses Schicksal.

Ich hatte ein paar Wochen zuvor auf Bitten der Klassenleitung den 32 Schülerinnen und Schülern eine kurze Einführung in die Achtsamkeit gegeben, die bei den Kindern auf großes Interesse stieß. Seitdem beginnen die Klassenleiterinnen ihre Stunden oft mit ein paar Minuten des Schweigens und berichten beeindruckt, wie lange das Innehalten dann anschließend in der Stunde noch im Verhalten der Schüler*innen nachwirkt.

Um die Klasse in der Quarantäne ein wenig moralisch zu unterstützen, lade ich die Schüler*innen zu einer Achtsamkeitssession per Videokonferenz ein. Ich bin sehr erstaunt, dass tatsächlich 17 Klassenmitglieder auftauchen. Wir wiederholen gemeinsam nochmals das Konzept von Achtsamkeit, wie ich es ihnen, entsprechend Shinzen Youngs Definition im Unified Mindfulness-System beigebracht hatte: „Achtsamkeit ist eine besondere Form der Aufmerksamkeit, die entsteht, wenn man drei Fertigkeiten miteinander kombiniert: Konzentration, Klarheit und Gelassenheit.“

Anschließend leite ich eine Übung an, bei der die Körperwahrnehmung im Vordergrund steht. Es ist eine Art Body Scan, aber im Sitzen, mit aufgerichteter Wirbelsäule, auf einem Stuhl – vielleicht die niedrigschwelligste Übung im schulischen Setting. Wir beginnen beim Kontakt der Füße mit dem Fußboden und richten dann nacheinander die Aufmerksamkeit auf verschiedene Körperregionen, Gesäß, Hände, Schultern, Mund mit Kiefergelenk, schließlich den Oberkörper, der sich sanft wiegt im Rhythmus des Atems.

Während der Übung blicke ich in 17 verschiedene Zimmer, in denen 17 junge Menschen mit geschlossenen Augen vor einem Bildschirm sitzen und sich darin üben, innezuhalten. Ein bewegender Anblick.

Anschließend lasse ich die Kids im Chat ihre Erfahrungen niederschreiben.

Ich bin müde geworden.

ich bin auch müde geworden

ich habe gespürt wie warm mir ist

Ich habe an nichts gedacht und vor allem nicht an Probleme

Ich hab es voll wahrgenommen, dass meine Hände warm sind

war müde

Ich wurde auch müde aber fühlte mich entspannt, als wäre ich aus meinem Körper raus gegangen.

Ich war sehr entspannt und habe irgendwie alles vergessen

Es war auch viel im Treppenhaus los aber ich hab es einfach ausgeblendet

Ich hatte manchmal ganz viele Gedanken auf einmal in meinem Kopf aber danach war es immer sehr ruhig und friedlich

Mein  Vater hat neben an auch eine Konferenz und ich habe es ausgeblendet

Ich war sehr ruhig, wer mich kennt weis das ich eigentlich nie ruhig bin

ich hab probiert alles auszublenden und einfach loszulassen

Ich hatte auch das Gefühl als ob ich schwebe

ich das ich fliege

Ich habe bemerkt wie schön mein Leben eigentlich ist und dass es mir gut geht

Danke das sie sich die Zeit genommen haben.

Ja

Danke

Ja danke!

Ja, sehr gern geschehen, Ihr Lieben. Auch ich bin dankbar, dafür, dass ich Euch daran erinnern kann, dass das Leben immer noch schön ist.

Pindo

Der Trick mit der Dankbarkeit

In der Achtsamkeits-AG fragte ich vor einigen Tagen einen Jungen aus der 9. Klasse, ob er eigentlich Achtsamkeit auch irgendwann im Alltag außerhalb unserer Treffen praktizierte. Er überlegte kurz und meinte dann: „Na ja, den Trick mit der Dankbarkeit wende ich öfters an“. Ich wusste zunächst nicht, was er meinte. Er erinnerte mich darauf hin an eine Sitzung, die wir im vergangenen Frühjahr hatten.

