Archiv der Kategorie: Schule

Auf dem Weg zur achtsamen Schule

Die westliche Neurowissenschaft hat in den vergangenen Jahren nachgewiesen , dass Achtsamkeit für den einzelnen Menschen wie auch für die gesamte Gesellschaft von größter Bedeutung sein kann: Menschen mit einer eigenen Praxis tun etwas für ihre eigene körperliche und geistige Gesundheit und zeigen mehr Empathie für ihre Mitmenschen. In einem meiner letzten Blogeinträge habe ich mehr darüber geschrieben.

Das WARUM ist also zweifelsfrei geklärt. Achtsamkeitsarbeit in der Schule ist von höchster gesellschaftlicher Relevanz. In unserer Zeit der Wissenschaftsgläubigkeit ist diese Erkennntnis sehr bedeutsam. Sie gibt allen Menschen, die wie ich daran arbeiten, Schule mit Achtsamkeit zu transformieren, eine wichtige Argumentationsbasis und eine sichere Grundlage für unser Handeln.

Damit stellt sich die Frage des WIE? Wie kann es gelingen, eine nachhaltige Achtsamkeitskultur in einer Schule zu etablieren? Nach vier Jahren eigener Erfahrungen mit diesem Projekt stelle ich die folgenden Thesen als Zwischenfazit meiner Arbeit zur Diskussion:

  • Schule ist eine Gesellschaft, in der Menschen (Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler, Eltern) miteinander leben und arbeiten. Diese Gesellschaft lebt in einer chronischen Krise, weil sie die Anforderungen, die an sie gestellt werden, nicht erfüllt. Sie steht unter permanenter Beobachtung, wird fortlaufend kritisiert und  durch Einflussnahme von außen willkürlich verändert.
  • Beobachtung, Kritik und Einflussnahme belasten die schulische Gesellschaft sehr. Lehrerinnen und Lehrer, aber auch Schülerinnen und Schüler fühlen sich überfordert und nicht wertgeschätzt . Viele reagieren auf weitere Reformvorschläge von außen zynisch oder zumindest mit einem grundsätzlichen Misstrauen.
  • Achtsamkeit kann man nicht VERSTEHEN, ich kann niemanden von Achtsamkeit ÜBERZEUGEN. Wenn ein Mensch nicht bereit ist, Achtsamkeit zu ERFFAHREN und dadurch ihre Bedeutung für sich selbst zu entdecken, dann bleibt sie für ihn banal.
  • Achtsamkeit ist eine besondere Form der Wahrnehmung von Wirklichkeit, die erlernt werden kann und regelmäßig praktiziert werden muss, wenn sie nicht wieder verloren gehen soll.
  • Eine Achtsamkeitspraxis hat notwendigerweise zwei Komponenten:
    • eine FORMELLE Praxis, in der ich die neue Form der Wahrnehmung wie in einer Art geistigem Fitness-Studio täglich trainiere,
    • eine INFORMELLE Praxis, bei der ich das Trainierte in meinen Alltag einfließen lasse und dann feststelle, wie ich mich Schritt für Schritt verändere.

Aufgrund dieser Überlegungen ergeben sich für mich die folgenden Bausteine für eine achtsame Schulkultur:

