Archiv der Kategorie: Schule

Die Worte in sich einlassen – Hesse über achtsames Zuhören

Kürzlich nahm ich erstmals seit meiner Jugend wieder Hermann Hesses Siddharta in die Hand. Dabei fiel mir die folgende Szene auf, in der der Fährmann Vasudeva seinem Gast Siddharta zuhört, wie dieser stundenlang aus seinem Leben erzählt:

Bis tief in die Nacht hörte ihm der Gastgeber zu: „Alles nahm er lauschend in sich auf, Herkunft und Kindheit, all das Lernen, all das Suchen, alle Freude, alle Not. Dies war unter des Fährmanns Tugenden eine der größten: er verstand wie wenige das Zuhören. Ohne, daß er ein Wort gesprochen hätte, empfand der Sprechende, wie Vasudeva seine Worte in sich einließ, still, offen, wartend, wie er keines verlor, keines mit Ungeduld erwartete, nicht Lob noch Tadel daneben stellte, nur zuhörte. Siddhartha empfand, welches Glück es ist, einem solchen Zuhörer sich zu bekennen, in sein Herz das eigene Leben zu versenken, das eigene Suchen, das eigene Leiden.“

(Aus: Hermann Hesse, Siddharta)

Die Worte in sich einlassen, still, offen, wartend, geduldig, ohne zu urteilen, nur zuhören. Genau diese Haltung üben wir im Achtsamkeitstraining ein. Wir hören Musik und lauschen Klassenkameraden, die über ihre Erfahrungen berichten oder auch im Unterricht Referate halten.

Anschließend, wenn ich meine Schüler frage, wie sie sich bei dieser Art des Zuhörens fühlen, ist die Reaktion stets gleich: Die Lauschenden genießen die Erfahrung, weil sie entspannt bleiben und viel mehr verstehen als sonst. Die Redenden genießen die vollkommen ungewohnte Aufmerksamkeit, die ihnen die anderen entgegen bringen.

Schüler, die im Jahr 2014 für Augenblicke zu jungen Vasudevas werden…

Glücksmomente.

Pindo

Achtsamer Schullalltag (2) – Gespräche mit Schülern führen

Hier der zweite Tipp für einen achtsamen Moment in der Hektik des Schulalltags:

Wenn ich heute ein Gespräch mit einem Schüler führe, wende ich ganz bewusst die Achtsamkeitstechnik des „Hören außen“ aus dem Konzept von Shinzen Youngs Basic Mindfulness an. Sie ist ganz einfach und besteht darin, bewusst den Geist auf den eigenen Gehörssinn zu lenken. Sobald die Gedanken weg driften, stelle ich das mit größtmöglicher Gelassenheit fest und fokussiere dann wieder das Zuhören.

Wichtig ist, die Technik in beide Richtungen anzuwenden: Wenn ich meinem Gesprächspartner so zuhöre, nehme ich viel mehr von der Situation wahr, in der sich der Schüler mir offenbart. Höre ich mir selbst beim Sprechen zu , verlangsame ich automatisch mein Redetempo und habe dadurch die Möglichkeit, meine Worte mit mehr Sorgfalt zu wählen.

So ändert sich oft die Qualität des Gesprächs – in seiner Form, aber auch der Inhalt des Gesagten. Wir gehen vertrauensvoller miteinander um und schaffen gemeinsam etwas ganz Neues, Kostbares im Schulalltag.

Pindo.

Achtsamer Schulalltag (1) – achtsam in den Unterricht starten

Während die Schüler im Klassenraum ankommen, herumwuseln, ihre Sachen herausnehmen und sich miteinander beschäftigen, konzentriere ich mich kurz auf meinen Atem. Dann richte ich den Fokus auf mein Sehen und richte meinen Blick kurz und konzentriert auf jeden Schüler. Ich versuche, seiner Mimik zu entnehmen, wie er gerade „drauf“ ist und nehme innerlich Kontakt mit ihm auf. Gleichzeitig achte ich darauf, was die konkrete Situation mit mir anstellt: Welche Emotionen erzeugt die Unruhe der Klasse bei mir? Steigt Ärger auf? Wo spüre ich ihn? Wie verändert er sich, wenn ich mit auf meinen Atem konzentriere?

Wenn ich mich anschließend vor die Klasse stelle, um die Stunde zu beginnen, kommen die Schüler meist schneller zur Ruhe. Wir begrüßen uns und legen entspannt los.

