Archiv der Kategorie: Schule

Gegen die Macht der selbsterfüllenden Prophezeiung

Im Dezember 2018 publizierte die Zeitschrift Praxis Fremdsprachenunterricht Französisch ein Heft zum Thema Achtsamkeit. In einem Artikel zeige ich darin an einem konkreten Beispiel aus dem Unterricht, welch große Chance Achtsamkeit für die Transformation von Schule bietet – vorausgesetzt, die Voraussetzungen stimmen.

Der Oldenbourg-Verlag ermöglicht Ihnen das kostenlose Herunterladen des Artikels im PDF-Format, wenn Sie ein Kundenkonto eröffnen.

Pindo

Das Leben ist schön

Wie immer schließt meine Schulwoche mit der Achtsamkeits-AG. Wir beginnen mit 15 Minuten Meditation mit Fokus Innen Sehen – Thema: Bilder des Tages. Anschließend tauschen wir uns über die Woche aus, immer aus dem Blickwinkel der Achtsamkeit.

Die Schülerinnen und Schüler, sie sind aus der 8., 10., 11. Jahrgangsstufe, dazu kommen einige ältere Ehemalige, hören sich mit großer Ernsthaftigkeit zu. Hier wird nicht diskutiert, sondern geteilt. Ich weiß nicht, ob es noch einen Ort in der Schule gibt, an dem Lernende so unterschiedlicher Altersstufen in solch einer entspannten, von Vertrauen geprägten Atmosphäre miteinander kommunizieren.

Jemand berichtet, dass er im Moment so intensiv an Comics zeichnet, dass er abends beim Schlafengehen immer die Bilder vor Augen hat und dann nicht einschlafen kann. Dann erzählt eine ehemalige Schülerin dass sie auf dem Weg zur Arbeit im Bus ihre Fahrt einfach nur genießen konnte, weil es ihr gelang, die innere Anspannung, nicht zu spät kommen zu wollen, für einen Moment loszulassen.

Anschließend hören wir zwei Lieder, die Schülerinnen aussuchen. Dabei meditieren wir mit dem Fokus Außen Hören. Nachdem der letzte Klang verhallt ist, verharren wir noch in der Versenkung, lauschen auf die Stille und ich beschließe die Runde intuitiv mit folgender Anleitung:

Nun bitte ich Euch zum Abschluss unseres Treffens … richtet euch mit euer inneren Stimme nacheinander an alle Anwesenden im Raum und drückt ihnen eure Dankbarkeit aus. Eure Dankbarkeit dafür, dass sie gekommen sind und so diesen gemeinsamen Moment möglich gemacht haben.

(Stille)

Und nun richtet Ihr Euch bitte an Euch selbst. Und sagt Euch selbst Danke, dafür dass ihr gekommen seid und so euch und uns allen diesen schönen Moment geschenkt habt.

Dann läute ich die Glocke. Ich frage, ob noch jemand etwas sagen möchte. Und eine Schülerin erzählt, dass sie das Gefühl der Dankbarkeit die ganze Zeit spüren konnte. Dass es sehr kraftvoll und angenehm war. Und als sie dann sich selbst dankte, da ertönte in ihr eine Stimme die sagte: „Das Leben ist schön.“

Eine Woche, die mit solch einem Satz ihren Abschluss findet, war eine gute Woche.

Pindo

Kaninchen vor der Schlange

Thema meines letzten Blogeintrags war Jorge Bucays Buch der Weisheit, konkret die Passage, in der der argentinische Autor eine von Brechts Kalendergeschichten zitiert.

Direkt vor den Haifischen spricht Bucay über die Bedingungen für ein sinnhaftes, freudevolles Leben:

Das Leben kann ein Spiel sein, wenn es in der Gegenwart gelebt wird.

Das Leben ist eine Freude, wenn es die Quelle für das ist, was wir sind, der angemessene Ausdruck unseres Seins. Und nicht Mittel zum Zweck, damit wir werden, was wir noch nicht sind, oder um etwas zu erreichen, das wir noch nicht besitzen, sei es Geld, Prestige, gesellschaftliche Anerkennung oder Sicherheit.