  • In einer achtsamen Schule haben Lehrer, Schüler und Eltern die Möglichkeit, Achtsamkeit regelmäßig FORMELL zu praktizieren. Die Schule organisiert regelmäßig
    • Einführungsveranstaltungen (z.B. viermal im Schuljahr), in denen die Grundlagen der formellen Praxis vermittelt werden.
    • (möglichst tägliche) kurze Zeitfenster für eine kurze formelle Praxis zwischendurch, z.B.
      • eine „achtsame Viertelstunde“ in der Mittagspause
      • Sitzmeditationen vor Konferenzen.
  • Lehrerinnen und Lehrer beeinflussen mit ihrem Handeln eine Schule nachhaltig. Insofern kommt ihnen beim Aufbau einer Achtsamkeitskultur eine besondere Bedeutung zu. Bei allen Angeboten für sie steht der Gedanke des „Sorgens für mich selbst“ im Vordergrund:
    „Mit Achtsamkeit kann ich etwas für mich tun, indem ich lerne, der Wirklichkeit, die ich nicht ändern kann, anders zu begegnen.“
  • Alle Angebote für Lehrerinnen und Lehrer sind freiwillig. Die Praktizierenden unter ihnen treten in Austausch darüber, wie sie ihre tägliche Routinearbeit mit Elementen informeller Praxis transformieren und stützen sich so gegenseitig.
  • Besonders interessierte Lehrerinnen und Lehrer werden ermuntert und finanziell dabei unterstützt, eine Fortbildung zum Achtsamkeitstrainer für Jugendliche zu machen. Das bei uns eingesetzte Programm Mind the Music ist dabei eine von mehreren Möglichkeiten.
  • Zertifizierte Lehrkräfte informieren ihre Klassen über das Programm. Eltern und Schüler/innen entscheiden gemeinsam, z.B. mit Zweidrittelmehrheit, über ihre Durchführung.
  • Vereinbarte Klassenprogramme sind für alle verpflichtend, aber zeitlich begrenzt. Dadurch wird gewährleistet, dass alle Schülerinnen und Schüler die Erfahrung der Achtsamkeit zunächst einmal machen müssen. Anschließend können sie für sich entscheiden, ob das „etwas für sie ist“.
  • Die Klassenprogramme sollten die Heterogenität der Klassen berücksichtigen, z.B. durch Übungsangebote für verschiedene Typen, etwa in Form von Achtsamkeit in Stille und in Bewegung
  • Ein Ziel der Programme besteht darin, kurze Achtsamkeitsrituale für den Unterricht einzuüben (5 Minuten zu Stundenbeginn, 3 Minuten vor einem Phasenwechsel, …)
  • Besonders interessierte Schülerinnen und Schüler erhalten das Angebot, an einer wöchentlich stattfindenden Achtsamkeits-AG teilzunehmen.

Aus eigener Erfahrung weiß ich:

Menschen, die Achtsamkeit in Schule bringen möchten, müssen auf sich aufpassen. Gerade weil wir wissen, wie wichtig unsere Arbeit gesamtgesellschaftlich ist, laufen wir Gefahr, frustriert zu reagieren, wenn andere das nicht verstehen wollen, und so kann es passieren, dass die Aufgabe, die wir uns selbst stellen, uns niederdrückt.

Soryu Forall, der Begründer von Mind the Music, sagte mir vor einigen Monaten einmal:

„Gehe Schritt für Schritt und achte darauf, dass jeder Schritt, den du gehst, in sich stimmig ist und seine Daseinsberechtigung nicht erst durch den nächstfolgenden erhält.“

Jeder Schritt, und sei er noch so klein, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Der erste Schritt ist der der eigenen Praxis. Wer Achtsamkeit praktiziert und die Schule zu seinem Ort der informellen Praxis macht, der verändert sich, und damit verändert er letztlich  auch die Schule.

Pindo

Neurowissenschaft, Achtsamkeit und ein Auftrag

Die Erforschung von Achtsamkeit mit den Methoden westlicher Wissenschaft hat in den vergangenen Jahren beeindruckende Ergebnisse hervor gebracht. Inzwischen liegen gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse über den enorm positiven Einfluss auf die physische und psychische Gesundheit des Menschen vor.

Regelrecht spektakulär sind die Ergebnisse des Resource-Projekts, dem weltweit größten Forschungsprojekt zur Meditation,  das Tania Singer in den vergangenen Jahren am Max Planck Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig auf den Weg gebracht hat. Singers Forschungsteam zeigt, dass meditierende Menschen ihr Gehirn so umbauen, dass sie empathiefähiger werden.