Der gesamte Vorgang dauert höchstens zwei Minuten. Mit dieser Technik habe ich einen täglich mehrfach wiederkehrende Stressmoment des Schulalltags („Wann sind die endlich ruhig!!!“) in eine Erfahrung der Achtsamkeit verwandelt.

Pindo

Schule ist Leben

Schule, das ist … Lärm … Eile … Hektik … Gewusel … Ansprüche … Termine … Auseinandersetzungen … Ärger … Enttäuschung … Wut …

Viele Menschen, die mit Schule zu tun haben – als Lehrer, Schüler, Eltern – reduzieren Schule darauf. Die Medien tragen ihren Teil dazu bei, dieses Bild zu verfestigen. Überall ist die Rede von Unfähigkeit und Unzulänglichkeit, Versagen. Je nach politischer Couleur des Schreibenden sind die Unfähigen pauschal die Schüler, die Eltern, die Lehrer, die Politiker, die Bildungsforscher, die Unesco, unsere Gesellschaft, die den Bach runtergeht, das unfähige Land Berlin, das noch nicht mal einen Flughafen bauen kann, kein Wunder bei solch einem Bildungssystem…

Alle urteilen in jedem Moment über alles, zementieren ihre jeweiligen Wahrheiten und verstecken sich in ihren Schützengräben.

Die Folgen dieses Vorgehens sind gravierend: Solange ich so denke, kann ich nicht begreifen, dass dieser Blick auf Schule unangemessen reduziert ist: Schule ist so sehr viel mehr!

Letztlich ist sie die Summe aller Erfahrungen und Emotionen, die wir mit und in ihr wahrnehmen, ein Dschungel, mit vielen Schattenbereichen und eben so vielen sonnendurchfluteten Lichtungen. Für uns, die wir mit Schule täglich zu tun haben, ist sie nichts anderes als ein wichtiger Teil unseres Lebens.

Seitdem ich von Achtsamkeit weiß, d.h. von der Möglichkeit, den jeweiligen Moment urteilsfrei wahr- und anzunehmen, gelingt es mir viel besser, dies zu erkennen und diesen Teil meines Lebens wert zu schätzen. Ich erlebe nach wie vor Lärm, Eile, Ärger, … bemühe mich nun aber darum, sie so genau wie möglich wahrzunehmen und mich in ihnen zu erfahren. Und ich erkenne mit größerer Leichtigkeit all die vielen flüchtigen Glücksmomente, die Schule bietet und erlebe sie intensiver.

Ich werde in der nächsten Zeit darüber berichten, wie ich mir in den vergangenen Monaten Verhaltensweisen angewöhnt habe, die mir Momente der Achtsamkeit bescheren, und die auf ganz unspektakuläre Weise meine Alltagserfahrung von Schule transformiert haben.

Pindo

 

 

 

 

Sich beim Denken zusehen

Jede Woche beginnen wir unsere Achtsamkeits-AG mit einem kurzen Wochenrückblick: Gab es Momente im Alltag, die wir durch Achtsamkeitspraktiken anders erlebt haben?

In dieser Woche gab mir eine Schülerin einen Text, den sie für mich niedergeschrieben hatte. Darin reflektiert sie ihre Erfahrung mit einer Übung, die sie „Sich beim Denken zusehen“ nennt: Ich hatte die Gruppe gebeten, für ein paar Minuten die Augen zu schließen und sich der inneren Bilder und inneren Stimmen bewusst zu werden, die als permanentes Hintergrundrauschen in uns allen gegenwärtig sind. Dabei sollten Sie versuchen, sich nicht mit diesen zu identifizieren, sondern vielmehr die Rolle eines gelassenen Beobachters einzunehmen. Hier nun die Schülerin:

„Mit Achtsamkeit hatte ich eine gute Erfahrung, als mich vor ein paar Abenden mal wieder der übliche Selbstkritiker einholte, den ich so oft wegschiebe. Nach der Erfahrung in der AG ging ich an diesem Abend anders mit dem Kritiker um. Ich konnte ja sowieso nicht schlafen und deswegen saß ich nun eineinhalb Stunden im Bett und sah mir beim Denken zu. Für mich war das ein unglaublich leerendes und gutes Gefühl und ich schlief danach besonders ruhig. Außerdem hatte ich selbst am Morgen noch das Gefühl, als würde es nachhallen.“

Pindo

Achtsamer Flow im Spanischunterricht

Die Doppelstunde gestern war eigentlich Alltagsgeschäft: Einführung in eine neue Lehrbucheinheit mit einer Spanischklasse im zweiten Lernjahr war angesagt.