Jorge Bucay: Buch der Weisheit

Mir als Lehrer donnert dieser Satz in den Ohren. Je länger ich darüber nachdenke, wie ich diesen Beruf achtsam ausüben kann, desto mehr wird mir deutlich: So viele meiner Schülerinnen und Schüler leiden, weil sie davon überzeugt sind, jetzt nicht das zu leisten, was ihnen später einmal ein erfolgreiches und erfülltes Leben ermöglicht.

Da zeigt etwa ein Schüler in der 11. Klasse bei der Rückgabe einer Klausur klare Anzeichen von Angst, fast Panik. Ich bin erstaunt, weil die Arbeit in der Bewertung gut – wenn auch nicht sehr gut – ist. Im Gespräch stellt sich dann heraus, dass der Schüler schon jetzt weiß, dass er nach dem Abitur unbedingt Psychologie studieren möchte, wo derzeit ein absurd hoher Numerus Clausus von 1,0 den Zugang zum Studium beschränkt.

Welch ein Leiden tut sich hier auf!

In diesem Moment erlebt der Schüler sein aktuelles Sein bei uns an der Schule als ‚Mittel zum Zweck‘, damit er wird, was er noch nicht ist, damit er erreicht, was er noch nicht hat. Er gleicht einem erstarrten Kaninchen, das auf die vor ihm sitzende Schlange starrt. Mit dem Unterschied, dass seine Schlange real gar nicht vorhanden ist. Es existiert lediglich eine gewisse Möglichkeit, dass der Schüler in zwei Jahren vor dieser Schlange sitzen könnte. (Vielleicht ändert sich ja seine Lebensplanung noch grundlegend.)

Und doch ist die Schlange für uns ein reales Hindernis. Ihr Gift wirkt (mindestens) dreifach: Erstens beeinträchtigt es die eigentlich sehr hohe Lebensqualität des Schülers, in dem er denkt, dies habe seinen Sinn nur, wenn es ihm die Eintrittskarte für das danach Folgende verschafft. Zweitens wirkt es negativ, da es ihn so lähmt, dass er sein eigentliches Leistungsvermögen gar nicht umsetzen kann. Drittens schließlich lähmt es seine Beziehung zu mir, weil er mir den Druck aufbürdet, mit meiner heute angefertigten Bewertung einer Aufgabe Verantwortung für das persönliche Lebensglück meines Gegenübers zu tragen.

Ich mache dem Schüler gar keinen Vorwurf. Das gesamte Ausbildungssystem, in dem er sich seit 11 Jahren bewegt, konditioniert ihn ja in dieser Richtung.

Umso mehr zeigt sich auch hier die Chance, die Achtsamkeit uns allen an der Schule bietet. Sie öffnet uns die Augen für eine zentrale Erkenntnis. Sie lautet:

Schule bereitet dich NICHT auf das Leben vor. Sie IST dein Leben – bzw. ein essentieller Teil davon.

Und sie bietet uns das Handwerkszeug, diese Erkenntnis Schritt für Schritt zu erfahren.

Pindo


Achtsam und kreativ – ein Schulprojekt

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Projekttage am Friedrich-Ebert-Gymnasium Berlin. Seit Jahren mache ich an dieser Schule Angebote zur Achtsamkeit – für Schülerinnen und Schüler sowie auch für Kolleginnen und Kollegen.

In diesem Jahr habe ich mir etwas Neues überlegt.Die Idee war, Meditation mit Handeln zu verbinden, ein Produkt aus einem achtsamen Geist heraus zu erstellen. Daraus wurde das Projekt „Achtsam und kreativ“.

Wir sind am ersten Tag auf das Südgelände Berlin gegangen, einen alten Rangierbahnhof, der sich nach dem Krieg in eine Wildnis verwandelt hat und vor einigen Jahren als Naturpark wach geküsst wurde.