Die Konsequenz: Egoistisches Denken, das die Menschheitsgeschichte seit Jahrtausenden dominiert und in unserem Zeitalter des globalisierten Kapitalismus mächtiger denn je erscheint, ist also prinzipiell überwindbar. Tania Singer ist davon so überzeugt, dass sie gemeinsam mit anderen Persönlichkeiten einen regelrechten Feldzug gegen die vorherrschende These, der Mensch sei zuallererst ein Homo Oeconomicus, führt und dabei selbst auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos Gehör findet. Für mich ist dies eine der wenigen Nachrichten, die mich derzeit mit ein wenig Hoffnung bezüglich der Zukunft unserer Spezies erfüllt.

Heruntergebrochen auf den Mikrokosmos der Schule leite ich aus den Erkenntnissen eine klare Legitimation, wenn nicht einen Handlungsauftrag für unsere Achtsamkeitsarbeit ab:

Wenn wir Schülerinnen und Schüler in achtsamer Wahrnehmung trainieren, dann helfen wir ihnen, sich selbst und den anderen mit mehr Empathie zu begegnen. Damit legen wir letztlich die Grundlage für eine bessere Zukunft.

Wissenschaftlich erwiesen – PUNKT

Wie kann aber eine nachhaltige Verankerung von Achtsamkeitsgedanken in ener öffentlichen Schule aussehen? Damit beschäftigt sich ein anderer Blogeintrag.

Pindo

 

 

Achtsamkeit und Gymnasium – geht das?

Vor etwa vier Jahren habe ich damit begonnen, das Thema Achtsamkeit in die Öffentlichkeit meiner Schule zu bringen. Seitdem ist einiges passiert. Die folgende Auswahlliste vermittelt einen Eindruck.

Ich habe die Trainerbefähigung für drei jugendorientierte Achtsamkeitsprogramme, Mind the Music, Modern Mindfulness und .b – Mindfulness in Schools, erworben und sie mit Schülergruppen erprobt.

Weit über 100 Schülerinnen und Schüler haben an mehrwöchigen Achtsamkeitstrainings teilgenommen, weitere ca. 50 Schülerinnen und Schüler an eintägigen Workshops im Rahmen von Projekttagen.

Mein aktueller Leistungskurs Englisch hat sich einstimmig dafür entschieden, ein Achtsamkeitsprogramm als Vorbereitung auf das Abitur zu durchlaufen.

Ich leite eine Achtsamkeits-AG, in der wöchentlich Schülerinnen und Schüler zusammen kommen. Die Gruppe ist klein (derzeit 4-8 Teilnehmer/innen), das Niveau, auf dem die dort versammelten jungen Experten arbeiten, dafür umso faszinierender. Mehrere Einträge in diesem Blog zeugen davon.

Zweimal die Woche treffen sich Kolleg/inn/en und Schüler/inn/en zur Achtsamen Viertelstunde, einer kurzen Sitzmeditation im Auge des Sturms unserer Mittagspause

Seit kurzer Zeit organisieren wir ein Sitzen in Stille vor den Gesamtkonferenzen.

Die organisierte Elternschaft unterstützt die Arbeit sehr und hat vorgeschlagen, den Begriff „Achtsamkeit“ im Leitbild der Schule zu verankern.

Seit Januar 2016 nehmen 4 Kolleginnen und Kollegen an der von Fokus Achtsamkeit organisierten Lehrerfortbildung zum Programm Mind the Music teil.

Bei mir erzeugt diese Rückschau ein tiefes Gefühl der Freude und der Dankbarkeit so vielen Menschen gegenüber:

meiner Schulleitung, die mich einfach mal hat machen lassen,
den Schülerinnen und Schülern, die sich öffnen und auf den Weg begeben,
Kolleginnen und Kollegen, die mich ermutigen, mittun und unter denen vier nun zu ganz aktiven Mitstreitern werden,
Eltern, die mit Wohlwollen und Dankbarkeit auf diese Arbeit reagieren, die ja zunächst einmal an einem Gymnasium eher exotisch wirkt, …

Wir alle miteinander haben in den vergangenen Jahren die Erfahrung gemacht:

Achtsamkeit und Schule – ja das geht!