Im Mittelpunkt stand eine Comicsequenz, die auch in einer Audiofassung vorlag:  Eine Clique von Freunden trifft sich nach den Ferien wieder und tauscht sich über die Ferien und den bevor stehenden Schulbeginn aus.

Zu Beginn hatte ich einen groben Unterrichtsplan im Kopf. Dann schaute ich aber in die müden Gesichter der Gruppe und begann spontan mit einer Achtsamkeitsübung. Die Klasse kennt das sehr einfache Schema dieser ca. fünfminütigen Einheit bereits und liebt es:

Wir fokussieren zunächst nacheinander Füße, Hände, Schultern,  dann den Atem und beobachten ihn für einige Zeit. Während der Übung sage ich den Schülern mehrfach, dass ihre Gedanken nun vermutlich auf Wanderschaft gingen und dass dies völlig normal sei. Sie sollen die Aufmerksamkeit dann einfach gelassen zum Atem zurück bringen.

Nach etwa drei Minuten wechseln wir den Fokus  vom Atem auf das eigene Hören, wir verschmelzen gleichsam mit den Ohren,  horchen gemeinsam auf all die Geräusche um uns herum, Gepolter auf dem Gang, das Summen des Projektors am Whiteboard, die Vögel draußen in den Bäumen, Wind, Stühleknarren, Husten , …

Wieder erinnere ich an die Normalität des Gedankenflugs und die Möglichkeit, einfach immer wieder aufs Neue zurück zu kehren zum Fokus, in diesem Fall zum HÖREN.

So weit so gut. Der Ablauf ist meinen Schülern und mir vertraut und inzwischen ein Garant für fünf Minuten Wohlgefühl. Gestern geschah dann jedoch etwas Neues:

Ich bat die Schüler spontan, den Fokus Hören bei zu behalten und in ihrem entspannten Zustand die Hörfassung des oben beschriebenen Textes anzuhören. (Hier der Link zu einer ähnlichen Erfahrung mit meinem Leistungskurs Englisch.)

Ich gab den Schülern einen einfach gehaltenen Auftrag, der darauf abzielte, nur die wesentlichen Aspekte der Situation zu erfassen: Wer unterhält sich in welcher Situation ganz grob worüber?

Nach dem Anhören tauschten sich die Schüler mit ihren Nachbarn über ihre Erkenntnisse aus und ich notierte diese an der Tafel. Dabei übertraf die Klasse meine Erwartungen deutlich.

Ich beglückwünschte die Schüler zu ihrer Leistung und wies sie dann auf eine Beobachtung hin, die ich während des ersten Hördurchgangs gemacht hatte: Trotz der vorgeschalteten Entspannungsübung hatten auch diesmal mehrere Schüler wieder nach Einsetzen der Aufnahme mit spontaner Ablehnung reagiert: „Boah ist das schwer, ich verstehe ja kein Wort.“ Ich zeigte auf die gesammelten Informationen auf der Tafel, die dieser Selbsteinschätzung völlig zuwider liefen. Dann hielt ich ihnen einen Minivortrag über die Angewohnheit von uns Menschen, unsere Sinneseindrücke immer sofort zu beurteilen, anstatt sie einfach erst einmal wirklich wahr zu nehmen. Dabei griff ich auf mein Wissen aus dem MBSR-Kurs bei Karin Wolf zurück, in dem wir das Nicht-Urteilen als eine der meditativen Grundhaltungen eingeübt hatten. (Vgl. hierzu diesen Eintrag.)

Ich bat die Schüler nun, sich nochmals kurz zu entspannen und den Fokus Hören wieder aufzubauen, um der Tonaufnahme ein zweites Mal zu lauschen. Diesmal sollten sie jedoch bewusst versuchen, Urteile jeglicher Art zu vermeiden.

Die Ergebnisse waren für mich spektakulär. Die Schüler hörten eine Vielzahl von Details heraus, anschließend stand die Geschichte in ihren wesentlichen Punkten klar erkennbar an der Tafel.