Dort haben wir den Vormittag verbracht. Wir sind langsam über das Gelände gegangen, haben uns an verschiedenen Orten niedergelassen und ich habe in verschiedene Meditationstechniken eingeführt. Der Fokus lag vor allem im Außen, außen sehen und außen hören. Dazu Körperwahrnehmung und achtsames Atmen.

Heute, am zweiten Tag, haben wir uns dann in der Schule gesprochen, weiter mineinander praktiziert. Schließlich begann eine Phase intensiver Einzelarbeit, in der wir gemeinsam die unten stehende Webseite erstellt haben. Alle Beiträge, mit einigen wenigen Ausnahmen, die ich beigesteuert habe, sind von meinen Schülerinnen und Schülern. Am Projekt haben Jugendliche aller an der Schule vertretenen Klassen – von der 7. bis zum 2. Semester der Oberstufe – teilgenommen.

Die Ergebnisse sind beeindruckend.

Pindo

Dusch mich, aber mach mich nicht nass

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Beelitzer Land im Vorfrühling 2018

Mein Blogeintrag zur emotionalen Grundhaltung an Schulen stößt bei vielen Leserinnen und Lesern auf Resonanz. Herzlichen Dank für die vielen Kommentare.

Besonders berührt hat mich der nachfolgend zitierte Text einer Lehrerin, die an ihrer Schule gerne unerkannt bleiben möchte:

Danke für diesen tollen Text!! Mir sind wirklich die ganze Zeit während des Lesens die Tränen geflossen, weil ich mit genau diesem „Grundgefühl“ seit Monaten durch die Schule gehe. Ich finde es gerade sehr schwierig, auszuhalten, von vielen Kolleginnen immer noch angeschaut zu werden, als hätte man etwas Unanständiges gesagt, sobald man das Wort „Achtsamkeit“ in den Mund nimmt. Bezeichnenderweise sind das oft genau die Kolleginnen, die sich bei mir (als Beratungslehrerin) darüber beklagen, dass sie nachts so schlecht schlafen und ab vier Uhr morgens wach liegen, weil die Gedanken rasen und ihr Default Mode Network auf Hochtouren läuft…

Einigen Kollegen geht es wirklich schlecht, aber ich habe das Gefühl, es ist oft immer dasselbe, so nach dem Motto: Dusch mich, aber mach mich nicht nass… Irgendwie hat Achtsamkeit immer noch ein riesiges PR-Problem…

Ich finde den Text so bemerkenswert, weil er aus der Negativsicht heraus nochmals sehr gut deutlich macht, welche Chance Achtsamkeit für eine Schule eröffnet: Wenn ein kleiner Kreis von Kolleginnen und Kollegen beginnt, sich mit dem Thema zu beschäftigen, dann entsteht ein Raum, der von Vertrauen geprägt ist. Und wo Vertrauen ist, da traue ich mich, auch als Lehrer zu zeigen, dass ich verletzlich bin. Ich vertraue anderen an, dass ich tatsächlich Schwierigkeiten habe, unter diesen MEGA-bescheidenen Rahmenbedingungen (alles ist ja MEGA heute…) erfolgreich und erfüllt zu arbeiten. Und das schafft Erleichterung.

Noch eine Anmerkung zu der immer wieder gehörten Behauptung, wir Meditationsfreaks würden mit Achtsamkeit das System stabilisieren, indem wir uns selbst noch widerstandsfähiger und dadurch leistungsstärker machen wollen oder indem wir Passivität an den Tag legen:

Achtsamkeit besteht, wie der mich sehr inspirierende Shinzen Young in seinem System Unified Mindfulness lehrt, aus drei zusammen wirkenden Fertigkeiten:
Konzentration, Klarheit und Gelassenheit. Dabei wird der Aspekt der Gelassenheit sehr oft missverstanden, weswegen meditierende Menschen sich immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt sehen, sie gerieten durch ihre Praxis in eine apathische Grundhaltung, die notwendige Veränderungen verhindere.

Dies ist falsch.