Pindo

Ästhetik des Korrigierens

Eigentlich empfinde ich das Korrigieren als die am wenigsten kreative Dimension im Lehrerberuf. Es gibt natürlich Momente und Momente.

Pindo

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Eine Formel für Glück (2)

Dieser Eintrag ist der zweite Teil einer Betrachtung über den Zusammenhang von Glück, Dankbarkeit und achtsamer Wahrnehmung. Vielleicht mögen Sie zuerst Teil 1 lesen?

Ich zeigte den Vortrag von David Steindl-Rast in meinem Leistungskurs Englisch in einem Moment großer emotionaler Offenheit. Wir waren seit einigen Wochen dabei, den großartigen Roman Fahrenheit 451 von Ray Bradbury zu lesen. Ich lese dieses dystopische Meisterwerk aus den 50er Jahren zunehmend als ein einziges Plädoyer für ein achtsames Leben. In der autoritären Gesellschaft von F451 sind Bücher, als scheinbare Auslöser für Unzufriedenheit, subversive Elemente, die vernichtet werden müssen.

Gleich zu Beginn des Romans trifft der Protagonist Guy Montag zum ersten Mal auf das Nachbarsmädchen Clarisse. Bradbury zeigt sie in einem Moment absoluter Präsenz, vollkommener Verbundenheit mit der sie umgebenden Natur:

The autumn leaves blew over the moonlit pavement in such a way as to make the girl who was moving there seem fixed to a sliding walk, letting the motion of the wind and the leaves carry her forward, Her head was half bent to watch her shoes stir the circling leaves. Her face was slender and milk-white and in it was a kind of gentle hunger that touched over everything with tireless curiosity. It was a look, almost of pale surprise; the dark eyes were so fixed to the world that no move escaped them. Her dress was white and it whispered. He almost thought he heard the motion of her hands as she walked and the infinitely small sound now, the white stir of her face turning when she discovered she was a moment away from a man who stood in the middle of the pavement waiting.

Durch ihre Begegnung öffnet Clarisse Guy die Augen. Sie zeigt ihm Dinge, die er nie gesehen hat und löst damit eine dramatische Entwicklung in seinem Leben aus. Sie selbst verschwindet bald darauf spurlos, vermutlich beseitigt als gefährliche Staatsfeindin in der anti-achtsamen Gesellschaft von F451.

Bradbury geht in seiner Zukunftsvision von Tendenzen aus, die er in der US-Gesellschaft seiner Zeit sah und entwirft ein Szenario, wie sich der technologische Fortschritt auf das soziale Miteinander der Menschen auswirken könnte. Meine Schülerinnen und Schüler waren sehr überrascht, in wievielen Bereichen unserer Gesellschaft sie Parallelen zu dieser so gruselig wirkenden Welt entdecken konnten: Unsere Fixiertheit auf Smartphones, banalste TV-Unterhaltung auf riesenhaften Fernsehgeräten, die dramatische Zunahme an Geschwindigkeit, Dauerberieselung mit Musik in öffentlichen Räumen, Adrenalinkitzel als Freizeitspaß, Reality-TV, die Parallelgesellschaften in den sozialen Netzwerken …, all diese Dinge sah Bradbury voraus.

Nachdem wir all die Analogien herausgearbeitet hatten stellten wir uns die Frage, ob unsere Gesellschaft sich denn nun in einer weiteren Entwicklungsstufe tatsächlich in eine Art F451 verwandeln würde und wir überlegten, was wir tun könnten, um das zu verhindern. In diesem Moment kam mir die Idee, sie mit David Steindl-Rast bekannt zu machen. Ich bat sie, sich den Vortrag anzusehen und anschließend darüber nachzudenken, ob er für unsere Fragestellung relevant sei.