Nun lasen wir den Comic gemeinsam und hörten dazu nochmals die Tonfassung. Zwischendurch unterbrach ich an mehreren Stellen, stellte kurze Verständnisfragen und erläuterte ein neues grammatisches Phänomen.

Dann traf ich die nächste Entscheidung aus dem Moment heraus. Ich bat die Schüler, die Texte zu verdecken, ihre Augen zu schließen und eine Minute in Stille auf ihre innere Stimme zu lauschen, die ihnen nun wichtige Wörter aus der Geschichte vorsagen würde.

Die Plenumsphase anschließend ergab ein wahres Feuerwerk von neuen Wörtern, an die sie sich erinnerten.

Nächste Idee – Assoziationen! „Nun machen wir eine Wortkette: Ein Schüler sagt ein Wort aus der Geschichte, der nächste sagt ein anderes, das ihm in den Sinn kommt, wenn er das vorherige Wort hört und so weiter.“ So wiederholten wir die Wörter nochmals, in anderer Reihenfolge und festigten sie durch den assoziativen Charakter der Übung.

Beim Austauschen der Wortassoziationen griff ich nochmals kurz ein und schlug den Schülern vor, den Fokus Hören aus der formellen Übung vom Stundenbeginn nun auch auf den Austausch mit den Klassenkameraden zu übertragen. So, wie wir vorhin dem Text gelauscht hatten, könnten wir nun den Stimmen der anderen im Raum zuhören.

Die Folge war eine konzentrierte Stille, stets nur unterbrochen von der Stimme eines einzelnen Schülers, eine Stille, in der man die Energie der Gruppe förmlich mit Händen greifen konnte. Schüler, die sich zuhören und austauschen, ohne dass man für Disziplin sorgt – Sternstunden für jeden Pädagogen. In den vergangenen Monaten hatte ich sie schon öfters direkt nach einer Achtsamkeitsübung erlebt. Nie jedoch hatten sie so lang angehalten wie diesmal.

Während die Schüler im Austausch waren, überlegte ich mir den nächsten Schritt: Logisch,  Schreiben passte jetzt. Also: „Nehmt euch ein Blatt Papier und formuliert einzelne Sätze, die zur Geschichte passen. Die Sätze müssen nicht unbedingt im Zusammenhang zueinander stehen.“

Die Schüler setzten sich hin, sofort setzte das übliche Gemurmel mit den Tischnachbarn ein und die Konzentration brach binnen Sekunden in sich zusammen. Darauf ergriff ich wieder spontan kurz das Wort und schlug ihnen vor, noch einen neuen Fokus auszuprobieren. „Probiert es jetzt einmal mit SCHREIBEN. Jedes Mal, wenn eure Gedanken auf Wanderschaft gehen, bringt ihr sie zurück zum SCHREIBEN.“ Wieder war die Wirkung umwerfend. Sofort kehrte die Energie zurück. Für die nächsten 10 Minuten formulierten alle Schüler mit Sorgfalt Sätze in ihrem Spanisch.

Es folgte eine weitere Plenumsphase, in der ein Schüler einen Satz vorlas und anschließend selbstständig einen anderen Schüler dran nahm. Zwischendurch schlug ich den Vorlesenden kurz vor, mit Hilfe des Fokusses SPRECHEN der eigenen Stimme mehr Druck zu verleihen. Auch das wurde sofort umgesetzt und die Schüler waren sofort besser zu verstehen.

Dann ging diese ganz besondere Doppelstunde, in der wir ohne Pause gearbeitet hatten, zu Ende. Ich lobte die Schüler nochmals  und dankte ihnen für die konzentrierte Mitarbeit. Abschließend sagte ich Ihnen, ich wollte eine schriftliche Hausaufgabe erteilen. Ich fragte, wie eine Schreibaufgabe aussehen könnte, in der all das heute Gelernte nochmals zusammen fließen würde und die für sie interessant zu bearbeiten sei. Gemeinsam entwickelten wir so folgenden Arbeitsauftrag: Übernehme die Perspektive einer der Personen aus dem Comic und schreibe in dein Tagebuch über das Wiedersehen mit deinen Freunden nach den Sommerferien.

Es klingelte, die Schüler verließen gut gelaunt den Raum. Im Vorbeigehen verabschiedeten sich alle persönlich vor mir.

Zurück blieb ich mit einer Referendarin, die in der Stunde hospitiert hatte. Sie kam nach vorn, pures Staunen auf ihrem Gesicht. Sie schüttelte ungläubig den Kopf und fragte mich, wie lange ich denn an der Planung für diese Stunde gesessen hätte.