Damals erzählte ein Siebtklässler, er habe regelmäßig bei Klassenarbeiten Blackouts und fragte mich, was man in solch einer Situation tun könne. Ich überlegte kurz und schlug der Gruppe darauf hin spontan ein kleines Experiment vor:

Wir setzten uns aufrecht hin, und konzentrierten uns auf unseren Atem. Dann lud ich die Teilnehmenden ein, sich eine Situation zu vergegenwärtigen, in der sie einmal Angst hatten. Es sollte keine allzu dramatische Situation sein, vielleicht eine Klassenarbeit, in die sie mit unwohlem Gefühl gegangen waren. Wir malten uns die Situation unter Vergegenwärtigung aller Sinneswahrnehmungen aus und übten uns darin, die unangenehme Emotion im Körper so gelassen wie möglich zu spüren.

Dann bat ich die Anwesenden, sich ein Ereignis oder eine Person ins Gedächtnis zu rufen, für die sie dankbar waren. Wir verbrachten darauf ein paar Minuten, der Reihe nach solche Momente laut auszusprechen und erspürten die Emotion der Dankbarkeit in unseren Körpern. Schließlich leitete ich die Gruppe wieder zur Atembeobachtung zurück und beendete die Übung. Anschließend fragte ich die Teilnehmenden nach ihren Erfahrungen: Alle waren dazu in der Lage gewesen, sich über die Visualisierung eines unangenehmen Momentes mit dem Gefühl von Angst zu verbinden und sie im Körper zu spüren, und bei allen war nach der Dankbarkeitsmeditation von dieser Angst nichts mehr übrig geblieben. Die Schüler waren beeindruckt.

Darauf erläuterte ich ein wenig die Hintergründe: Als Säugetiere reagieren wir in Angstsituationen instinktiv mit einer Schockstarre. Vor tausenden von Jahren konnte uns diese Reglosigkeit vielleicht davor bewahren, dass uns ein Raubtier entdeckte. Heute dagegen hilft sie bei Prüfungsangst überhaupt nicht weiter. Die Lähmung führt mental dazu, dass unser Zugang zum Gedächtnis vorübergehend versperrt ist und wir die gelernten Wissensbestände nicht abrufen können. Meine These war nun: Wenn wir die Angst über die Fokussierung positiver, mit Dankbarkeit verbundener Erinnerungen gleichsam durchtränken und so abschwächen, dann können wir den Klammergriff lösen und erlangen so den Zugang zum Gelernten zurück. Ich bat die Teilnehmenden, das mal bei einer der nächsten Prüfungen auszuprobieren.

Nach der Sitzung waren bald Sommerferien. Bedingt durch meine neue Funktion als stellvertretender Schulleiter konnte die AG einige Male nicht stattfinden. Und nun erfahre ich Monate später ganz beiläufig: „Der Trick mit der Dankbarkeit funktioniert!“

Pindo

Ein spätsommerliches Abendpicknick auf dem Tempelhofer Feld mit Freunden.
Ein Moment, für den ich dankbar bin.

Pindo bei „Wir für Schule“

Die Pandemie hat viele Menschen dazu gebracht, Althergebrachtes in Schulen zu hinterfragen und neue Wege einzuschlagen. Eine sehr spannende Initiative ist dabei WIR FÜR SCHULE, die seit einem Jahr ein Online-Forum für tausende Interessierte*r geschaffen hat, wo Innovationen vorbereitet werden.

In diesen Tagen läuft der zweite große Hackathon (eine Neuschöpfung aus Hacker und Marathon), wo unter dem Slogan LASST UNS ZUKUNFT IN DIE SCHULE BRINGEN, Bildung spannend neu gedacht wird.