Ich war auf die Reaktion der Schülerinnen und Schüler sehr gespannt und stellte dann sehr erfreut fest, dass die meisten tief berührt waren. Darauf hin lud ich sie zu einem kleinen Experiment ein. Ich schlug ihnen vor, das STOP-LOOK-GO einmal auszuprobieren und bat sie die Augen zu schließen. Dann legte ich jedem von ihnen eine kleine Muschel in die geöffnete Hand, die ich gemeinsam mit meiner Familie vor Jahren an einem Strand in Australien gefunden hatte. Ich bat sie die Augen zu öffnen und während der folgenden drei Minuten nichts anderes zu tun, als die Muschel mit allen Sinnen wahrzunehmen, immer wieder … und immer wieder … und wenn ihnen ihre Gedanken dazwischen funkten, dann sollten sie dies kurz feststellen und anschließend zurückkehren zum Sehen und Tasten und Fühlen.P1000035

Die drei Minuten waren erfüllt von Stille und höchster Konzentration und als ein Gong die Übung beendete, blickte ich in viele lächelnde Gesichter. Ein Schüler berichtete, die Muschel habe ihn in die Zeit zurückversetzt, als er als kleiner Junge mit seinen Eltern den Sommer am Meer verbrachte. Ein Mädchen erlebte verträumt einen Moment des vergangenen Sommers nach. Schließlich berichtete eine andere Schülerin, nennen wir sie Andrea, bei ihr habe etwas ganz anderes stattgefunden: „Ich habe die Muschel angesehen immer wieder und immer wieder … und auf einmal … habe ich mich einfach nur noch gut gefühlt“.

Anschließend half ich den Jugendlichen, ihre Erfahrungen einzuordnen. Die ersten beiden hatten sich von ihren Gedanken forttragen lassen aus dem aktuellen Moment in eine schöne Erinnerung. Und ich erklärte ihnen, dass das wunderbar sei, dass es aber neben diesen schönen Gedanken eben auch sehr viele unangenehme gebe, die uns aus dem Jetzt fortziehen können und Angst, Sorge und Stress auslösen, obwohl diese Gefühle im Moment eigentlich gar nicht von Relevanz seien. Für die meisten Menschen ist dies ein unbewusster Prozess, der andauernd stattfindet.

Bei Andrea dagegen hatte sich etwas anderes ereignet. Sie machte genau die Erfahrung, die David Steindl-Rast als Konsequenz aus seiner Strategie des Stop-Look-Go beschreibt: Allein durch die Verlangsamung der Wahrnehmung war sie in einen Zustand des Glücklichseins gelangt – ganz aus sich selbst heraus und ohne jedes Hilfsmittel.

Dann erinnerte ich sie an DSL’s Definition von einem Geschenk:

A gift is something meaningful that is given to you freely.

Und ich schloss die Stunde mit den Worten:

And as I have the impression that the shells are meaningful to you you can keep them as a present of mine.

Seitdem ich meditiere, gelingen mir manchmal solche Stunden. Sie sind kleine Inseln, auf denen ich durchatme, inmitten eines stürmischen Ozeans, indem wir ansonsten so oft nur ums Überleben kämpfen.

Pindo

Eine Formel für Glück (1)

 

Ein Vortrag von David Steindl-Rast bei einem TED-Treffen 2013 in Edinburgh inspiriert mich seit Wochen. In den 15 Minuten erläutert der Benediktinermönch, für mich einer der ganz großen spirituellen Lehrer unserer Zeit, den Zusammenhang zwischen Glück, Dankbarkeit und Achtsamkeit.