Gelassenheit in der Meditation übe ich nie gegenüber den sozialen Bedingungen in meiner Umwelt, sondern immer nur gegenüber meiner WAHRNEHMUNG derselben. Ich bin also mit mir selbst gelassen – und dies auch in schwierigen Momenten, gelassen mit meiner Unzulänglichkeit, meiner Unfähigkeit, mich zu konzentrieren, meinem Ärger, meiner Traurigkeit, meiner Müdigkeit, meiner Unlust, den nächsten Korrekturberg bis morgen noch abzutragen, gelassen gegenüber dem schlechten Gewissen, dass ich damit meine Schüler enttäusche, denen ich eigentlich versprochen hatte, dass sie morgen ihre Arbeit zurück bekommen, …

Indem ich gelassen bin mit all diesen starken, belastenden Emotionen, löse ich mich aus der Umklammerung meines inneren Kritikers und sorge so für mich selbst. Und ich eröffne Räume für andere, denen es eben so geht, Kolleginnen und Kollegen, Schülerinnen und Schülern, Eltern und ich lebe vor, dass es auch ihnen erlaubt ist, dies ebenfalls zu tun.

Vielleicht erreichen wir ja so irgendwann eine kritische Masse und stellen plötzlich erstaunt fest, dass wir mit unserem individuellen Verhalten gemeinsam unsere Umwelt verändert haben…

Eine Utopie? Mag sein. Aber mal im Ernst: Glaubt tatsächlich jemand , dass man in unserer von höchstem Druck auf allen Ebenen geprägten Welt des 21. Jahrhunderts nachhaltig etwas erreichen kann, indem man … Druck ausübt?

Also originell klingt anders.

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Beelitzer Land im Vorfrühling 2018

Pindo

 

 

Vom „Du genügst nicht“ zum „Ich bin ok“

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Als Lehrer führe ich oft Dutzende von Gesprächen am Tag,  Gespräche mit Schülern, mit Kollegen, mit Eltern, oft nur Gesprächsfetzen zwischen Tür und Angel, hineingequetscht in eine 5-Minuten-Pause, Minidialoge im Feinstaubnebel des Kopierers, Gespräche auf der Treppe, im Schritt, manchmal nur ein Austausch von wenigen Worten oder gar nur von Blicken, während der nächste große Dompteursakt vor einer Gruppe von 32 Pubertierenden schon an uns beiden zerrt.

Wenn ich nachmittags auf dem Fahrrad durch den Park nach Hause fahre und mir die Augen zufallen, weil das Adrenalin aus meinem Körper weicht, kommt mir im Gähnen  regelmäßig der Gedanke: „So viele Leben waren das heute wieder, in die du kurz eingetaucht bist…“

Seit ich Achtsamkeit erfahren habe, höre ich den Menschen mehr zu, lausche ihren Worten, auch in diesen kurzen Momenten und lasse sie widerhallen in mir. Und mehr und mehr nehme ich einen emotionalen Grundton wahr, der alles zu durchströmen scheint und der sich auf die folgende selbstzerstörerische Feststellung bringen lässt:

„Du genügst nicht!“

Schule ist der Ort, an dem Menschen mit dieser selben Grundüberzeugung in drei unterschiedlichen Rollen zusammen kommen:

Wir Lehrer genügen nicht!

Wir haben eine Lehrverpflichtung, die in den vergangenen 20 Jahren um 25% zugenommen hat und reagieren darauf mit zwei Strategien: Die einen unterrichten die 26 Stunden (am Berliner Gymnasium, an anderen Schulformen noch mehr) und verausgaben sich dabei oft derart, dass sie die nächste unterrichtsfreie Zeit („Ferien“) mehr müde als wach und mehr krank als gesund erreichen. Die anderen reduzieren ihr Lehrdeputat, weil sie glauben, so besser gesund bleiben zu können oder weil sie den Ansprüchen an die eigene Arbeit genügen wollen, erzeugen damit in sich aber den emotionalen Konflikt, dass sie den Erwartungen ihres Arbeitgebers und letztlich der Gesellschaft nicht genügen zu können.

Wir stehen vor Korrekturbergen, die durch Vergleichsarbeiten (Lernausgangslage 7, Vera 8, MSA) immer weiter wachsen.