Meine Reaktion: Fassungsloses Schulterzucken und zwei Worte: „Reine Improvisation.“

Pindo

 

Sich konzentrieren ist wie … Tubaspielen!

„Was tue ich, wenn ich lernen möchte, die Tuba zu spielen?“

Mit dieser Frage leitete Soryu Forall auf einem Retreat vergangene Woche in Lüneburg-Heiligenthal eine Reflexion ein, die mich immer noch elektrisiert. Die Antwort ist einfach: „Ich spiele die Tuba!“ Die sich anschließende Frage lautet: „Und was muss ich tun, wenn ich lernen möchte, mich zu konzentrieren? – Na klar, ich konzentriere mich!!

Verblüfft Sie die Analogie? Mich inzwischen nicht mehr. Ich habe in den vergangenen Monaten erfahren, dass Konzentration tatsächlich nicht etwa eine FÄHIGKEIT ist, die einige Menschen aus mysteriösen Gründen mehr haben als andere.  Es handelt sich vielmehr um eine FERTIGKEIT, die man relativ einfach erlernen kann, indem man sie immer wieder aufs Neue trainiert.

Den Weg hierzu kann etwa Modern Mindfulness weisen, ein Training zur achtsamen Wahrnehmung für Jugendliche , das auf Shinzen Youngs Ansatz der Basic Mindfulness basiert.

Shinzen Young erklärt achtsames Wahrnehmen als das Zusammenwirken der drei Faktoren Konzentration, Klarheit und Gelassenheit.

Unter Konzentrations-Kraft können Sie sich die Fähigkeit vorstellen, das zu fokussieren, was Sie zu einer bestimmten Zeit für relevant halten. Unter Sinnes-Klarheit können Sie sich die Fähigkeit vorstellen, den Überblick über das zu behalten, was Sie im jeweiligen Moment erfahren. Unter Gelassenheit können Sie sich die Fähigkeit vorstellen, den Sinnes-Erfahrungen zu erlauben zu kommen und gehen, ohne sie abzulehnen oder zu unterdrücken. (Shinzen Young, 5 Wege sich selbst besser kennen zu lernen, S. 9, Übersetzung: Sabine Heggemann)

Das Trainieren der Konzentrationskraft ist vom Prinzip her sehr einfach: Ich wähle einen oder mehrere Bereiche meines Wahrnehmungsapparats (Sehen-Hören-Fühlen),  richte ihn/ sie auf ein Objekt oder ein Ereignis innerhalb oder außerhalb von mir und halte die gewählte  Wahrnehmung so gelassen wie möglich aufrecht.

Mögliche Objekte der Wahrnehmung sind all die Dinge, die wir außerhalb von uns sehen, hören und fühlen, unsere Körperwahrnehmungen sowie unsere Gedanken (in Form innerer Bilder und Stimmen) und Emotionen.

Stelle ich schließlich fest, dass meine Gedanken begonnen haben, in die Vergangenheit oder Zukunft zu wandern,  was in der Regel sehr schnell passiert, nehme ich dies ruhig zur Kenntnis und kehre gelassen zum Objekt der Betrachtung zurück.

Dies ist der Kern des Konzentrierens als Lernvorgang: Ich fokussiere, werde abgelenkt, nehme dies wahr und kehre gelassen zum Fokus zurück, werde wieder abgelenkt, nehme wahr, kehre zurück, zehnmal, hundertmal, tausendmal, …

Soryu erwähnt in seiner Reflexion zwei weitere wichtige Punkte:

  1.  Konzentration als Fertigkeit nimmt auf exponentielle Weise zu. So hat man zunächst kaum den Eindruck, dass sich etwas ändert, mit der Zeit intensiviert sich die Konzentrationskraft dann aber in immer kürzerer Zeit immer mehr.
  2. Das Konzentrieren im beschriebenen Sinne erzeugt eine positive Feedbackschleife, die beim Übenden ein intensives Wohlgefühl auslöst. Konzentrierte Menschen sind also glücklicher.

Überlegen Sie bitte für einen Moment, wie oft Sie in Ihrem Leben  als Eltern, Töchter, Söhne, Lehrer/innen oder Schüler/innen schon folgenden Satz gehört oder selbst gesagt haben: „Mensch, jetzt konzentrier dich doch mal!“ – meist begleitet von einer ziemlich ausgeprägten Ungeduld.