Auf die Essenz reduziert sag DSL aus:

  • Alle Menschen vereint, dass sie zuallererst danach streben, glücklich zu sein.
  • Die Voraussetzung für Glück ist das Empfinden von Dankbarkeit (Und nicht etwa umgekehrt!)
  • Die Voraussetzung für das Empfinden von Dankbarkeit schaffe ich, indem ich meine Wahrnehmung des Alltags bewusst verlangsame.
  • Wir können diese Verlangsamung mithilfe einer Strategie erreichen,  die wir  unseren Kindern beibringen, um sicher über die Straße zu kommen: STOP. LOOK. GO! Dabei steht GO für die der jeweiligen Situation angemessene Handlung. In den meisten Fällen besteht sie nach Aussage von DSL einfach in einem ENJOY, der Aufgabe, den jeweiligen Moment als Geschenk anzunehmen und zu genießen.

Wie ist Ihre Reaktion? Ziehen Sie sich beim Lesen innerlich bereits zurück mit einem verhaltenen „Na ja …, aaaaber ….“?

Dann bitte ich Sie, ebenso wie alle anderen, sich für den Moment eines Urteils zu enthalten,  damit eine der Grundhaltungen der Achtsamkeit zu üben und 15 Minuten Ihres Lebens zu investieren, um dem Vortrag zu lauschen, so wie ich es mit den Schülern meines Leistungskurses gemacht habe: mit einer Haltung des „Ganz Ohr Seins“, der sich möglichst umfassenden Hingabe an Ihre Fähigkeit, zu lauschen.

Nach dem Hören bitte ich Sie, für eine Minute die Augen zu schließen und auf eine mögliche Resonanz des Gehörten in sich zu achten.

Was empfinden Sie? Vielleicht mögen Sie Ihre Reaktion in einem kleinen Kommentar zu diesem Blogeintrag niederschreiben? Ich bin gespannt.

To be continued …

Pindo

 

 

Ein achtsamer Blick auf den Schulhof

Vor einigen Wochen habe ich die Schülerinnen und Schüler in meiner Achtsamkeits-AG in eine Technik der Sehmeditation eingeführt. Das Vorgehen ist einfach: Wir nehmen uns vor, „ganz Auge zu sein“, das heißt, den Fokus für mehrere Minuten exklusiv aufs Sehen zu richten. Immer, wenn wir uns bewusst werden, dass unsere Gedanken abschweifen, reagieren wir darauf mit wohlwollender Aufmerksamkeit und erneuern dann unseren Fokus des Sehens. Einigen hilft es, den Fokus zu intensivieren, indem sie sich mit ihrer mentalen Stimme in einem Rhythmus von mehreren Sekunden immer wieder aufs Neue sagen: „Sehen! … Sehen!…“.

Ausgangspunkt für diese spontane Übung war die Frage eines Teilnehmers, ob ich einen Tipp habe, wie er seinen „inneren Schweinehund“ überwinden könne, wenn er – wie so oft – keine Lust habe, mit den Hausaufgaben zu beginnen.

Ich schlug darauf hin diese Sehmeditation vor. Wir begannen, indem wir für 3 Minuten den Tischen, an denen wir saßen, unsere volle Aufmerksamkeit widmeten. Anschließend berichteten alle Schüler, dass sie nach kurzer Zeit begannen, Dinge zu entdecken, die sie vorher nicht gesehen hatten. Die Folge war, dass sie dann anschließend mit gesteigertem Interesse auf die Suche nach weiteren Details gingen, die ihnen vorher entgangen waren.

Ich half ihnen, zu verstehen, dass sie da eine eigentlich sehr bedeutsame Erfahrung gemacht hatten. Es war ihnen nämlich gelungen, aus dem Nichts heraus Interesse an einem zunächst völlig banalen  Gegenstand zu entwickeln. Dieses faszinierende Phänomen habe ich erstmals durch die Unterweisungen von Soryu Forall, dem „Erfinder“ der Achtsamkeitsprogramme MIND THE MUSIC und MODERN MINDFULNESS kennen gelernt. Er zeigt Jugendlichen, dass sie sich so ganz einfach selbst motivieren können. Für die meisten Jugendlichen, die in der Schule selten wissen, warum sie das alles tun sollen, kann die Entwicklung dieser Fähigkeit einen entscheidenden Impuls für mehr Erfolg und Zufriedenheit in ihrem Leben geben.