Wir erhalten in regelmäßigen Abständen neue Rahmenlehrpläne, die uns auf Trab halten, in schulinterne Curricula gegossen werden müssen, um zu gewährleisten, dass wir unsere Schüler vor Ort individuell optimal auf ihre künftige Rolle in der Gesellschaft vorbereiten können.

Wir werden regelmäßig inspiziert, weil man uns nicht traut, dass wir unsere Arbeit professionell nach den Maßstäben erfüllen, die „eigentlich“ gelten.

Wir verfügen an der Schule über keine eingerichteten Arbeitsplätze, so dass wir zuhause  zwischen der nie fertig werdenden Arbeit für die Schule und den Ansprüchen unserer Rollen als Väter, Mütter und Lebenspartner permanent vom Drahtseil fallen.

Auch unsere Schüler genügen nicht:

Sie checken auf dem Weg zum Frühstück ihren Whatsapp-Klassenchat, wo sich über Nacht 150 neue Mitteilungen angesammelt haben, darunter immer auch die eine oder andere Bösartigkeit („Zum Glück nicht über mich!“).

Sie werden am Frühstückstisch von Papi noch mal eben gefragt, ob sie auch wirklich genug für die Mathearbeit heute gelernt haben („Was heißt eigentlich genug?“).

Sie freuen sich über anerkennende und neidische Blicke ihrer Freunde und Gegner auf die neuen coolen Sneakers („Puh, endlich mal die richtige Wahl getroffen!“)

Sie stellen beim Blick in die Tasche fest, dass sie das Mathebuch vergessen haben und sehen auf ihrem mentalen Bildschirm dann schon die Ungläubigkeit in den Augen des Lehrers, wenn sie wieder erklären müssen, dass es bei Mama zu Hause liegt, wo sie den ersten Teil der Woche wohnen und nicht bei Papa, wo sie heute übernachtet haben.

Sie erhalten vom Sportlehrer Listen für die möglichen Elemente einer Bodenturnen-Kür und landen beim Erproben der „Brücke aus dem Stand“ zu Hause mit dem Kopf auf dem harten Küchenboden, weil sie glauben, dass man auch da eine Eins haben muss.

Sie hören jeden Tag, wie wichtig, Mathe, nein Deutsch, nein Spanisch, nein Physik, nein … ist und dass sie jetzt fürs Leben lernen und dass sie sich ihre Chancen verbauen, wenn sie sich jetzt nicht ENDLICH konzentrieren. („Ich KANN mich aber nicht konzentrieren!“)

Sie leben damit, dass in der Woche drei Klassenarbeiten geschrieben werden dürfen, für Tests und andere Evaluationen aber keine klaren Regeln existieren und sich somit die Wochen vor den Ferien andauernd in Examensdauerläufe verwandeln.

Sie bekommen den Vokabeltest in Spanisch zurück und überlegen sich, wie sie den Eltern beibiegen können, dass sie mal wieder „verkackt“ haben. („Sorry, so reden die heute tatsächlich alle, auch am Gymnasium. „Müssten wir als Lehrer nicht dafür sorgen, dass die nicht so reden … ? (siehe oben!) Nein, ha!, das ist Job der Eltern, höhö! (siehe unten)“.

Sie lernen in der Oberstufe, dass jede Note entscheidend sein kann, weil jeder Zehntelpunkt hinter dem Komma darüber bestimmt, ob ihr Leben dann auch nach der Schule weiter einen Sinn hat oder endlich einen erhält … (Hinweis: An der Freien Universität Berlin lag der NC für Psychologie im vergangenen Jahr bei 1,0, der für Politikwissenschaft bei 1,1. Hallo? Geht’s noch?!!!)