ABER: Hat Ihnen jemals ein Menschen gezeigt, wie das geht – oder haben Sie dies getan?

Eingangs schrieb ich, dass mich Soryus Frage zum Tubaspielen elektrisiert hat. Warum? Für mich ist die Erkenntnis zum „Konzentrieren lernen“ vielleicht die wichtigste in meinem Lehrerdasein. Seitdem ich mit meinen Schülerinnen und Schülern und inzwischen auch einigen Kolleginnen und Kollegen Achtsamkeit übe, erfahren wir alle Tag für Tag, wie gut dies tut, uns und unserer Umwelt.

Achtsamkeit enthüllt hier ihre wahrlich transformierende Kraft.

Pindo.

Frühlingsrausch auf dem Schulhof

16 Uhr auf dem Hof einer Berliner Grundschule:
Um mich schwirren Kinder und berauschen sich an der Freiheit nach Schulschluss .
Und über mir schwirren Bienen und berauschen sich an den ersten Pollen des Frühlings.
Paralleluniversen, erwärmt von denselben Sonnenstrahlen.

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Achtsamer Stundenbeginn

Achtsam eine Unterrichtsstunde beginnen? Bei mir funktioniert es in zwei kleineren Lerngruppen der Mittelstufe inzwischen so gut, dass die 14-jährigen Schüler mich selbst daran erinnern, wenn ich es einmal vergesse.

Das Ritual besteht aus einer fünfminütigen Achtsamkeitsübung, bei der mich eine Klangschalen-App auf meinem Smartphone untestützt. Die Klangschale leitet die Übung ein, markiert die Halbzeit nach zweieinhalb Minuten und signalisiert mit einem dreifachen Klang das Ende.

Wir setzen uns gerade hin, schließen die Augen oder lassen den Blick ins Leere gleiten. Dann nehmen wir drei tiefe Atemzüge, wobei wir bei jedem Einatmen bewusst die Wirbelsäule aufrichten und bei jedem Ausatmen den Körper zur Ruhe kommen lassen.

Anschließend lassen wir die Kontrolle des Atems los, suchen uns einen Ort im Körper, an dem wir ihn weiterhin besonders gut wahrnehmen (Wölbung von Brustkorb oder Bauchdecke, Lufthauch an der Nase) und gehen dazu über, den Atem nur noch zu beobachten.

Weiterhin senden wir mit unserem Geist dem Körper Signale. Jedes Einatmen ist ein Aufrichten, jedes Ausatmen ein Entspannen. Dies können die Schüler verstärken, indem sie mit ihrer inneren Stimme beim Atmen Botschaften formulieren: „Aufrichten … Entspannen..“.

Ich weise die Gruppe darauf hin, dass es völlig normal ist, wenn ihre Gedanken sich nach kurzer Zeit woanders hin begeben. Ich bitte sie, kurz festzustellen, wohin sie sich begeben haben und dabei möglichst gelassen und ohne zu werten vorzugehen. Dann holen sie ihren Geist zum augenblicklichen Fokus, dem Atmen und Entspannen zurück.

Nach etwa der Hälfte der Zeit bitte ich die Schüler, nun ihren Fokus zu ändern. Wir lassen das Entspannen in den Hintergrund treten und konzentrieren uns aufs Hören, verschmelzen mit unserem Hörsinn. Sie hören meine Stimme, Geräusche der Bewegungen von Mitschülern, das Scharren der Tische und Stühle im Raum über uns, Gespräche auf dem Gang, den Lieferwagen des Catering-Unternehmens auf dem Schulhof, Vogelzwitschern … und vermeiden dabei jede Wertung: „Da ist das Geräusch X … wir sitzen hier und hören …“

Nochmals bitte ich sie darum, ihre Gedanken gelassen zurückzuholen, wenn sie sich auf Wanderschaft begeben. Zum Ende gehe ich nochmals kurz zum Fokus Entspannen zurück und lasse die Klangschale die Übung beenden.

Die Wirkung dieser Übung beeindruckt mich immer wieder. Vorgestern,  an einem Freitag in der 7. Stunde (!) begann ich meinen Unterricht wieder auf diese Weise. Aus einer wuseligen, unkonzentrierten Teenie-Schar in verquatschter Vorwochenendstimmung wurde in den fünf Minuten eine deutlich entspanntere Gruppe, die die Ruhe im Raum sichtlich genoss und nun dazu bereit war, noch eine gute halbe Stunde konzentriert meinem Input zu Präpositionen und Ortsangaben im Spanischen zu folgen.