Dann bat ich die Teilnehmer/innen, aus dem Fenster zu sehen und für ein paar Minuten nichts anderes zu tun, als den Blick auf den Schulhof (vgl. Foto) zu richten und den Fokus immer wieder zu erneuern. Wir sahen:

Bäume über Bäume,
die aus der Erde empor wachsen,
hunderte verschiedener Töne von
Grün, Gelb und Braun,
tausende herumschwirrender Marienkäfer,
schemenhafte Schornsteine im Dunst am Horizont,
die Mäander einer Weinranke auf einer Hauswand,
Saugnnäpfe einer Pflanze
direkt vor uns im Fensterrahmen

Anschließend ergab der Austausch, dass alle Meditierenden das fokussierte Sehen als extrem angenehm empfunden hatten. Es führte zu regelrecht wohligen Körpergefühlen. Ein Schüler berichtete außerdem, wie ihn die Saugnäpfe der Pflanze vor ihm (vgl. Foto) faszinierten und dass er zunächst den Impuls hatte, sie abzureißen, dann aber zu dem Schluss kam, das man so etwas Schönes nicht einfach zerstören dürfe.

Solche Erfahrungen zeigen mir immer wieder aufs Neue wie wichtig es ist, Jugendliche an die Achtsamkeit heranzuführen. Sie kommen durch diese Übungen mit sich selbst in Kontakt. Sie lernen, ihr eigenes Wohlempfinden zu steigern, indem sie in sich hinein fühlen oder die Umgebung, in der sie sich befinden, achtsam wahrnehmen. Und sie lernen Empathie – und sei es mit den Saugnäpfen einer Pflanze, die zu einem Wundwerk der Schöpfung wird.

Solche Jugendliche brauchen wir, heute mehr denn je.

Pindo

PS: Diese Sehmeditation habe ich bei meiner Beschäftigung mit Shinzen Youngs inspirierendem Meditationssystem Basic Mindfulness kennen gelernt. Interessierte finden hier weitere Hinweise und sehr wertvolle Übungsanleitungen.

Lehrer im Frühsommerglück

Ja, mein Beruf ist wunderschön, vor allem in den Wochen vor den Sommerferien, wenn die Arbeiten korrigiert und die Noten eingetragen sind und ich mit meiner Klasse noch einen Abschlussausflug unternehme. Mit der Draisine fahren wir auf einem stillgelegten Bahngleis von Zossen nach Mellensee, südlich von Berlin und dann mit dem Hydrobike aufs Wasser.

Da wird der Geist ruhig, das Auge verschmilzt mit den Blautönen der Umgebung und der See erscheint so unendlich wie der vor mir liegende Sommer.

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Die neuen Leiden der Generation W.

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Vergangene Woche gab ich während der Projekttage an unserer Schule eine Einführung in die Achtsamkeit für Schülerinnen und Schüler der 7. und 8. Klassen, unsere „Kleinen“ also.

Wir experimentierten damit, wie die Beobachtung des eigenen Atems oder eine Reise mit der Wahrnehmung durch den Körper uns helfen kann, im aktuellen Moment zu bleiben. Die Schüler erkannten schnell, dass dadurch die Gedanken und Gefühle, die an andere, nicht aktuelle Momente geknüpft sind, in den Hintergrund treten – und dass dies eine Erleichterung sein kann.

In diesem Zusammenhang kamen wir auch auf unsere Handys zu sprechen. Ich fragte, wie sie die Geräte einschätzten, ob sie uns eher helfen könnten, im Moment zu sein oder ob sie das Gegenteil bewirkten. In der Folge ergab sich eine sehr reghafte Diskussion zwischen den 15 Experten in meiner Runde, die, im Alter von 12-13 Jahren, alle ein Smartphone haben und die es gewohnt sind, über diese permanent in einem Klassen-Chat miteinander in Verbindung zu stehen.