Und ihre Eltern, die genügen schon gar nicht:

Sie leben in der ständigen Überzeugung versagt zu haben, weil das eigene Kind in der Schule nicht funktioniert, weil es nicht hinein passt in dieses System, in dem Menschen unter Anwendung einiger willkürlich ausgesuchter Kriterien danach bewertet werden, wieviel Prozent von X sie heute erreicht haben (und wieviel ihnen fehlt um perfekt zu sein…)

Sie haben sich vielleicht gerade selbstständig gemacht, leben daher vorübergehend von Hartz 4 und nun im inneren Konflikt, ob sie ihrem Kind die wunderbare Erfahrung der Klassenfahrt nach Spanien ermöglichen  und dafür die Demütigung auf sich nehmen sollen, eine Komplettförderung zu beantragen;

Sie werden von einem schlechten Gewissen geplagt, weil sie sich nicht genügend darum kümmern, ob ihr Sohn das Richtige isst, die Hausaufgaben ordentlich macht, nicht so viel am Handy ist, sich ausreichend bewegt, diese schreckliche Sprache benutzt („Vorhin hat er schon wieder ‚VERKACKT‘ gesagt …“)

Während ich schreibe, spüre ich in mich hinein und fühle all die Beklemmung, Scham, Angst, Ärger, Überforderung, das ganze Spektrum an Emotionen, das uns tagtäglich in der Schule überflutet, mit dem wir uns gegenseitig negativ aufladen und schwächen.

Dann hebt sich mein Blick und ich sehe die Kirschbäume vor dem Fenster, mit den ersten Knospen, endlich, nach so langem Frost, in der klaren Berliner Frühlingssonne. Und ein zartes, wohliges Gefühl der Dankbarkeit kitzelt den Emotionsknoten klein.

Es ist zu Beginn Dankbarkeit für diesen schönen Tag, meinen zweiten Ferientag. Aber dann weitet sie sich aus beim Gedanken an die Achtsamkeit, die mir einen Weg weist, wie ich dieser Negativität etwas entgegen setzen kann, im Kleinen, indem ich meinen Mitmenschen an der Schule lausche, ganz Ohr werde, indem ich meine Schüler Schritt für Schritt entdecken lasse, wie wir unsere Wirklichkeit über unsere Wahrnehmung selbst konstruieren, im Zusammenspiel von Gedanken, externen Erfahrungen und Emotionen..

Und wenn sie dann beginnen, das Durcheinander klarer zu sehen und es mit Gelassenheit zu betrachten und sie Raum für die Erkenntnis schaffen, dass sie nicht alles glauben müssen, was sie sich selbst tagtäglich erzählen, dann kommt der Moment für ein Gespräch über die innere Stimme, über dieses vergiftende „Ich genüge nicht!“. Und wir starten Experimente, wie  es sich anfühlt, wenn wir es bewusst ersetzen durch Affirmationen, die uns gut tun, Sätze wie „Ich bin ok!“, „Ich bin da!“ oder „Du bist genug“. Und sie spüren nach, wie sich „Ich liebe mich!“ anfühlt und sie merken, dass das nicht geht. („Echt zu heavy!“) Aber das „Ich bin ok“ ganz gut kommt.

Und mir wird wieder bewusst, wieviel Qualität die Achtsamkeit in meinen Beruf bringt und wie wenig mich die x.te neue Studie schert, die in Frage stellt, dass Achtsamkeitsprogramme bei Jugendlichen wirken, eine Studie, die nichts als ein weiterer Reflex der „Du-Genügst-Nicht“-Gesellschaft ist, die fordert, dass Wirkungen quantifizierbar nachgewiesen werden müssen und die nicht kapiert oder zu verhindern versucht, dass die Einzelne in ihre Kraft kommt, und dann, indem sie SICH verändert, beginnt,ihre UMWELT zu transformieren.

Pindo

P.S.: Dieser Beitrag hat eine Fortsetzung: „Dusch mich, aber mach mich nicht nass!“.

Der Hunger der Welt

Ein Buch beschäftigt mich derzeit wie lange kein anderes: Zen, and the Art of Making a Living, von Laurence G. Boldt.

Bei einem library sale in Sydney ist es uns im vergangenen Jahr in die Hände geflattert. Vor einigen Wochen fiel mein Blick auf den Buchrücken im Regal und seitdem lässt es mich nicht los.