Kürzlich hatte ich die Ehre, an einem Community Panel von Wir für Schule teilzunehmen, auf dem ich von meiner Achtsamkeitsarbeit in der Schule erzählen durfte. Mit dabei war Ricarda Priebe, eine meiner ehemaligen Schülerinnen, die seit mehr als sechs Jahren regelmäßig in meiner AG Achtsamkeit praktiziert sowie Susanne Krämer von der Uni Leipzig und Madlen Neubauer, eine ihrer Studentinnen.

Mit Susanne darf ich nun schon im zweiten Jahr gemeinsam an der Lehrenden-Fortbildung Wache Schule als Trainer mitwirken. Wache Schule basiert auf dem gleichnamigen, wunderbaren Buch von Susanne, das ich hier bereits ausführlich vorgestellt habe.

Das Community Panel beginnt mit einer interessanten Einführung in die Wirkung von Achtsamkeit durch Susanne Krämer (ab ca. 5:00). Ab 30:00 berichtet meine Schülerin Ricarda davon, welche Bedeutung Achtsamkeit für sie hat. In meinem eigenen Eingangsstatement (ab ca. 35:00) berichte ich unter anderem davon, wie Achtsamkeit meinen Blick auf die Lehrerrolle verändert hat. Im Anschluss entwickelt sich ein wirklich interessantes Gespräch zu dem Thema.

Pindo

Die Neuen Schulen

Übermorgen beginnt ein spannender Online-Kongress unter dem Titel Die Neuen Schulen – Lernen braucht Beziehung.

Die Covid-Krise hat durch das, was fehlt, nochmals deutlich gemacht, worin Schule ihre wirklichen Stärken hat: in der Beziehung zwischen den an ihr beteiligten Menschen.

Der Initiator Andreas Reinke lädt alle Lehrkräfte und Eltern zu diesem kostenlosen, inspirierenden Treffen ein.

Dabei geht es auch um das Thema Empathie und Achtsamkeit in der Schule mit einem Beitrag von Susanne Krämer (Uni Leipzig), mit der ich in den vergangenen Monaten im Rahmen der wunderbaren Fortbildung Wache Schule zusammenarbeiten durfte.

Mein Tipp: Anmelden und sich inspirieren lassen.

Pindo

AVE – ein Portal für Achtsamkeit in der Pädagogik

Sie interessieren sich für Achtsamkeit und ihre transformierende Wirkung in der Bildung? Dann ist die neu aufgestellte Webseite des AVE-Instituts in Berlin ein spannender Anlaufpunkt.

AVE möchte „Impulse für den Bildungsbereich geben, damit Achtsamkeit und Empathie Teil der Schulkultur“ werden kann. Die Webseiten bieten eine hervorragend aufgemachte Fülle an Anregungen für Menschen, die sich einen ersten Überblick über Achtsamkeit verschaffen möchten, aber auch solche mit mehr Fachkenntnis und spezielleren Fragen.

Ganz hervorragend finde ich den Ansatz, dass AVE viele Berichte von Pädagog*innen bietet, in denen diese ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Achtsamkeit als Inspirationsquellen zur Verfügung stellen. Dabei hatte ich die Ehre, selbst von meiner Arbeit erzählen zu dürfen.

Eine wunderbare Initiative des AVE-Instituts ist auch die Online-Gemeinschaft Achtsamkeitspraxis für Pädagog*:innen. Jeden zweiten Mittwoch findet von 20-21 Uhr auf Zoom ein Treffen statt, auf dem Expert*innen einen kurzen Impulsvortrag zu ihrem Arbeitsgebiet halten und anschließend eine Achtsamkeitspraxis für die Anwesenden anleiten. Die Abende sind ein sehr gutes Forum, um Gleichgesinnte für unser Herzensthema ‚Transformation von Schule durch Achtsamkeit‘ kennen zu lernen und sich mit ihnen auszutauschen.

Unbedingte Surfempfehlung.

Pindo