Natürlich haben die Kids kein Bewusstsein davon, dass sie die erste Generation sind, die mit einer solchen digitalen Dauerverbindung zuteinander aufwachsen. Die meisten fanden diese Art der Kommunikation cool oder einfach normal. Einige erzählten aber auch nachdenklich, dass sie es schon anstrengend fänden, dem Dauergeschnatter folgen zu müssen, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Und sie berichteten von einem Stressfaktor, den ich so als Jugendlicher definitiv nicht hatte: Alle finden es sehr belastend, dass das Chat-Programm ihnen sofort zeigt, ob ihre Nachricht an einen Freund angekommen ist und ob er diese gelesen hat. Sobald dieses Signal erscheint, beginnt bei ihnen das Warten auf die Antwort. Bleibt sie aus, fühlen sie innere Ungeduld und auch Ärger, der sich dann beim nächsten persönlichen Treffen in einem regelrechten Streit entladen kann: „Warum hast du denn nicht geantwortet? Das fand ich total doof!“ Andererseits fühlen sie sich selbst unter enormem Druck, wenn sie selbst eine Nachricht erhalten, keine Lust haben zu antworten und genau wissen, dass bei ihrem Freund genau die oben beschriebene Reaktionskette abläuft.

Ich war sehr beeindruckt. In meiner Schulzeit war ich mittags immer heilfroh, wenn ich bis zum nächsten Tag aus dem sozialen Gefüge meiner Klasse aussteigen konnte und wieder Privatmensch wurde. Dann konnte ich mich mit meinem Freund verabreden und mich mit ihm ganz darauf konzentrieren, unseren Nachmittag zu genießen. Wir spielten miteinander Fußball, redeten über den Morgen, lästerten auch über andere, waren aber immer bei uns und mit uns allein. Heute haben die Jugendlichen ihr Handy immer dabei und sind darüber fortlaufend im digitalen Netzwerk ihrer Freunde und Feinde mit all ihren Ansprüchen und Gehässigkeiten gefangen.

Wir Erwachsene klagen oft über die permanente Verfügbarkeit, die wir als belastend empfinden, wenn wir über E-mail und andere Kommunikationskanäle auch abends und am Wochenende erreichbar sind. Nun habe ich verstanden, dass unsere Kinder noch einen Schritt weiter gehen, indem sie sich dieser Verfügbarkeit ganz freiwillig und unter dem Druck, cool sein zu müssen, auch in ihrem Privatleben aussetzen.

Dieses neue Leiden der Generation Whatsapp weckt mein tiefstes Mitgefühl.

Pindo

Achtsamkeit, Charakter und Erziehung (1890)

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Im Jahr 1890 formuliert William James, der Begründer der amerikanischen Psychologie in seinen Principles of Psychology:

„The faculty of voluntarily bringing back a wandering attention, over and over again, is the very root of judgment, character, and will. No one is compos sui [master of himself] if he have it not. An education which should improve this faculty would be the education par excellence.“

Hier meine eigene Übersetzung der Passage

Die Fähigkeit, die umherwandernde Aufmerksamkeit wieder und wieder willentlich zurück zu holen, ist die Grundlage von Urteilskraft, Charakter und Willenskraft. Niemand ist Herr seiner selbst, wenn er sie nicht hat. Eine Erziehung, die diese Fähigkeit förderte, wäre eine Erziehung par excellence.

Meine eigenen Erfahrungen mit Achtsamkeit sowie viele Gespräche mit Praktizierenden zeigen mir, dass James Recht hat.
Wie schön, dass uns Lehrerinnen und Lehrern heute, 125 Jahre später, immer mehr Ansätze zur Verfügung stehen, mit denen wir diese „Erziehung par excellence“ umsetzen können.
Pindo