Für mich sind dies magische Momente im Beruf.

Übrigens basiert die Übung auf Inhalten von Modern Mindfulness, einem online-gestützten Programm, das Lehrkräften die Möglichkeit gibt, Achtsamkeitsimpulse auf einfache Weise in den Schulalltag einfließen zu lassen. Entwickelt wurde es am Center for Mindful Learning (Vermont / USA). Der Autor ist Soryu Forall, der „Erfinder“ von Mind the Music .

Derzeit existiert Modern Mindfulness nur in englischer Sprache. Eine deutsche Version ist geplant.

Pindo

Achtsames Zuhören im Englischunterricht

Ein Achtsamkeitstraining wie Mind the Music schult drei Dinge zugleich:

  • Konzentrationsfähigkeit, als Fähigkeit, in einem bestimmten Moment ein Handeln bzw. einen Gegenstand zu fokussieren, alles andere in den Hintergrund zu rücken und den Geist immer wieder aufs Neue auf den gewählten Gegenstand zurück zu lenken;
  • Klarheit der Wahrnehmung dessen, was gerade im Fokus steht und
  • Gelassenheit als geistige Grundhaltung sowie Entspannung als ihre körperlich wahrnehmbare Entsprechung.

(Mehr hierzu in Shinzen Youngs Grundlagenwerk Five Ways to Know Yourself, S. 9ff. Der folgende Link führt zur deutschen Übersetzung.)

Kürzlich konnte ich im Englischunterricht wieder einmal feststellen, wie kraftvoll sich ein solches Training auf das Leistungsvermögen von Schülerinnen und Schülern auswirkt:

Wir sprachen im Leistungskurs Englisch über die Folgen der digitalen Revolution für die Massenmedien und hörten in diesem Zusammenhang ein Radiointerview mit einem Experten für neue Medien. Die Tonqualität war schlecht und der Gesprächsinhalt anspruchsvoll. Nach kurzer Zeit gab ein Teil des Kurses auf und fing an, sich untereinander leise zu unterhalten. Die Folge war, dass nun auch die übrigen Kursteilnehmer/innen wenig Chancen hatten, etwas zu verstehen. Ich ärgerte mich zwar zunächst, reagierte dann aber verständnisvoll, da es angesichts der Tonqualität selbst für mich eine Herausforderung war, den Text zu verstehen.

In der nächsten Stunde bat mich ein Schüler des Kurses, der auch an meiner Mind the Music-AG teilnimmt, um eine Entspannungsübung. Er war müde und hatte Bedürfnis nach einem Moment des Durchatmens. Ich stimmte zu und leitete eine Übung zur Atembeobachtung ein. Nachdem ich feststellte, dass die Schüler alle bei der Sache waren, bekam ich spontan Lust auf ein Experiment:

Ich schlug den Kursteilnehmern, die alle mit geschlossenen Augen ruhig vor sich hin atmeten, nun vor, den Fokus nun von der Atmung auf ihr Gehör zu verlagern. Nach einiger Zeit kündigte ich an, dass ich ihnen direkt im Anschluss an die Übung nochmals das Radiointerview vorspielen würde. Ich bat sie, die Augen geschlossen zu halten und in ihrer Haltung der entspannten Konzentration zu verweilen. Für den Fall, dass die schlechte Tonqualität oder der schwierige Inhalt sie stressen sollte, schlug ich ihnen vor, für einen Moment wieder ihren Atem zu fokussieren und sich über das Ausatmen zu entspannen. Alle Schüler verharrten in ihrer Haltung, ich schritt zur Tafel, startete die Aufnahme und blieb dabei selbst im „Achtsamkeitsmodus“.

Die folgende Erfahrung war spektakulär: Ich stand entspannt im Raum, blickte mit einem Glücksgefühl auf 20 achtsam zuhörende Schülerinnen und Schüler, ließ gleichzeitig die Sprache über das Gehör in meinen Geist einfließen  – und verstand nun jedes einzelne Wort! Nach der Übung stellte ich dann in einem kurzen Gespräch fest, dass es nun auch für den Kurs viel leichter gewesen war, dem Interview zu folgen.

Pindo