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Heute möchte ich ein Zitat daraus teilen, das mein Lehrerherz zum Schwingen bringt. Es greift eine meiner grundlegendsten Überzeugungen auf: Alle Menschen verfügen in sich über etwas Einzigartiges, mit dem sie die Welt zu einem besseren Ort machen können.

The hunger of the world cries out for the food of your loving attention. Listen and discover what kind of food you have; then distribute it where it is most needed and wanted. Do you have spiritual food or the food of laughter? Do you have wisdom food or affection food? Do you have beauty food or confidence food? Whatever food you have, share it. We can all feed each other our best food and in so doing, nourish all life. Remember, there are so many ways to serve. It needn’t look any particular way. It is up to you to see clearly – to find your way.

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Hier meine Übertragung ins Deutsche:

Der Hunger der Welt schreit nach Nahrung. Du gibst sie ihr mit deiner liebevollen Aufmerksamkeit. Lausche und entdecke welche Nahrung du hast; dann verteile sie, wo sie am meisten benötigt und gewollt wird. Hast du spirituelle Nahrung oder die Nahrung des Lachens? Hast du die Nahrung der Weisheit oder der Zuneigung? Ist deine Nahrung Schönheit oder Zuversicht? Welche Nahrung auch immer du hast, teile sie. Wir können uns allen gegenseitig den Hunger stillen mit unserer besten Nahrung. Und indem wir das tun, nähren wir das Leben selbst. Denke daran, es gibt so viele Wege zu dienen. Wie genau er aussieht, steht nicht fest. Es liegt an dir, klar zu sehen, um deinen Weg zu finden.

Nehmen wir einmal an, Schule hätte bei uns die Aufgabe, unseren Kindern dabei zu helfen, diesen Weg für sich zu entdecken… Wie würde unsere Gesellschaft dann wohl aussehen?

Pindo

PS: Die Bilder sind Beispiele von Schönheit und Zuneigung, mit denen meine Tochter mich in der vergangenen Woche während einer krankheitsbedingten Auszeit versorgt hat.

Achtsamkeit in den Worten Jugendlicher

Vergangene Woche habe ich in einer 9. Klasse an meiner Schule ein 6-wöchiges Achtsamkeitstraining abgeschlossen.

Im abschließenden anonymen Feedback tauchten die folgenden Sätze auf.

Achtsamkeit hilft mir, mein Leben intensiver und leichter zu leben.

In der Schule benutze ich die Übung oft, wenn ich im Unterricht sitze und ich von links und rechts angesprochen werde und mich nicht darauf konzentrieren kann, was vorne passiert. Dann achte ich kurz auf meine Atmung und setze den Fokus dann auf die Stimme des Lehrers.

Du lernst in dich selbst zu gehen und dir zu zu hören. Du nimmst vieles anders wahr, wenn du achtsam bist.

Ich benutze die Übungen, wenn ich mit jemandem streite und mich dann in seine Lage versetzen will.

Es ist eine perfekte Sache, um deinem Leben einen entspannteren Alltag zu verpassen.

Für mich ist das ein Moment, mich zu beruhigen und die Welt wahrzunehmen, weil mein Leben so schnell geht und ich diese Zeit brauche, eine Pause zu machen und alles zu genießen.

Wenn man achtsam ist, hört man auf seinen Körper und findet sich selbst.

Wenn meine Mutter in mein Zimmer kommt und ruft, dass ich irgendeine Aufgabe bewältigen soll, obwohl ich gerade selber beschäftigt bin, kann mich das sehr provozieren. Nun beruhige ich mich, indem ich auf meinen Atem achte oder dem Schlagen meines eigenen Herzens zuhöre…

Ich finde es toll, die Möglichkeit zu haben, durch die Achtsamkeit intensiver zu leben und mit mehr Freude und Gelassenheit an Dinge ranzugehen.

Mir hat die Einheit sehr gut gefallen und Spaß gemacht, und meine Sicht auf bestimmte Dinge hat sich positiv verändert.

Hör in dich hinein.
Fasse den Gedanken.
Sieh das Positive.
Sei achtsam.
Es war toll.

Danke. Das Training hat auch mir große Freude bereitet.

Pindo